Full text: Zeitungsausschnitte über Jacob und Wilhelm Grimm

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z4 
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U'ber das letztere G- fccht meldet ferner daS »W. T. 8.*: 
Karlsruhe, 11. Januar. Ein Extrablatt der »Karls 
ruher Z itung* veröffentlicht folgendes Telegramm des Ge 
nerals Werder aus Lure vom 10. d. M.: Am 9. d. M. 
überraschte deS 14. Ar« eekorpS dcn Feind, griff ihn in der 
Flank- an und nahm VillerScxel mit Sturm. 16 Offiziere 
und 500 Mann wurden gefangen genommen, 2 Adler erbeu 
tet, während unftre Verluste nicht erheblich find. Wie Ge- 
N"ral Glümer meldet, waren von der badischen Division 
Tb. Uc der 2. und Z. Brigade, sowie 4 Batterien am Kampf 
bethtilitzt. B i Mar-tt fand -in Geschützkanipf st tt; der 
Ort würde mit Anbruch d r Nacht genommen. Die Verlust» 
der D'vifion find unbedrutcu-. 
WaS die Armee des Generals Chanry betrifft, so 
wird ihre Verfolgung, welche im Dezember nach den Ge 
fechten bei Orleans und Beaugercy nur wenig über Ben- 
dbme hinaus ausgedehnt wurde, diesmal ohne Zweifel bis 
Le ManS fortgesetzt werden, welchem unsere Truppen sich 
»»reits bis auf 1 Meile genähert haben. Im Eentrum der 
A gr ff?bcweg >l'n g.'^n den General Chan/y, a f der 
Straße von Bendome über Az y und St. Calais operirten 
Truppen des 3. (SraUdcnburgifchev) Armeekorps, während 
daS 10. Armeekorps (Hannover) weiter südlich in der linksu 
Flanke am Loirn vorrückte. So erklären sich auch die fran- 
zöfischen Telegramme über die Kämpfe am 6. d., welche 
an der Brenne zwischen Vendome und Chateau-Renault 
stattfanden, und bei denen die F änzosen Erfolge erreicht 
haben wollten. Es waren Flankrn-Angriffe auf das vor- 
marschirende 10. Armee-Kotps; ste wurden abgcwi s n, die 
Unsrigen aber fitzten dann ihren Marsch i ; der vorher be 
stimmten Richtung fort, waS der Feind für einen Rückzug 
ausgab, während das weitere Vordringen der deutschen 
Truppen auf Montoire und La Chartre am Loir in feiner 
Wirkung die ftanzSfiscken Ctreitkräfte, die noch Mischen Loir 
und Loire standen, schließlich zum Rückwärtsgehen brachte. 
Sie kamen fot ft in Gefahr, die Verbindung mit der Armee des 
Generals Chanzy zu verlieren und abgedrängt zu werden. 
Auf dem rechten Flügel ging von Nogeui le Rotrou aus das 
13 Armeekorps (Großhcrzog von Mccklenlurf) gegen bcn 
Feind vor. Die Notiz, daß auck das 2. (Pommerschc) 
Armeekorps von P-ris zur Armee des Prinzen Friedrich 
Karl abgesandt worden sei, wird der „N. Pr. Ztg." alS irr» 
thümlich bezeichnet. 
Die französische Hauptarmee ist gegenwärtig die 
unter General Bourbaki im Osten zusammengezogene. 
Sie enthält nicht nur zwei Armeekorps der früheren Loire- 
Armee, sondern auch Alles, waS seit lange in Lyon und Bc- 
fanyon an Gtreitkräften verschiedener Art konzentrirt worden 
ist; auch mit Garibrldi steht ste westwärts in Verbindung. Nach 
Telegrammen des Generals v Glünttr fanden bereits am 
6. Januar bei dem 14. (Werderschen) Armeekorps Re- 
kognoSzirungSgefechte südlich von Vesoul an der 
Straße nach Besar.yon statt, bei denen die Dör 
fer Echenoz le See und Levreccy (^/, rrfp. 
