Full text: Zeitungsausschnitte über Veröffentlichungen von Herman Grimm: Über Erzählungen und Gedichte

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Jtalien. Gute Nacht." Mit diesem Wunsche, dem eine 
äußerst verbindliche Verbeugung folgte, wandte sich Albert 
ab und sezte langsam seinen Weg fort. 
Der junge Mensch stand einen Augenblick wie 
einer, dem ein Schuß dicht vor den Ohren unerwartet 
abgeschossen wird. Er ließ Emmas Verlobten ein 
Dutzend Schritte thun, sprang ihm nach und stellte sich 
ihm in den Weg. „Nach Italien reisen Sie?" — „Ja, 
Herr von M....." — „Und die jungen Damen eben 
falls?" — „Auch die jungen Damen, deren Bruder 
bereits dort ist, wie Sie vielleicht gehört haben." — 
„Und Sie gehen auch mit ihnen?" 
Albert zögerte, hierauf zu antworten. Es war 
noch hell genug, um sich erkennen zu können. Emil 
athmete, wie wenn er eine weite Strecke in rasendem 
Laufe zurückgelegt hätte. Er sah ihm in die Augen 
und Albert firirte ihn durchdringend, sein Blick schien 
mit dem seines Gegners kämpfen zu wollen, dieser aber 
leistete ihm Widerstand. „Ja wohl, ich gehe gleichfalls 
dahin, und mit meinem Freunde, und mit seinen Töch 
tern," sagte er langsam. „Warum? interesiirt Sie das?" 
In dieser Ruhe lag etwas schneidendes — denn sie 
wußten beide genau, einer vom andern, was er dachte 
und wollte — etwas beleidigend herausforderndes. Emil 
besann sich nicht lange. „Sie sind mit Fräulein Emma 
verlobt?" rief er aus. Er verstand es nicht auf Um 
wegen^ den Kampf zu beginnen, er ging gerade auf's 
Centrum los. 
Albert war durchaus nicht aufgeregt, sondern in 
der That so ruhig, wie er sprach und auftrat. Kalten 
Blutes überlegte er mit sich: „Drehst du ihm einfach 
den Rücken zu, wie einem jungen Menschen, der dir 
gegenüber fast noch ein Kind ist, oder gibst du ihm 
eine Antwort, auf die ein Paar Pistolen folgt, oder 
endlich suchst du ihn so sanft als möglich bei Seite zu 
schaffen, wie man einem Bettler, den man beim Steh 
len ertappt hat, doch ein Stück Brod gibt und ihn 
leise zur Thür hinausschiebt, der Bequemlichkeit wegen?" 
Dieß schien ihm das beste zu seyn. „Ja, ich bin mit 
Fräulein Emma verlobt," antwortete er milde. — 
„Und Emma liebt Sie?" — Das klang noch leidenschaft 
licher. — „Danach fragt man nicht!" antwortete er 
schärfer. — „Ich frage aber danach!" — „Ich höre es, 
Herr von M.!" — Albert hätte auflachen können, so 
komisch kam ihm das Gespräch vor. — „Und ich sage, 
sie liebt Sie nicht!" rief Emil, den es in immer größere 
Aufregung sezte, daß man ihm so kühl und ruhig ab 
wehrend Rede stand. Ueber den Accent aber, mit dem 
er dießmal gesprochen hatte, triumphirte das kalte Blut 
des Mannes nicht. ES durchfuhr ihn etwas und klopfte 
ihm in den Schläfen. „Was gibt Ihnen das Recht," 
fuhr er auf, „mir hier über eine Dame Aufschlüsse zu 
geben, die Ihnen unbekannt ist, und von der Sie selbst 
annehmen, daß sie mir sehr nahe steht? Glauben Sie, 
ich wäre der Mann, um mich auf dergleichen Gesprächs 
einzulassen? Gehen Sie. Werden Sie zehn Jahr älter 
als sie sind und antworten Sie sich dann selbst in 
meinem Namen, was Sie als Erwiederung hier ver 
dienten! Gute Nacht, Herr von M." 
Mit diesen Worten wollte er ihn stehen lassen, 
aber es huschte etwas Weißes heran; kein zahmes weißes 
Reh, das über den Weg sprang, nein, das hätte nicht 
so unschuldig ausgelassen aufgeathmet. Das Kind war 
cs, das sich an Alberts Arm hing und wie durch Zau 
berei plötzlich zwischen beiden Männern stand. 
„Komm, liebste Emma," sagte ihr Verlobter und 
wollte kurz mit ihr umwenden. Aber das Mädchen ließ 
Alberts Arm los, unbewußt, als wollte sie ihn nicht 
zurück halten, und sah den an, der ihr so nahe gegen 
über stand. „O, Sie sind es!" rief Emil, und die 
Thränen stiegen ihm in die Augen. Dann kniete er 
vor ihr nieder, so leicht, so schlank, als wäre es zum 
erstenmal, daß ein Mann vor einer Frau kniete, als 
hätte niemals auf dem Theater ein Held vor seiner 
Dame diese Stellung angenommen. 
Das Kind schwieg und sah ihn an, und eS war 
ihm, als wäre die von der Dämmerung verhüllte Ge 
stalt des Jünglings leuchtender als die untergehende 
Sonne, so geblendet ruhten seine Blicke auf ihm. Aber 
auch Albert sah plötzlich klarer, als er vordem gethan; 
er fühlte, daß hier der Punkt war, wo eine Schlacht 
verloren wird, oder gewonnen. Seine Besonnenheit 
blieb ihm treu; er ergriff still des Mädchens Hand, 
legte sie wieder in seinen Arm und sagte mit gleich 
gültigem Ton: „Wir gehen jezt, liebe Emma;" dann 
zu Emil gewandt mit befehlenderer Stimme: „Sie er 
warten mich hier, Herr von M., wir haben zusam 
men zu reden." 
Emil blieb unbeweglich auf seinem Platz, Emma 
wandte sich mit Albert dem Hause zu, wo er sie in 
das offen stehende erleuchtete Gartenzimmer führte und 
zu einem Sessel geleitete. „Ich gehe jezt wieder zu 
Herrn von M. hinaus," begann er, „und sage ihm, 
du wünschtest, daß er fortginge. — Oder soll ich nicht? 
Soll er lieber bleiben? Du bist frei; es kommt nur auf 
ein Wort von dir an." 
Frei! Lieber Himmel, sie saß da und dankte Gott, 
daß ihr der Athem nicht ausblieb, denn die Kehle wollte 
ihn durchaus nicht mehr durchlassen. 
„Soll ich ihm das sagen, Emma?" wieder 
holte er. 
„Ja."
	        

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