Full text: Zeitungsausschnitte über Ludwig Emil Grimm

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 7 
Seite 224 ssGHAAWAssSAAAGZsAGIAAZs Unsere HLlMllt tzODtzOtzGHHHGHtztzGHtzHGtztzHDH Nr. 21/29 
was man noch von Dr. Philipp L TH. Loiich erzählt 
von Peter Dörr, Nhlersbach 
Vorbemerkung: Die interessanteste Biographie, die in unserm 
Blatt erschienen ist, ist die unseres Landsmannes Dr, Lotich 
von Pfarrer E. Freund, die sich durch mehrere Jahrgänge 
erstreckt (1916 Nr. 9/10 bis 1920 Nr. 3/4). Daß im Um 
kreis von Herolz, das er sich als letzte Wohnstätte auser 
sehen hatte, die Erinnerung an diesen merkwürdigen Mann 
noch nicht erstorben ist, geht aus den folgenden Ruf- 
zeichnungen hervor. 
ei Gesprächen, die ich gelegentlich mit alten 
tT/ Deuten über längst Vergangenes führte, klang 
auch hin und wieder eine Erinnerung an 
Dr. Lotich durch. Ich versuchte, dem einmal nach 
zugehen. Absichtlich machte ich Lotich zum Gegen 
stand meiner Unterhaltungen. Jedoch mußte ich bald 
feststellen, daß es nur wenig war, was man noch 
von ihm wußte. Erst als es mir gelang, Leute 
ausfindig zu machen, die auf irgendeine weise zu 
ihm in Beziehung gestanden hatten, konnte ich Schla 
fendes wecken. 
Dr. Lotich und Uhlersbach! 
Uhlersbach spielte im Leben Lotichs eine ganz be 
sondere volle. Diesen Eindruck gewinnt man auch 
aus seinen Uufzeichnungen volkskundlicher Urt. Gar 
oftmals mag er den Fußpfad durchs liebliche Täl- 
chen hinaufgeschritten sein, hier und da den auf 
dem Felde Beschäftigten ein freundliches wort ge 
gönnt haben. Das letztere darf man wohl mit Recht 
behaupten/ denn von allen wurde sein leutseliges 
wesen besonders hervorgehoben. Nicht selten hat er 
auf dem Wege zum wilden Tisch bei Uhlersbachern 
sich länger verweilt, um das zu erfahren, wofür 
wir ihm heute dankbar sind. lNancher mag wohl 
den Kopf geschüttelt haben über den Doktor aus 
Herolz, dessen Ueußeres oft gar wunderlich war. 
Die halblange pfeife war stets seine treue Gefährtin. 
Sie schmeckte- ihm, auch wenn ihr Schwung und 
Spitze fehlten. Der lange schwarze Nock, den er 
nach auswärts zu tragen pflegte, stammte wohl noch 
aus besseren Seiten. Uuf der Ziegelhütte ist Lotich 
häufig gewesen. Ultbürgermeister Rufser kann sich 
dessen noch gut erinnern. Lotich hat an seinem Un 
wesen oft Umbauarbeiten vorgenommen, sodaß er 
Material von der Ziegelhütte haben mußte. Uuch 
ist es keine Seltenheit gewesen, daß die Ziegelhütter 
Pferde und Ochsen Vorspann leisteten, wenn Lotichs 
Gespanne, auf dem Heimwege begriffen, halten blie 
ben. Lotich hatte nämlich den in der Gemarkung 
Hohenzell liegenden wilden Tisch, der ungefähr 80 
Morgen groß war, von dem Bauer Johannes Paul 
gekauft. Man kann es kaum verstehen, wie Lotich 
dazu kam, dieses weit abgelegene und sehr schwierig 
zu erreichende Grundstück zu erwerben. Zwei Stunden 
mögen die schwerfälligen Ochsengespanne bei den 
schlechten Wegeverhältnissen gebraucht haben, um 
hinaufzukommen. Der weg führte am Ostrande des 
Huhnwaldes entlang, ging über die Ziegelhütte, dann 
durch Uhlersbach hindurch und stieg zum wilden 
Tisch empor. (Die Straße Herolz—Uhlersbach wurde 
erst 1889 erbaut.) Oft haben Lotichs Gespanne die 
Dunkelheit mit nach Hause gebracht. Und es war 
