Full text: [Rezension:] Berthold des Franziskaners deutsche Predigten aus der zweyten Hälfte des dreyzehnten Jahrhunderts (..), hrsg. von Christian Friedrich Kling. Mit einem Vorwort von Dr. A. Neander. Berlin 1824

Altdeutsche Predigten. 
r 8 2 5. 
255 
7 i3 — 720 Nachricht gegeben haben. Die Grosser Handschrift 
verdiente naher benutzt zu werden. 
Der Herausgeber (Vorr. III, IV) stellt Bert holden in 
die Mitre zwischen Bernhard und Abraham a Sancta 
Clara, und führt treffend aus, wie und wodurch er sich von 
beyden unterscheide. Ueber Bernhards Styl und Sprache 
können wir erst dann vollständig urtheilen, wenn der erwähnte 
altfranzösische Ten herausgegeben seyn wird. Mit Abrahams 
zwar lebendiger und volksmäßiger Beredtsamkeit läßt sich, so 
viel die edle und reindeutsche Sprachform angeht, Berthold 
kaum vergleichen, er steht eben so weit über jenem, als der Ge? 
schmack und die Volksbildung des dreyzehnten Jahrhunderts über 
denen der Zeit, worin Abraham lebte. Ich kann hier nicht 
Mißverstanden werden ; von der übrigen geistigen Aufklärung, die 
das ausgehende siebzehnte Jahrhundert vor jenem früheren vor 
aus hat, ist keine Rede, nur von der damaligen Verderbniß des 
Elements einer das Volk durchdringenden Dichtkunst und Sprach- 
bilduug. Ein geistreicher Deutscher des dreyzehnten Jahrhunderts 
hätte die Gedichte und den Styl Abrahams und seiner Zeitge 
nossen ohne Zweifelsehr schlecht gefunden, ungefähr aus dem Ge 
sichtspunkte, der auch gebildete Franzosen und Engländer an 
deutscher Poesie und Sprache um 1700 keinen Gefallen schö- 
pfen ließ. Näher an Berthold reicht daher Kaisersberg*),a 
dessen bedeutende innere Gaben sich auch noch frey und gefüg in^ 
der zwar schon gesunkenen, aber noch nicht versunkenen deutschen 
Sprache bewegen. Seine Predigten gemahnten uns vorhin durch 
die Art ihrer Aufzeichnung an Berthold; einer gleich ausgebrei 
teten Gunst des Volks erfreute er sich nicht, dafür war schon 
das Zeitalter zu sehr anders geworden. Eine Eigenheit hat Ber 
thold mit Kaiser sberg gemein, die, daß er die verschiedenen 
Stände unter den Zuhörern, nachdem sich das Wort an sie wen 
det, aufruft, und desto kräftiger ermahnt. Da heißt es bald: 
ir Herren! 2. ir herschaft! 3. 7. 24. ir herschaft alesamet! 
95. du kneht! du dirne! ir göuliute! 65. ir junge werlt! 
25. 76. 79 (ügf. diu alte werlt 170) und für die ganze Gemeinde: 
ir lieben kristenliute! 2. ir seligen kristenliute ! 3. ir liebe 
kristenheit, 3. ir seligen gotes kinder! 21. ir reinen gotes 
kinder! 246. u. s. w., wie viel wärmer ist diese Zusprache, als 
das eintönige: meine andächtigen Zuhörer! heutiger Prediger. 
Er entläßt aber auch Zuhörer, die etwas nicht zu hören brauchen. 
*) Geringern Werth haben die deutschen Predigten eines Nikolaus 
von Landau (im Waldeckischen), Mönchs $ir Otterbura, 
wovon zwey starke Bande, bereits i3jr geschrieben, in der Biblio 
thek zu Kassel liegen.
	        
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