Full text: [Rezension:] Berthold des Franziskaners deutsche Predigten aus der zweyten Hälfte des dreyzehnten Jahrhunderts (..), hrsg. von Christian Friedrich Kling. Mit einem Vorwort von Dr. A. Neander. Berlin 1824

1825. 
Altdeutsche Predigten. 
21 r 
es S. 334. Da ich ein kleines Kind war, war nirgends einer 
derselben *). Er fährt ans unter die einfältigen Leute, und 
predigt und ruft, daß alles weint, was vor ihm ist. Und er 
sagt, er habe vom Papste die Gewalt, daß er dir alle deine 
Sünden abnehme um einen Helbeling oder Heller, llnd er 
lügt, daß man damit ledig sey gegen Gott, und krönt den 
Teufel alle Tage mit viel tausend Seelen. Ihr sollt ihnen 
nichts geben, dann müssen sie abstehen von dem Betrug. — 
Ein Hauptgegenstand der heftigsten und wirklich schonungsloser 
Aeußerungen des geistlichen Redners, der sich selbst über die 
Juden duldsam ausspricht (S. 11. 12), sind die Ketzer; und 
da Bert hold hier einzelne, für die Kirchenge chichte nicht 
unbrauchbare Daten beybringt, so scheint es mir angemessen, 
davon etwas ausführlicher zu handeln. Dieselbe Geistesrüh 
rigkeit, die im zwölften und dreyzehnten Jahrhunderte das 
Emporkommen neuer Mönchsorden, als neuer Versuche und 
Mittel zur Läuterung und Auferbauung der christlichen Völker 
begünstigte, that auch den aus dem Orient in das westliche 
Europa allmälich eingedrungenen, unter vielfacher Gestalt 
wuchernden Sekten mancherley Vorschub. Die Waldenser (ei 
nige ihrer geistlichen Dichtungen hat kürzlich Raynouard 
im Originale bekannt gemacht; ihr sittlich; reines, strenges 
Lebenkwird selbst von den Gegnern zugestanden) waren zwar 
um die Zeit, wovon hier die Rede ist, meist beschwichtigt, 
was aber mrt ihnen durch unzählige Fäden zusammenhing, 
noch in steter Bewegung, die in die folgenden Jahrhunderte 
fortwirkte. Der Abt von Ursberg ad ann. 1212 knüpft so 
gar den Ursprung der Bettelmonche unmittelbar an jene Ketze- 
reyen: eo tempore, mundo jarn senescenle, sagt er, exor- 
tae sunt duae religiones in ecclesia, cujus ut aquilae reno- 
vatur juventus, quae etiarn a sede aposlolica sunt coniir- 
raatae , videlicet minorumsratruin et praeaicaiorum Quae 
f^j?|e hac occasione sunt approbatae, quia olim duae sectae 
in Italia exortae adhuc perdurant, quorum alii humilialoSy 
alii pauperes de Lugduno se nominabant. Die ganze Stelle 
muß nachgelesen werden. Die Ketzer, Anfangs ihrer Lehre 
*) Hieraus folgt schon, wie auch aus andern angeführten Stellen, ganz 
ausdrücklich, daß B er t hold nicht wider den Ablaß elbst im 
allgemeinen eifert, und daß daher seine Angriffe wohl nur von sol 
chen Predigern zu verstehen sind, welche Schuld daran waren, 
daß das Volk nicht Neue und echten Bußgeist als die unerläßliche 
Bedingung zur Sündenvergebung ansah. 
Anmerk. d. Red.
	        

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