durchaus nicht verwunderlich, wenn die Unechte die 
beladenen wagen häufig umwarfen. Die Nechnun- 
gen bei Schmied und Wagner haben sich durch diesen 
Umstand nicht unwesentlich erhöht, sodaß Lotich ge 
zwungen war, den wilden Tisch wieder zu verkau 
fen. Der frühere Besitzer hat ihm sicherlich einen 
großen Gefallen getan, als er das Grundstück wie 
der zurückkaufte. „Ich muß ihn verkaufen, die Kerle 
machen mir alles kurz und klein!" äußerte er seinem 
Nachbar, dem jetzt 95 jährigen Nikolaus Fuchs, gegen 
über. Johannes Paul stand bei Lotich in besonderer 
Gunst/ denn der 8l jährige Kaspar Paul aus Hohen 
zell erzählte mir, bafe sein Vater als „Gaßelhofbauer" 
Lotichs Gut verwaltete, wenn dieser längere 3eit 
abwesend war. *) Lotichs Dienstboten und Tagelöhner 
stammten zum größten Teil aus Nhlersbach. Um 
bekanntesten von diesen war Johannes Euler, das 
hanneschen genannt, viele Jahre hat er Lotich treu 
gedient. Tr starb vor seinem Herrn und liegt in 
Schlüchtern begraben. Noch sechs Jahre blieb die 
Witwe in Herolz bei Lotich wohnen und zog dann 
mit ihren 4 Kindern nach Nhlersbach. Daselbst 
wohnte sie im Gemeindehaus. Da sie vollkommen 
mittellos war, wurde sie auf Kosten der Gemeinde 
beerdigt. Die Tochter, die 68 Jahre alte Witwe 
Helene Bernges aus Hohenzell, erinnert sich noch 
sehr gut, wie sie von Lotich den Nuftrag bekam, 
das Blumengärtchen zu pflegen. Sie hatte die Nuf- 
gabe, jeden Mittag, wenn die Schweine vorbeigetrie 
ben worden waren, das zusammenzukehren und auf 
das Blumenbeetchen zu bringen, was die Borstentiere 
zurückgelassen hatten, hlnd Lotich konnte recht böse 
werden, wenn sie es einmal nicht zur Zufriedenheit 
ausführte. Die Schwester vom hanneschen, Mar 
garete, führte den^haushalt in Lotichs Hause. Sie 
wohnte nach dem (Lode Lotichs in Herolz bei ihrem 
Schwiegersohn Ignaz Faust, der auch längere Zeit 
bei Lotich in Diensten gestanden hatte. Es ist ihr 
an ihrem Lebensabend noch recht schlecht ergangen. 
Nm meisten konnte mir der schon erwähnte Niko 
laus Fuchs aus Herolz erzählen, der sich trotz seines 
hohen Nlters noch körperlicher und geistiger Frische 
erfreut. Mit großer Freude und Hochachtung berichtet 
er von seinem Nachbar Lotich. Immer wieder betont 
er das gute nachbarliche Verhältnis. „Tinen solchen 
Nachbar kriegen wir nicht wieder. Tr war kurant, 
was er versprach, hielt er." Zo und ähnlich charak 
terisierte er Lotich. Pferde, Ochsen und wagen stellte 
Lotich gerne zur Verfügung. Nikolaus Fuchs hat 
sehr viel bei Lotich gearbeitet. Linst mähte er bei 
ihm. Da kam Lotich gerade dazu, als seine neue 
Sense hell aufklang. Lin Baumstumpf war im Wege 
gewesen. „Du bekommst eine neue Sense von mir, 
Nikolaus." — „warum?" — „Ls ist meine Schuld, 
weil ich den Stumpf habe stecken lassen." Beim 
Vreschen half Fuchs ständig. Einmal hatten die 
Drescher verschlafen. Nls Lotich morgens in die 
Scheuer kam, gab er mit harten Worten seinen 
Unwillen kund. Kaum hatte er sich entfernt, so 
nahmen die Drescher ihre Dreschflegel und gingen 
heim. Ls dauerte nicht lange, so stand er wieder 
*) wie sich um die Person L's geradezu Lagen bildeten, 
zeigt eine Bemerkung meines Gewährsmannes: Lotich habe 
von einer Reise soviel Geld mitgebracht, daß er es in einem 
Lacke habe schleppen müssen. 