l 1 /^ M. von Befoul) von badenschen Truppen mit einem 
Verlust von 14 Todten, darunter 2 Offiziere, und 27 Ver 
wundeten genommen und 3 Offiziere und 207 unverwurdete 
Gefangene gemacht' 
Einfgrößcrer Zusammenstoß hat, 
spätl^^dwefilich, parallel hem DoübS, "'zur Saone, dit'^ 
zwischen Gray und Auxonne erreicht. Da, wo er die Straße 
von Montbeliard rach Vesoul kreuzt, ungefähr im Mittl- 
pnnkte deß Vierecks Montveliard-Lure-Vesoal-Bcaume lcS 
DameS liegt Bill rSrxel. General v. Werder warf fich 
hier auf die Flanke des F»indeS, erstürmte den O t und 
wies darauf alle Angriffe des nunmehr in bedeutender Stärke 
fich entwickelnden Feindes zurück, indem er die Linie VillerS- 
exel - Moimay - Marat siegreich behauptete. — Ueber 
die übrigen im Abendblatte genannten Orte bemerkt 
der »St.-A.*: BalleroiS-le-BpiS liegt westlich der Straße 
von Brfoul nach ler Schwell, Ballerois-Lorioz östlich der 
groben Red oute nach Besagn; beide Orte liegen keine 
M m von einander entf-rtt. VallcroiS-le-Bols ist am 
Rande der W ldurgen gelegen, innerhalb deren die Linotte 
entspringt, welche südwärts zum Oignon fließt; cs hat -twa 
800 Einwohner und ein starkes Schloß, das wohlerhslten 
ist und an einem seiner Thore die historische Devise der 
Vaudrey'S trägt: 3'ui vullu, vaux st vaulärs^. ValleroiS- 
Lorioz liegt 1100 Fuß hoch, in der unmittelbaren Nähe des 
selben eine Einsiedelei, von der auS der St. Bernhard und 
der Mont Blanc zu sehen find. Etwa 1 Meile östlich der 
beiden Vallerois itegt das kleine Dreieck Mare-t-Villerscxel- 
Moimay, Mar-'s liegt an eiüem kleinen Zufluss? des Oignon, 
5 Kilometer von Vtllersex l, das fast 900 Fuß hoch am 
eben genannten Flusse und der Scey, 4 Meilen südöstlich 
Vesoul zu suchen ist; Moimay ist am Emflusse des Lauzin 
in den Oignon gelegen, 3 Kilometer südwestlich von VtllcrS- 
exel; die ganze Gegend erscheint alS sehr zerklüftetes, von 
GebirgSbfichen und Anhöhen mannigfach durchzogenes, kou- 
pirteS Gefechtsfeld. 
Wie die »C. S.* mel k ist der General v. Man 
teuffei, der zum Befehlshaber der Ostarmee ernanntisi, mit 
seinem Stade am 10 nach Versailles gekommen, um fich 
dem Könige vorzustellen. 
Ueber die Belagerung von Paris sagt die .Schl. 
Ztg/: »Unsere Operationen scheinen im besten Foxtganae 
zu s in; wir warnen, indeß den Leser vor allzu kühnen Hoff 
nuügen, wie ste die ersten Telegramme, welche vom Schwei 
gen c« Geschütze einzelner FortS meldeten, bereits wach 
gerufen haben. Jenes Schweigen war nur ein zeitweises. 
B i der. Ausdehnung der» Geschütz-Angriffes aus 
fast sämmtliche Forts ist überhaupt nicht anzunehmen, 
daß allerwärtS eine Gefchützmgffe entwickelt sei, welche eine 
vollständige Demclirung der feindlichen Vertheidigungswerke 
erwarten ließe. Eine solche kann auch keineswegs vesbfich- 
tigt fein, da es sich nur darum handeln kan«, Positionen 
zu gewinnen, von denen auS der empfindlichste Punkt von 
Paris, LaS Innere der istart, von unseren Geschützen er 
reicht werden kann. Wir habensrüherbekeitSwiederholt erörtert, 
daß und warum es wahrscheinlich die Forts Jffy, VanvreS und 
Montrouge und höchstens noch einige Werke der Ostfront sein 
werden, deren direkte Eroberung zu diesem Zwecke angestrebt 
wird. Auch nur rin eftzigB Fort soweit zu bewältigen, daß 
die Artillerie fich in demselben nicht mehr zu behaupten ver 
mag, ist schon eine Ausgr.be, die nur von überlegenen Ge- 
schützmaffen gelöst werden kann; noch erheblich größere 
Anstrengungen wird kS erfordern, eins und da 
andere der durchweg mit äfafemattiruvgen und bom 
denficheren Kasernen versehenen Forts derartig in 
Trümmer zu legen, dW eS ohne zu große Opfer in 
uufern Besitz gebracht werden kann. Dennoch hoffen wir, 
daß es unserer bei Straßtburg so überaus trefflich bewährten 
Artillerie g ltngen werdet dies Ziel schon in acht oder zehn 
Tagen zu erreichen. . 
