Full text: Zeitungsausschnitte über Jacob und Wilhelm Grimm

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z4 
aus i Abendblatt der Frankfurter Zeitung, Nr. 182 
1917, '-Jul.4, S. 2 
■fTST sNodeubcrg bet den Brüdern Grtmm.^ In seinem 
/neuesten Heft setzt „DaS literarische Echo" die Veröffentlichung 
"aus Julius RodenderaS Tagebüchern fort. T-en 
Blättern ,A u i jungen Tagen" entnehmen wir die fol. 
gende Schilderung eines Besuches bei den Brüdern Grimm: 
18. 13. 53. 
So ruhig sich auch nun meine Tage abwickeln, so weih doch 
manches freudige Ereignis ihnen Bewegung urid Lichtpunkte 
zu geben. Box acht Tagen verlebte ich einen sehr innigen, 
glücklichen Abend bei GrimmS. Gleich vom ersten Eint«. 
Ich an fühlte ich mich warm und behaglich, wie kaum zuvor, 
so lang ich hier bin. Die Professorin ist eine liebe Frau, 
voll hessischer Biederkeit und von aller Anspruchslosigkeit, die 
liebenswürdigste Hausfrau, die man sich denken kann. Auguste, 
ihre Tochter, belebt in mir alle Marburger Erinnerungen; 
seit ihrer Bekanntschaft im Ditfurthschen Hause ist sie ganz 
ein Stück meiner Vergangenheit geworden und erinnert mich 
zugleich an den Freund, dessen Verlust ich schmerzlich nach 
empfinde. Zuerst trat Wilhelm ein. ein Mann mit einem 
ruhig^ufriedenen Haupte, mit blauen Aergen und einem 
langen grauen Haare. Er sieht mehr gemütvoll als geistig be. 
deutend auS. Die Milde feines Wesens zieht an, ohne datz 
man sich von seiner geistigen Uebermacht befangen fühlen 
müßte. Anders I a ko b, der nach ihm eintrat. Vor dem 
hat man sofort eine gewisse Scheu; die Lebhaftigkeit seiner 
Äugen fesselt und bindet, aber wenn dann das herzige Lächeln 
seine Züge bewegt, wenn. die ganze Hast seines Wesens sich 
in gutmütige Beweglichkeit verwandelt, dann geht auch jene 
Beklemmung in eine ganz ungewöhnliche Zuneigung, in eine 
trauliche Anziehung über. man fühlt sich ihm wie verwandt, 
und liebt ihn, wie man ehedem als Kind feine HauSmärchen 
geliebt hat. Der „Herr Hofrat" wollte mir nicht recht über die 
Lippen, es war mir immer, als mutzt' ich ihn schlechtweg 
Jakob nennen, wie sein Bruder tat, oder Onkelchen. wie die 
schmeichelnde Auguste. Er ist ein kleiner Mann, der in seinem 
altfränkischen Frack recht wie ein Stück der guten alten Zeit 
aussieht, gar nichts von einem Stubengelehrten und noch we- 
nicjer von dem vornehmen Berliner Professor an sich hat. 
Die hohe Stirne umgraut ein volles Haar und die Augen 
mmkeln So einfach wie die Leute des Hauses war auch 
die ganze Gesellschaft Nichts von diesem hochmütigen Wesen, 
dieser kalten Vornehmheit, die mir selbst bei Varnhagen nicht 
ganz überwürfen schien; alles freundlich, lächelnd, gutmütig.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.