Nr. 27/29 3 
-KAZsAGAAAG'ZAAbZASZs IXnfCtC lhetMüt GOWGtzGESOtzGtzEtzDEEGSHDOEG Seite 225 
vor Fuchs, und dieser mußte ihm Nede und Antwort 
stehen. Seine etwas harten und kränkenden Worte 
milderte er jetzt wieder, indem er sagte: „Das war 
dock nicht so gemeint, wenn man verschlafen hat. 
kann rrtan’s doch beiholen." Nm Nbend schrieb Lotich 
alles auf, wieviel gedroschen und aufgehoben wor 
den war. 5luch darüber wird gewiß mancher gelächelt 
haben, was half es auch? Venn bald stimmten seine 
Eintragungen doch nicht mehr / das _ wird OM schon 
nach kurzer Zeit beim Besichtigen seiner Fruchtboden 
deutlich geworden sein. 
In Lotichs Haufe brannte am längsten die Lampe, 
häufig ging er erst zu Bett, wenn schon das Takt 
schlagen der Drescher zu hören war. Bis gegen Mit 
ternacht waren im Winter fast allabendlich herolzer 
bei ihm, die sich von dem weitgereisten Doktor gerne 
erzählen ließen. Buch er hat die Gelegenheit benutzt, 
um „auszufragen". Sein treuer Freund Dr. Bern 
stein, so erzählte mir Fuchs, schrieb gleichzeitig aus, 
was ihm von Wichtigkeit erschien. 
Nur wenige wissen noch etwas von diesem eigen 
artigen Manne, der aus Liebe zu seiner Heimat 
Bauer geworden ist. Tief wurzelte er in seiner 
Heimat. Unbegreiflich war es ihm, daß Bauern ihr 
hab und Gut verkauften, um nach Nmerika auszu 
wandern. Nuch ein herolzer verkaufte sein schönes 
Gut mit viel Waldbesitz an die Gemeinde, um dem 
Beispiel anderer zu folgen. Lotich gehörte der Ge 
meindevertretung an und war dabei, als der Kauf 
gerichtlich festgelegt wurde. Ruf dem Heimwege vom 
Nmtsgericht Schlüchtern überkam ihn eine große 
Traurigkeit, als er sah, wie der Verkäufer sein Gut 
im Taschentuch nach Hause trug. Und bei seinem 
Nachbarn äußerte er: „Ich hätte können weinen/ ver 
kauft sein schönes Gut und klopft in Nmerika Steine." 
Kann er uns in der jetzigen Zeit, in der so, vielen 
Heimat und Vaterland gleichgültig geworden sind, 
nicht Vorbild sein? Laßt uns dieses treuen Sohnes 
unserer engeren Heimat stets in Dankbarkeit ge 
denken! 
Briefe des Malers Ludwig Grimm nach Steinau 
(Schluß, 
Nnfangs Vec. kam nun die ,betrübende Nach 
richt von der schweren Erkrankung meines Bru 
ders Wilhelm er lag 9 -Wochen beinahe ohne 
Bewusstem, Tag und Nacht Fieber, Sie können leicht 
denken in welcher beständigen Nagst wir hier lebten, 
mit welcher Nngst wir die Briefe erbrachen die jeden 
Tag kamen aber doch, immer 3 Tage alt waren, 
vor ohngefähr 10 Tagen haben wir den ersten Brief 
-erhalten worin bessere Nachricht stand, und vor eini 
gen Tagen den 2ten wo er nun Gott lob, auf dem 
sichern weg der Beßrung ist, es ist ein recht harter 
Winter für uns alle geweßen. 
