Full text: Geschichte der deutschen Sprache. - Band 1 und 2

XXXIV 
SCHWACHE VERBA. 
877 Uie grammatik empfindet ein bedilrfnis überall von der grund- 
lage jüngere zulhat, von dem ursprünglichen abgeleitetes, von dem 
inneren äuszeres zu unterscheiden, wie mancherlei man auch mit die 
sen Vorstellungen verbinde; es scheint zulässig und förderlich sie durch 
den namen des starken und schwachen auszuzeichnen, das starke soll 
gleichsam den typus angeben, das schwache die mittel, welche ihn, 
wenn er sich abnützt, ergänzen und erweitern, nach unaufhaltba 
rem vorschritt nimmt in der spräche das starke element ab, das 
schwache zu. 
Man darf schon von den vocalen A I U die starken laute, E und 
0 die schwachen heiszen. in der flexionslehre tritt aber der gegen- 
satz noch lebhafter vor, und in der deutschen conjugation wie decli- 
nalion scheint es unerläszlich eine schwache form der starken an seite 
zu stellen. 
Das starke verbum beruht auf ablaut und reduplication, welche, 
wie wir sahen, eng in einander gewoben sind, der ablaut gieng mit 
ten in der wurzel selbst vor und die reduplication trat an ihre spitze. 
Alle schwachen verba werden durch drei characteristische vocale ab 
geleitet und bilden ihr praeteritum nur durch den hinten zutretenden, 
mit jenen vocalen sich verschmelzenden eines hilfworts, welches seiner 
878 natur nach nothwendig ein starkes gewesen sein musz. Während also 
die starken verba unabgeleitet und ablautend sind, erscheinen die schwa 
chen abgeleitet und unablautend. 
Die folgende Untersuchung hat sich zuerst auf die beschaffenhcit 
jener vocale, dann auf die auxiliaren consonanten zu richten. 
In den drei vocallauten offenbart sich wieder eine bedeutsame 
Übereinkunft zwischen deutscher und lateinischer spräche, gerade wie 
die gothische ableitung der schwachen form durch I, ü, AI, die ahd. 
durch I, Ö, £, geschieht die lateinische durch I, Ä, £. cap. XXXII 
lehrte aber, dasz lat. Ä dein goth. Ö entspricht und lat. £ aus OE
	        

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