«^prickt.^ 
>1?,^tlioirekren Bresch 
dies aber ist vorauSz^SöWWMWUie technische AuSführü.^ 
des MruerwerkS nich-^ len Anförderüngen entsprechen wird. 
Die Forlistkatronen von Paris find im Wese der großen 
Entreprisen zuk Ausführung gebracht; Betrügereien der 
gröbsten Art war also Tnür und Thor geöffnet." 
Nach einem Bericht der »R. Pr. Z.* aus Versailles 
vom 7. Januar beschränkt fich die französtsche Vertheidigung 
nicht auf die Forts, sondern sie wird eigentlich lebhafter als 
von diese» auch von der dahinter liegenden Enceirne und 
von einigen Geschützen kleinerer zwischen den Forts erbau 
ten Batterien geführt. Die dicke nel eltge Luft macht, daß die 
Kanonade in Versailles selbst kaum hörbar wird, obgleich ste 
lebhaft genug ist. In der Nacht zum 7. ist nocheine achtzehnte 
Batterie erbaut worden, deren Feuer aus die Stadt (Paris) 
selbst berechnt scheint. Beim Feinde zeigen stch bereits 
einige Beschädigungen am Mauerwerk und große Unruhe 
bei der Besatzung. Das Wetter hat stch seit dem 6. voll- 
kündig verändert und dem Froste ist Thauwetter gefolgt, 
natürlich mit seinem unvermeidlichen Begleiter, tiefem 
Schmutz. 
Ueber den gegenwärtigen Bestand der Pariser Ver- 
theidigungsarmee giebt ein Pariser Korrespondent de- 
»Daily Telegraph* folgende Nachrichten: 
Die in Paris vorhandene bewaffnete Macht beträgt Aller 
in Allem 525,000 Mann und wird in drtt A-rneen getheilt. 
1. Armee. General Thomas. 300.000 Mann; National 
garden und sedemäre Nationalgardcn. Ein Theil der ersteren, 
in neuformirfen Regimentern zusammengestellt, ist auch für 
den Gebrauch im freien Felde bestimmt, bat aber nur 5 Bat 
terien und keine Kavallerie; die Garde, »säentsirs besetzt die 
Postrn der Stadt und die Wälle der Stadt-Enceinte; die 
städtische Garde versteht den Polizerdienst. Die Bekleidung ist 
dem Belieben überlaffcn, als Umformabzeichen sind jedoch ein 
Käppi mit rother Kokarde, blaue Pantalons mit rothen Streifen 
vorgeschrieben. 
2. Armee. General Duc rot. 150,000 Manu reguläre 
Truppen und Mobiigarden mit 80 Feld- und Mitrailleusen- 
Batterien, sowie mit 2 Kavallerie Regimentern. S-e soll durch 
Vernärkungen, muthm-ßlich durch die bei der 1. Armee ausge 
sonderten Krtegsbataillone, auf 200,000 Mann gebracht werden 
und kampirt außechalb der Stadt. Die 2. Armee besteht aus 
drei Armeekorps, von denen die beiden ersteren je 3, das letztere 
2 Divistonen haben. 
III. Armee. General Vinoy für die Besetzung der Fort- 
bestimmt. ist 70.000 Mann stark, und aus den Depot-Bataillo 
nen der früheren kaiserlichen Garde (welche in die Gardc-Marine 
eingereiht find und ihre früheren GalonS verloren haben), 
einigen Linien-Bataillonen, den früheren Stadt-Sergeanten, 
Gendarmen re. zusammengesetzt. Die III. Armee zerfällt in 7 
Divisionen, von denen zedoch die 2. Diviston unter dem Vice- 
admiral de la Ronctöre aus dem Verbände dieses Korps in- 
zwischen ausgetreten und selbständig geworden ist. Düse Di 
viston bildet die Besatzung von St. Denis und wird auch zu 
Ausfällen benutzt, wie dies bei dem letzten Ausfall gegen 
le Bourget am 21. v. M. der Fall gewesen ist. 
Die Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit aller dieser 
Mannschaften ist natürlich eine höchst verschiedene. 
