Full text: Zeitungsausschnitte über Veröffentlichungen von Herman Grimm: Über Erzählungen und Gedichte

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 26 
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Aber er ging noch nicht. „Liebste Emma," fragte 
er noch einmal sanft, „thut es dir nicht leid, daß ich 
ihn so fortschicke?" Sanft sprach er das, sanft, als 
wenn ein Wagen voll Federn über uns ausgeschüttet 
wird, der uns erstickt. 
„Nein, es thut mir nicht leid," antwortete sie und 
sagte mechanisch nach, waS er gesprochen hatte, denn 
sie selber hatte keine Gedanken und keine Worte. 
Er ging also. Emil stand noch da, wo er vor 
Emma gekniet hatte, sein Hund drückte sich dicht an 
ihn. Tausend Gedanken durchschossen seine jugendliche 
Seele, wie Blitze in einer schwülen Nacht sich kreuzen, 
planlos hin und her. Er sah Albert wieder erscheinen 
und schwor sich, keinen Zoll breit nachzugeben. 
„Gehen wir ein wenig auf und nieder," begann 
dieser ruhig. — „Wie es Ihnen angenehm ist." — 
„Und seyen Sie so freundlich mich anzuhören, denn ich 
habe ziemlich weit auszuholen." — „Desto besser." 
Emil war darauf gefaßt gewesen, lebhaftere Worte 
zu hören. Bedurfte er all des Muthes, mit dem er 
seinen Gegner hatte empfangen wollen? Nein, Herr 
von R. fing an von sich selbst zu erzählen, wie er da 
mals dem Kinde von sich gesprochen; alles brachte er 
wieder vor, und wie er auf Emma seine ganze Zukunst 
gebaut hätte, wie Emil ihm nun alles entreißen wolle, 
er, den er nie beleidigt. Er erzählte nur; kein Wort 
der Anklage, keine Bitterkeit, keine Ironie, nur die 
einfachen Begebenheiten. Und als er die Ereignisse 
des gegenwärtigen Abends eben so gemessen und ohne 
Leidenschaft wiederholt hatte, da plötzlich brach er ab, 
ergriff des jungen Manneö Hand und fragte bewegt: 
„WaS würden Sie jezt thun an meiner Stelle? Reden 
Sie offen, wie ich es gethan habe! Sie sind viel jün 
ger als ich. Ich kenne die Welt, ich bin unzähligen 
Charakteren begegnet, ich habe manchen Mann in Mo 
menten gesehen, wo nichts verborgen bleiben konnte, 
jeder Nerv sich anspannte, jeder Gedanke seine Bewe 
gung forderte: so lernte ich die Menschen kennen, und 
es bedarf jezt nicht erst langen Studiums für mich, 
um den zu enträthseln, den ich mir gegenüber habe. 
Glauben Sie mir, ich bin nicht oft so rückhaltlos ge 
wesen, wie heute gegen Sie, aber ich fühlte, daß ich 
an Ihr Edelstes mich wenden durfte, daß ich Ihnen 
außerdem schuldig war, auch nicht eine vielleicht er 
laubte Maske anzunehmen, mich aufgebrachter zu stellen, 
als ich in der That bin. Ich bin es nicht. Ich be 
greife Sie; alles, was ich bis heute von Ihnen sah 
und hörte, hat Ihnen nur meine Hochachtung erwor 
ben, und als Sie mir vorhin so leidenschaftlich in den 
Weg traten, da sprach Ihre Erregung eben so sehr für 
Sie, als jezt Ihre Ruhe, mit der Sie mich anhören. 
Mornenblatt 1855. Nr. 21. 
Ich habe Ihnen wörtlich wiederholt, welche Fragen ich 
eben dort im Zimmer an meine Verlobte gestellt und 
wie sie mir geantwortet hat. Ich gebe Ihnen mein 
Ehrenwort, daß Ihnen kein Wort vom Gespräche ver 
borgen blieb. Emma liebt Sie nicht. Urtheilen Sie 
jezt frei: was würden Sie thun, wenn Sie an meiner 
Stelle wären — was werden Sie thun in der Ihrigen?" 
Emil fühlte das Beschämende dieser Worte, aber 
dennoch empfand er dunkel, daß eS darauf abgesehen 
war, ihn zu beschämen, und ein leiser Unwille darüber, 
daß auf diese Weise seine Ehre in's Spiel gezogen 
war, hielt den Rest des Muthes aufrecht, der ihn sonst 
völlig verlassen haben würde. Und als eine Stille ein 
trat und er mit seiner Antwort zögernd neben ihm 
weiter schritt, da ward ihm immer mehr offenbar, daß 
diese Offenherzigkeit nichts gewesen als die klügste Po 
litik, und dieser Mißbrauch des Gefühls erbitterte ihn. 
„Würdest du zu so plötzlicher Sanftmuth umgesprungen 
seyn?" fragte er sich, „du? wenn es sich um die Ge 
liebte gehandelt? um Emma?" 
„Ihre Antwort," sagte Albert. — „Gut, ich will 
offen seyn," rief jener aus; „sey dem allem wie ihm 
sey, ich liebe sie dennoch und Sie lieben sie nicht!" 
„Trennen wir uns hier," erwiederte nun schnei 
dend sein Gegner. „Vielleicht kommt Ihnen einmal der 
Gedanke, wie ich gegen Sie war, und wie Sie mir 
vergolten haben." Er wollte ihn verlassen, aber Emil 
hielt ihn zurück. „Sie haben die Wahrheit verlangt, 
ich habe sie ausgesprochen. Sie sagen, daß sie mich 
nicht liebt; ich aber liebe sie, da gibt eö kein Ende — 
kein Aushören. Eher wollte ich mein Leben lassen, als 
die Hoffnung, sie einst zu besitzen. Sie sind ruhig ge 
wesen, Sie sind kühl und gemessen, mir steigt das 
Blut zum Herzen und in die Stirn; es wäre wahrlich 
keine Kunst, mir jezt vorzuwerfen, daß ich wahnsinnig 
sey — wenn ich's nicht wäre, das wäre ein Vorwurf!" 
„Gute Nacht, meinHerr," antwortete trocken Albert, 
drehte sich und ging in gewöhnlichem Gange auf das 
Haus zu. Nach ein paar Dutzend Schritten wandte 
er sich um und sah den jungen Menschen noch immer 
da stehen, schwarz vom hellen Abendhimmel abstechend. 
„Er wird zur Besinnung kommen. Uebermorgen 
reisen wir ab." Mit diesen Gedanken trat er in den 
Saal, wo Therese und ihre Schwester nähend bei der 
Lampe saßen und unschuldig aufblickten, als er her 
an kam. 
Am andern Morgen bat Therese Albert um einige 
Minuten und erzählte ihm, Emma habe ihr den Vorfall 
am vergangenen Abend mitgetheilt, und sie ihr nun 
auch nicht verschwiegen, was Emil ihr am Morgen 
nach dem Balle im Garten sagte. 
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