Full text: Zeitungsausschnitt über Gisela Grimm, geb. von Arnim

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 10 
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von Dr. lüolfgnug Sttuidjlinröt 
Im Sühnt hoi- Mark liegt her reizvolle, wald- 
niiD schluchtenreiche Höhcnzng des Fläming. Sein 
östlicher Teil birgt in seinen Ausläufern ein 
Kleinod deutscher Kultur: die. Arnimstätte Wie- 
persdorf, ein Nokokoschlößchen mit zahlreichen, 
wertvollen Erinnerungen an die Arntm-Brenta- 
itosche Familie; dahinter ein«»romantisch verwilder 
ter, noch heute mit mancherlei Figuren geschmückter 
Park. Hier lebte in der Zeit der Freiheitskriege 
Achim voit Arnim, der märkische Edelmann und 
Gutsherr, der romantische Dichter und Volkslied- 
sammler, zusammen mit seiner genialen Frau, der 
berühmten Bettina. 
Eine stattliche Kinderschar, vier Knaben ttnd 
drei Mädchen, wuchsen in Diepersdorf und dem 
noch schöneren Nachbargute Pärwalde auf, rings- 
um alte Eichen und das eitdlose Grün der Wiesen. 
Wieviel Freiheit die Kinder genossen, zeigt mts 
die Schilderung einer der vielen Wagenfahrten, 
wie sie die Familie immer wieder von dem Land- 
sihe in die Stadt führtest wobei der Höhepunkt die 
Vast im Dorfe war. „Der Mittagshalt in einem 
Dorfe war recht amüsant. Bis die Hühner ge 
braten und die Eier gekocht, stürmten die Junker 
und die Edelfräuleins heraus zur Dorfjngend und 
streiften mit ihr weit über die Felder, krochen 
in die Backöfen und erstiegen die Hctunieten, bis 
man sie endlich durch Signalschüsse inm Esten 
holte." — Mutter Bettina must eine großartige 
Erzieherin gewesen sein. Bei Tanz und Spiel, 
bei Maskenfest und Aufführung immer jung mit 
der Jugend, selber das reinste, ausgelassenste 
Kind; daun wieder ernst tntd gehalten, wettn ein 
Besuchs da, eine Mahlzeit eingenominen wird — 
oder cvtrcnge am Platte ist. 
Wir besitzen einen köstlichen Brief, in deut Achim 
von Arnim seinem Freunde Wilhelm Grimm die 
Geburt seines jüngsten Kindes, der Tochter Gisela, 
meldet. „Liebster WilhelmI Das Vieh tttth die 
Kinder soll man nicht beschrcien, sagt unser Land- 
volk, das heißt seine Gesundheit uttd Schönheit 
nicht rühmen, weil das deut Tettfel einen Lüsten 
macht, es zu verderben. Dieser niederträchtige 
Glaube, der das bißchen Schöpfung, was man zu 
sehen kriegt, in lauter Bedeitklichkeiten hüllt — 
denn das Klagen ist nicht verboten, wo es schlimin 
steht — soll mich nicht abhalten, nicht kleines 
Mädchen als einzig zu preisen, das mir am 
.30. August geboren, ja allen Teufeln zum Trotz 
soll es zu einem frommen Kinde, Jungfrau, Frau, 
Mutter, Großmutter gedeihen — alles durch Gottes 
Gnade." — Diesen Brief beantwortet Wilhelm zu 
Beginn des nächsten Jahres, am 13. Januar 1828, 
ans Kassel. „Liebster Arnim! Ich antworte Dir 
auf Deinen Brief vom 22. September erst heute, 
weil ich Dir die Nachricht, die er enthielt, gern mit 
einer gleichen vergelten wollte, und das kann ich 
endlich. Am 0. Januar ist meine Frau von einem 
gesunden und starken Knaben entbunden worden, 
und beide sind so wohl, daß sie heute schon einen 
großen Teil des Tages außer dem Bette zugebracht 
hat, und wir an die Taufe denken. Das Kind soll 
den Namen meiner beiden Großvater bekommen 
und Herman Friedrich heißen." — Dieser Hcrman 
wurde dann später der bekannte Essayist und Kunst- 
Historiker, dessen „Michelangelo" erst kürzlich 
wieder aufgelegt wurde. — 
Wir wissen, welch treue Freundschaft Wilhelm 
Grimm und Achim von Arnim im Leben verband. 