Meine Frau hatte sich auf der Nheinreise erkältet 
-es brach aber erst hir aus, u. ich möchte beinahe 
glauben das mein Bruder den Krankheitsstoff auch 
von der Reife her hat. wie unendlich gern hätte 
ich die Reife mitmachen mögen, aber es war nicht 
möglich, meine Frau hat mir viel u. alles von 
ihrem Aufenthalt in Steinau erzählen müssen, u. 
kann nicht genug rühmen wie Sie u. Ihre liebe Frau 
so freundlich gegen sie u. die Meinigen waren. 
(24. Feb. 1842) 
* 
Hm 15 ten d. M. war es Gottes Wille meine 
theuerste Marie zu sich zu nehmen, wir müssen Gott 
danken für die grose Gnade, daß er meine geliebte 
Frau von ihren langen Leiden u. unglaublich grosen 
Schmerzen befreit hat. 
Nachdem sie voriges Jahr um diese Zeit die für 
sie so hocherfreuliche Neiße mit meinem Bruder u. 
Schwägerin machte u. wo sie auch bei Ihnen in 
Steinau war u. nach 14 Tagen wieder hierher kam, 
waren kaum 8 Tage verstrichen so fühlte sie sich 
unwohl, eine starke verkältung die sie sich auf der 
Neiße zugezogen hatte, sie vermuthete selbst ent 
weder von Fulda nach Schlüchtern oder auf dem 
Nhein wo es morgens früh auf dem Schiff windig 
und kalt gewesen sey. hatte sich in der halsrohre 
festgesetzt, so daß ihr das essen beschwerlich wurde, 
alle nur mögliche ärztliche hülfe wurde vergeblich 
angewendet 6 Wochen vor ihrem Ende konnte sie schon 
nichts anders mehr zu sich nehmen wie stärkende 
Getränke, Fleischbrühe u. d. g. u. sie wurde so 
schwach daß sie nur noch muste getragen werden u. 
dabei meist Tag u. Nacht die grösten Schmerzen, die 
sie mit unglaublicher Gedult u. Seelenstärke trug, 
geduldig ja freundlich. 
(28. Nugust 1842) 
So oft auch meine Gedanken in Steinau sind, so 
oft ich dem Ziel, dahin zu kommen schon ganz nahe 
war, so sind fast immer Umstände dazwischen gekom 
men, die es unmöglich machten, u. für dieses Jahr 
scheint mir auch alle Nussicht verschwunden zu sein, 
den 14. d. Monats sind es 2 Jahre daß meine Brü 
der schon in Berlin sind, ich habe sie noch nicht be 
suchen können. Sie können wohl denken wie sehr 
ich verlange sie wieder zu sehn. 
Beikommende vier Thaler ersuche ich Sie, lieber 
Freund, an die arme (Lies) Nmendin Wittwe zu 
verwenden. 
(20. März 1843) 
* 
Mein ältester Brüder hatte vorigen herbst eine 
Reife nach Nom und Neapel gemacht. Nuf dem 
Rückweg überraschte er mich hier, konnte aber nur 
2 Tage bleiben. Man sagt hier, hassenpslug würde 
wieder in hiesige Dienste treten, ich glauhe es aber 
nicht, da er kürzlich zum Mitglied des Staaträts 
in Berlin ernannt worden ist. hier spricht man von 
nichts als von den Eisenbahnen, die meisten wün 
schen sie, die Negierung hat aber, wie es 'scheint, 
keine Lust dazu. Meiner Meinung nach scheint es 
durchaus notwendig, daß sie angefangen werden, 
wenn wir nicht in großen Nachteil gegen andere 
Länder kommen wollen. Langsam vorwärts gehn 
oder gar stillstehn geht jetzt nicht mehr. Ls ist in 
der Welt anders geworden. Der lange Frieden zwingt 
uns, alles rasch anzugreifen, wenn wir mit andern 
Ländern gleichen Schritt halten wollen, sonst geht
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.