Ueber daS Gefecht bei Croix wird dem „Hamb. Korr/' 
vom linken Flügel deS Belagerungskorps vor Belfort, 
3. Jrnuar, geschrieben: „Gestern fand bet unS, nachdem 
der strategische Aufmarsch der dem Belagerungskorps 
T elfort unter Generaüicutenant v. T eskow rl. attachirten 
schlesischen Landwrhrdivifion unter General v. Debschütz 
soeben beendet war, ein Zusammenstoß statt. Nack vor 
hergegangenen N-ckereicn Zwisten den bei AbbcvillierS 
französifcherfÄtS und Croix (beides Ortschaften hart an 
Grenze) unscrerseitS stehenden Vorposten 
vWl uebngen unortarinr? _ 
b. Debschütz.der dem an demselben Morgen stattfi'-denden 
Sprengen e, Backen über den Doubs beiwohnte, begab 
fich selbst den Kampfplatz und blieb bis zum rsuoe un 
Gefecht. Die Alarmi'ung der ganze - Linie Montbeliard- 
Delle geschah so korrekt und schnell, daß eS zu bedauern 
bleibt, daß die Franzosen den Versuch unterließen, sich mit 
im unS herausfordern und unsere besten Kräfte auf die 
Probe st llen. Ich hoffe diese Probe zu b-stehen. Und dieser 
Stoß deS Sckick als, der mich nicht niederwerf-n, der mich 
nur treiben kann, soll mich nicht über iraeud eine Grenze 
deS Gl ichmuths treiben. Davon soll eben j-me Arbeit Zeux.- 
niß geben, in deren Anfängen schon grade das die Gegner 
so zu erbittern scheint, daß fie zwar bittere Wahrheiten, aber 
auS einem gelaffenen Gemüthe sagt.* 
Gerviaus spricht in dieser Vorrede zwar viel von sei 
nem »Gleichmuthe" und sein m »gclcffenen Gemüthe*, allein 
man ficht dock, wip schwer ihn j-^ner Prcßprozeß angreift, 
welchen er einen »Stoß deS Schicksals* nennt. Wir An 
deren, die wir in der Reak.ioniperiode von 1852 bis 1865 
auf dem politischen Gebiete unausgesetzt praktisch thätig 
war n, hatten unS an eine derartige Behandlung schon so 
ziemlich g-wöhnt und gerirthen darüber Weiler nicht in pa- 
th tische Aufregung Die Regierung Seiner Hoheit deS 
Herzogs Adolf.von Raffau z. B. hat cs versucht, mir wenig 
stens ein halbes Dutzend solcher »Stöße deS SchickftlS* in 
Form von politischen Pioz^ff n beizubringen. Wkr ertrugen 
dergleichen mit lachendem Muthe und sctzten den Kampf 
fort. Bei GervinuS dagegen trug jener Prozrß, trotz der 
E reisprechung vi l bei zu der wachsenden Verbitterung seines 
erzenS, welcher er auch in feinen wiffevfchaftlichen Ar 
beiten, soweit sie die Politik berührten, vollständig die Zügel 
schießen ließ. Je mehr eS die Weltgeschichte unterließ, die 
Wege zu wandeln, welche ihr der große Historiker in seiner 
Einleitung vorgezeichnct hatte, desto mehr begann er mit ihr 
zu hadern. Dafür mag die Vierte der großen Prophezei 
hungen einen weiteren Beleg liefern. 
