Full text: Biographien von Jacob und Wilhelm Grimm

W. K. Grimm. 
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auf dem Markte halten, und seine ernsten, von den weißen 
Augenbraunen beschatteten Züge sich ein wenig erheitern, als 
er einem Bürger, den er von seinem früheren Aufenthalt in 
Halle her kennen mochte, die Hand vom Pferde herab reichte. 
Damals schien er bei seinem Abzüge uns Allen verloren, aber 
er hatte recht gehabt, dem Glücke zu vertrauen, und er glich 
dem Muthigen, der bei dem Sturm sich aus dem Schiff her 
ab ins Meer wirft, und von den Wellen glüAich an's User 
getragen wird. Nachdem der unglückliche Friede abgeschlossen 
war, schien Alles verloren und die französische Gewalt das 
feste Land von Europa auf eine Weise zu umstricken, daß 
man glauben mußte, es dürfe ohne ihren Willen fortan kein 
Glied mehr frei bewegen. Allein mitten in solchem Zustande 
völliger Hoffnungslosigkeit, der, gewöhnlicher Ansicht nach, kei 
nen Zweig mehr darbietet, nach dem der Herabstürzende grei 
fen kann, ersteht in dem menschlichen Herzen das Vertrauen 
auf Gottes Beistand; das Aeußcrste, das eingetreten ist, scheint 
zugleich der Anfang einer bessern Zeit, und man fühlt sich 
von der Sorge befreit, nachzusinnen, auf welchem Wege die 
Hülfe kommen werde. Im Spätherbste reis't ich nach Berlin, 
Achim von Arnim z^. besuchen, den wir schon früher hatten 
kennen lernen und dessen liebevolle Gesinnung zu allen Zeiten 
unverändert geblieben ist. Berlin war damals stiller und ein 
samer als je, das königliche Haus noch in Königsberg, nur 
die Kurprinzessin, jetzige regierende Kurfürstin von Hessen, 
bewohnte einen Theil des Schlosses. Ich sah in ihrem Vor 
zimmer das von Bnry gemalte Bild des kleinen Prinzen, 
der in kindlichem Spiele eine weiße Fahne wüthig aufrecht 
hielt, kn welcher kein Wappen mehr war, gleich als wolle 
er cs von neuem erobern; mir gefiel dieser sinnvolle Gedan 
ke, aber nur meiner Wünsche dabei war ich gewiß. Mich 
trieb hessische Anhänglichkeit, der Kurprinzessin persönlich mei 
ne Verehrung zu bezeigen, und diese erhabene Frau, durch 
Geist und reiche Bildung ebenso ausgezeichnet, als durch Adel 
der Gesinnung, hat sich hernach bei der Wiederherstellung ge 
gen mich und die Meinigcn allzeit gnädig erwiesen. So trübe 
damals die Aussicht in die Zukunft war, so erinnere ich mich 
doch mit Vergnügen der in Berlin zugebrachten Monate und 
selbst der fröhlichsten Stunden. Ein gutes Naturell verläug- 
net sich auch unter solchen Umständen nicht, und nur als Bei 
spiel nenne ich Buttmann, dessen frische Lebendigkeit gewiß 
in den glücklichsten Zeiten sich nicht steigern konnte. 
Auf dem Rückwege durch Weimar, am Schluffe des 
Jahrs, ward mir das Glück zu Theil, G öthe zu sehen. Noch 
deutlich bin ich mir der Stimmung bewußt, mit welcher ich zum 
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