Full text: Biographien von Jacob und Wilhelm Grimm

W. K. Grimm 
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nicht mehr allzufern, und nachdem eine sichere Grundlage ge 
legt worden, ohne welche die einzelnen Bemühungen leicht 
wieder zusammengebrochen wären, so steht eine abermalige 
Vergessenheit nicht mehr zu befürchten. Die geistige Bildung 
des Mittelalters läßt sich kaum mit einer andern vergleichen: 
in ihrer Eigenthümlichkeit ist zugleich Leben und Wahrheit, 
in ihrem Reichthume Mannichfaltigkcit, in einer nicht gerin 
gen Anzahl ihrer Erzeugnisse ein ausgezeichneter, innerer 
Werth; wie sollte jemand an einem für die Geschichte des 
menschlichen Geistes so wichtigen Zeitpunkte gleichgültig vor 
über gehen können, oder sich vorsätzlich davon abwenden? 
Ein glücklicher Umstand scheint mir, daß der Charakter die 
ser Bildung einer flüchtigen, bloß geistreichen Betrachtung 
widerstrebt und die Geschicklichkeit mit allgemeinen Formeln 
das Ganze zu erfassen, oder, wie man sagt, sich anzueignen, 
dabei zu Schanden wird. Es sind schon Bücher in diesem 
Geiste geschrieben worden, vielleicht mit Talent. Wer die 
Dinge nicht kennt, mag hoffen, etwas daraus zu lernen, 
wer sie kennt, dem wird der Widerwille vor grundlosen Ein 
bildungen und leeren Spiegelfechtereien alle Nachsicht unmög 
lich machen. Hier muß jedes einzelne nach seiner freien und 
unabhängigen Natur untersucht und gewürdigt werden, und 
nur auf diesem mühsamsten Wege darf man hoffen, zu einem 
wahrhaften Bilde jener Zeit zu gelangen. Es wird den mei 
sten paradox lauten, dennoch ist es wahr: was die Gegen 
wart, der es nicht an Feinheit des Geistes und einer gewissen 
Schwelgerei in subtilen Gedanken fehlt, als ihr eigenthüm 
lichstes preisen möchte, sie könnte in den Gedichten des 13ten 
Jahrhunderts das Gegenstück finden, und dabei eine Gewandt 
heit im Ausdrucke des Einzelnen, deren die heutige Sprache 
nicht mehr fähig ist. Freidanks Werk allein bewährt einen 
Grad von einem Selbstbewußtseyn und unbefangener Beob 
achtung der Welt, dessen sich die besten unserer Zeit nicht zu 
schämen brauchten. Das Mittelalter zu erforschen, um es in 
der Gegenwart wieder geltend zu machen, wird nur der be 
schränktesten Seele einfallen; allein es beweis't auf der andern 
Seite gleiche Stumpfheit, wenn man den Einfluß abwehren 
wollte, den es auf Verständniß und richtige Behandlung der 
Gegenwart haben muß. In dieser Beziehung scheint es mir 
auch wichtig, daß die altdeutsche Literatur Veranlassung gab, 
auf Sitten, Gebräuche, Sprache und Dichtung des Volks 
die Aufmerksamkeit zu richten, und es verletzt schon jetzt den 
gelehrten Anstand nicht mehr, davon in ernsthaften Büchern 
zu reden und die Spuren des hohen Alterthums darin nach 
zuweisen. Ich erwähne hier die altdeutsche Literatur gewiß
	        

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