In dem ersten Bande seiner G-schichte deS neunzehn 
ten Jahrhunderts erzählt unS GervinuS. wie Polignac, der 
Minrster Karls des Zehnten, die Berfaffung brach, und um 
die Blicke dcS ftanzöfifchen Volk S von dieser Rechtsver 
letzung .und seiner sonstigen Mißregierung abzulenken, zum 
Zw-.cke der Weckung chauvinistischen Geistes Algier erobert 
und den daselbst angestammten D y depoffedirt habe. Dann 
fährt der verehrte Vcrfaff<r wörtlich fort, wie folgt: 
»Ein Menschenalter später hat in eimm deutschen 
Staate eine ähnliche junkerhaste Politik, in dem ähnlichen 
seligen Selbstvertrauen befangen, zu dem gleichen Zwecke 
einer Ableitung von den ähnlich verfahrenen inneren Ver- 
hältniffen, eincm Fürsten von ähnlicher privat.r Ehrlichkeit 
uns häuslichem Wohlwollen (der in ähnlichem Widerwillen 
gegen die volksthümlicken Institutionen beirrt wär und in 
ähnlicher Weife feine Person in daS konstitutionelle Spiel 
brachte, wie Karl X.) in ähnlicher aber schuldvollerer Art 
da- Gewiffen berückt, einen ähnlich kurzen und glänzenden, 
gegen eine ähnlich unebenbürtige Macht gerichteten Feld- 
äug, der aber nicht wegen gekränkten eigenen, sondern srem- 
den, bundesgenösstschen Rechts unternommen war, nicht zu 
einer rechtmäßigen Eroberung auSzunutzcn, sondern zu einem 
himmelschreienden Raube zu mißbrauchen; und ste hat dies 
mit dem Erfolge thun können, eine ganze Preffe und et« 
ganzes intelligentes Volk mit dem wohlfeilen Ruhm so zu 
berauschen, daß eS dieser BarbarcSkenpolitik all seinen Bei 
fall zuwandte aus die Gefahr hin, die Sache seiner inneren 
Freiheit Pr. iS zu geben. DaS französtsche Volk aber, zu 
kriegSstolz, um fich von dem selbstverständlichen Stege über 
emen winzigen F ind, wie gerecht die Sache, wie glücklich 
ib»e Führung, wie aussichtsreich der AuSgang war, die 
Sinne im Geringsten benehmen zu laffxn, das französische 
Volk vergaß damals nickt einen Augenblick feine ersie 
Pflicht, die VerfastungSrechte zu vertheidigen, in dcm rich- 
iigft^N Gefüh.e, daß in einem großen Staate der Götzen- 
dlenst des KriegSruhmS die Macht einer willkürftohen 
Dynast-e oder Regierung zur Gefährdung der Freiheit stärkt, 
wogegen die Volksfreihett unter aller Bedingung daS kräft 
trgste Bollwerk der Staatsmacht." 
Der Graf Bismarck und der Prinz von Augustenburg 
mög--n stch bei GervinuS dafür bedanken, ersterer daß cr 
mit H-rrn von Polignac, undst der Letztere, daß er gar mit 
dcm legitimen Diy von Algier in Parallele gefetzt wird. 
Ob letzterer Vergleich zutrifft, kann ich r icht beurtheilen. 
Denn ich habe weder die Biographie deS Dey von Algier, 
roch die deS Prinzen Friedrich studlrt. Was ersteren an 
langt. so ist der Graf Bismarck nicht von dem Schicksal deS 
Herrn von Polignac ereilt worden, sondern ersteht dermalen 
als oberster Beamter an der Spitze des deutschen Reichs 
in einer Stellung, welche die des weiland RetchSerz-KanzlerS, 
die der j-wellige Kurfürst und ErMchof von Mainz be 
kleidete, weit überragt. Von oer Parallele zwischen König 
Wilhelm, dem Kaiser der Deutschen, aus der eik.en und Karl 
dem Zehnten von Frankreich auf der anderen Seite, kann 
man natürlich heute, fünf Jahr nachdem Gervinus feine 
Weiffagung schrieb, nicht mehr reden, ohne allgemeine Aus 
brüche stürmischer Heiterkeit zu provoziren. 
In der That, eS ist traurig, daß bet einem Gelehrten 
von solcher Bedeutung, bei einem Manne von so redlichem 
Wollen und so fester Ueberzeugung-treue'der schäumende Wein 
der politischen Begeisterung so sehr in Esfiggährung übergehen 
konnte, daß er die Gegenwart nun schon seit beinahe zwanzig 
Jahren beharr lich nur in falschem L^cht sieht. ES beweist das aber 
wenn eS dafür überhaupt noch eines Beweises bedürfte, 
erfirnS daß man ein sehr großer Gelehrter und dock ein 
herzlich schlechter Politiker sein kaun, und zweitens, daß sich 
die Weltgeschichte nicht sx catfiecfra meistern läßt, auch 
nicht von dem Gelehrtesten der Gelehrten. 
Ich alaut e jedoch, daß die Verstimmung deS Herrn 
Gervinus keineswegs lediglich darauf beruht, daß die Welt 
geschichte nun schon so lange seinen Weisungen und Weis- 
sagungen cincn hartnäckigen Widerstand leistet, sondern daß 
die Quellen derselben doch zum Theil nock tiefer liegen, 
nämlich in Anschauungen, welche ein Produkt unserer terri 
torialen Vergangenheit find und welche wir noch überwinden 
müffen, wenn wir weiter vorwärts wollen; und da diese 
Anschauungen noch von Bielen theils bewußt, theils un- 
bewußt getheilt werden, so hoffe ich, man erlaubt mir, in 
^inem kurzen Schlußartlkel noch einmal darauf zurückzu 
kommen. vr. Karl Braun (Wiesbaden). 