In ihren Kindern Hcrman trnd Gisela lebt diese 
weiter, und zwar von der frühen Jugend bis ztrm 
Lebensabend. Nachdem sie an verschiedenen Orten 
aufgewachsen sind, lernen sic sich kennen, befreun 
den sich schnell und wachsen zusammen, wie Kame 
raden, die sich nicht mehr entbehren wollen, bis 
schließlich der Bund der Ehe sic vereint. 
Unter^ allen ihren Geschwistertr wuchs Gisela mit 
der Mutter am meisten zusammen. Ihren Vater 
hatte sie kaum gekannt. Er starb eben fünfzig 
jährig, als sie drei Jahre alt war. Alle anderen 
Geschwister genossen eine planvolle, geregelte Er- 
ziehnng. Gisela allein bezog, was sie lernte, von 
ihrer Mutter. Eine Schule hat sie nie besucht. 
Wildwachsend, phantastisch wie ein Feenkind, vcm 
holdem Mutwill beseelt, wurde in ihr eine ticine 
Bettina groß. Denn zweifellos war sic, was Phon- 
taste und Temperament, was Lebensfreude und 
dichterisch-musikalische Begabung angeht, mehr als 
die beiden älteren Schwestern der Mutter ver 
wandt. Aeußerlich freilich hatte sic nichts von 
Bettinens südlichem Einschlag. Eine schlanke, bieg 
same Gestalt, ein feiner, oval geformter . Köpf, 
große,.ausdrucksvolle Augen und besonders schöne 
Hände ließen sie in jeder Bewegung wie für 
Kiinstlerhand geschaffen erscheinen. 
Zn diesen Begabungen gesellt sich die zeichnerische, 
die Gisela ebenso wie die literarische mit 
Herman Grimm verband. Wer das anfangs er 
wähnte Wiepersdorfer Schlößchen heute aufsucht, 
findet im Herrschaftsstnhle der Kirche, die ans dem 
selben Grundstück liegt, eine einfache, anmutige 
Wandzeichnung mit der Darstellung der Flucht nach 
Aegypten. Joseph, an der einen Seite eines 
Baches, reicht der Marin, die wie ein schlichtes, 
deutsches Mädchen gestaltet ist, das Kind auf die 
andere Seite. Dies Bild haben Gisela und Herman 
gemeinsam geschaffen, als Zwanzigjährige,-im Sep 
tember 1817. 
Giselas eigenstes Gebiet ist immer das Lite 
rarische geblieben: das romantische Spielen ttnd 
Gestalten mit dem Wort, sei es im Gespräch, im 
Brief, im Märchen oder auf der höchsten Form- 
stufe, im Drama. Was sic hier von ihren Eltern, 
einerseits dem Vater, andererseits der Mutter, an 
natürlicher Begabung mitbekommen bat, suchte sie 
in einem unablässigen Streben während ihres 
Lebens immer reiner, klarer und bestimmter zu 
fassen. 
Noch zu Lebzeiten Bettinens, im Jahre 1837, er 
scheinen Giselas erste bedeutendere Arbeiten, die 
beiden Dramen „Ingeborg von Dänemark" und 
„Trost in Tränen". Das erste ist der Frait 
Bettina von Arnim, das zweite den Freunden des 
Hauses Herman Grimm und Joseph Joachim ge 
widmet. Den später so berühmten Geiger Joachim 
hatte Gisela einige Jahre vorher in Weimar, wo 
er unter Liszt arbeitete, kennengelernt. Eine leiden 
schaftliche Zuneigung der beiden in vielem' so ver 
wandten, vielleicht nur zu verwandten Naturen 
führte nach einer klärenden Anssprache zwischen
	        

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