Full text: [Rezension:] Berthold des Franziskaners deutsche Predigten aus der zweyten Hälfte des dreyzehnten Jahrhunderts (..), hrsg. von Christian Friedrich Kling. Mit einem Vorwort von Dr. A. Neander. Berlin 1824

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Altdeutsche Predigten. 
gen 1/ 160/ 161 geschöpfte Stelle erinnert an Berthold S. 
26Z, ff. 
Hierbey zwey Fragen/ die in'einander greifen: 1) gibt es 
lateinische Handschriften seiner Reden? Fabricius bibl. lat. 
med* aet. und andere nach ihm, versichern: praeter sermones 
de tempore et de sanclis j qui Lipsiae in Paulina et aliis in 
locis manuscripti servantur, scripsit librum de institutione 
vitae religiosae. Kob 0 lt im barer. Gel. Lexikon / Land sh ut, 
1795 y. Bertholdus de Ratispona schreibt ihm genauer zu: ser- 
mones de tempore, hgndschriftl. zu Leipzig; 8errnone5 de 
sanetis handschr. zu Jena; 8ermone8 singuläres rusticani, 
auch zu I e n a. Sind das lateinische Titel deutscher Bücher oder 
lateinisch abgefaßte? Die'bloße Ansicht zu Leipzig und Jena 
wird entscheiden, ich muthmaße/ daß sie lateinisch sind; denn 
auch in einer pfälzer Hs. Num. 464 (Willen p. 293) stehet 
unter vielen andern lateinischen Traktaten toi. 24^ — 246 ein 
sermo de omnibus sanctis M. Bertholdi, 14/,9 geschrieben. Es 
wäre leicht nachzusehen. 2) sind lateinische Reden vorhanden/ so 
fragt es sich/ welcher von beyden Texten als das Original be 
trachtet werden muß? Bert hold war ohne Zweifel der lateini- 
schen Sprache mächtig. Dieß folgt namentlich aus jener Stelle/ 
wo er die Weitschweifigkeit des Deutschen beklagt / auch aus den 
angeführten Versen, die er seinem Lehrer David ex tempore 
gedichtet hat *). Er konnte also vor einer Versammlung gelehr 
ter Geistlicher lateinisch predigen / wie andere Redner seiner und 
der früheren Zeit. Aber seine eigentliche Beredtsamkeit/ die un 
ter dem Volke so große Wirkung that, muß doch sicher deutsch ge 
wesen seyn. Auch sieht man es jedem Satze der hier gedruckten 
Predigten an / daß sie deutsch gesprochen und nicht aus dem La 
tein übertragen sind. Ein analoger Fall würde über das Ver 
hältniß der doppelten Sprache aufklären. Ich kann mir kaum, doch 
noch viel eher denken/daß im zwölften Jahrhundert ein lateinischer 
Prediger von dem Volke in Frankreich oder Italien nicht 
ganz mißverstanden wurde (ungefähr wie eine kirchenslavische 
Rede von dem Volke in Rußland und Serbien), habe aber 
keine Vorstellung davon, wie ein solcher Redner populär werden 
*) Er etymologisiert mitunter auf lateinisch gelehrte Weise: S. 3o6 
bringt er aus den Buchstaben homo daS menschliche Antlitz, also 
eine Naturschrift heraus. S. 453 bedeutet witwe wite we, weil 
den Witwen allenthalben weh ist, sie in Druck und Schmach leben. 
Das ist eben nicht schlimmer als Notkers Erklärung des Wortes 
binez (Vins, juncus) aus bey naß: der binez pezeiclienet irn- 
mortalitatem , wan^da er dö gruone ist föne dero nazi, an 
de— linde dann an er namen habet (C a p e l l a 104).
	        
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