Königliches Theater. 
Dienstag den 10. Januar. Zum ersten Male: 
der Gefangene von Mctz. Vaterländisches Lust 
spiel in 5 Aufzügen von Karl Gutzkow. In Scene 
gesetzt vom Direktor Hein. 
Während der B-.lagerung von Metz im Herbste 1552, 
durch die der deutsche Kaiser Karl V. die eben von den Fran 
zosen durch List und Verrath gewonnene Stadt wieder zu 
erobern unternommen hat e, war es dem Markgrafen Al 
brecht AlcrbtadeS aclungen, „einen französischen Prinzen, den 
Herzog von Aumale, der ihn sein-selig beobachtrte und ihm 
seine H?uptl ule abtrüinig zu machen sachte, mit seiner Rei 
terei zur günstigen Stunde zu überraschen und sogar zum 
Gefangenen zu machen.* Der Herzog sollte stch mit einer 
hohen Summe lösen, daS Geld blieb eine Wcile 
auS, und der ab'v.teuernde Markgraf — er bk faß 
einen Theil der fränkischen Gebiete deS HaufeS 
Hohenzcllern, Kulmbach und die Plaffenburg — führte 
seinen Geangenen von Burg zu Burg, von Lager zu Lager 
aus ftinen Kriegsfahrten mit sich herum: e- war gleichsam 
sein letzter Schatz, scine letzte Geldreserve. Dieser Herzog 
ist KarlGutzkow'S »Gefangener von Metz*. Nach einem 
verlorenen Gefecht gegen den Herzog Heinrich von Braun 
schweig in d^r jetzigen Hanvöver'schen Landschaft steht stch 
der Markgraf genöthigt, bei seiner ei-igen Flucht seinen kost 
baren Gefangenen auf dem festen Schlöffe Kahlenburg, bei 
seiner Muhme Elisabeth von Brandenburg, zurückzulaffen, 
damit er ihm nicht von seivn nachrückenden Feinden ent- 
riffen würde. Die muthige, kluge Frau, die trotz seines wil..cn 
Ul gederdigen Wesens ihren Verwandten mit Neigung bc- 
trrchtet, entschließt fich zu diesem Wagstück: der Priaz bleibt 
auf dcr Burg, während der Kriegszug Albrechts weiter 
nach Südei zum Mainstrom hinunter saust. Bald nach 
dem Eintritt Aumale's in die Kahlenburg erscheint dort, 
anfanaS in fragwürdiger Verkleidung, der Domprälat Hinkmar 
von Trie'-. Sein Erzbischof hatte fich auf die Bitten der 
Mutter Aumale's entschloffen, die Hunderttausend Gold 
kronen Lösegcld für ihren Sohn vorzuschießen. Auf einem, 
zum Schein mit Leder bleckten Wagen hat Hinkmar in 
einer Eichevtrube saS Geld hergeführt: der Wagen stcht 
im Kloster Loccum, in der Nähe der Kahlenburg. Der 
verschlagene Pfaffe will fich aber nur im äußersten 
Nothfall von dem Gelde trennen: wäre eS nicht gcfcheidter, der 
Prinz entflöhe auS der nicht allzufest und sicher verwahrten 
Burg? Und trotz des Ehrenworts, daS der Prinz dem 
Markgrafen, der Geistliche mit einem Eide der Herzogin 
gegeben, nicht zu entweichen, finnen und spinnen die beiden 
Herren nichts alS Trug, Lug und Verraty. Zuerst soll ein 
armer Diener verleitet werden, ihnen die Schlüffe! zum 
Thor zu versL affen; seine Treue spottet ihrer Versuchung. Nach 
diesem Mißgeschick legt fich der Prinz auf Liebesabenteuer, alle 
Damen des Schlöffe- «erden nacheinander von seinen Angriffen 
bestürmt; eie eine, Gräfin Jutta, arbeitet schon Strickleitern 
für ihn zur Flucht; die andere, Frieda, neckt fich mit ihm; 
zuletzt hält es sogar die ehrsame Herzogin nicht unter ihrer
	        

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