Full text: Geschichte der deutschen Sprache. - Band 1 und 2

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L77 
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XVIII. 
DIE GOTHEN. 
Da wo, nach thrakischer sage, Haemus und Rhodope zu bergen 435 
erstarrt waren, scholl die frühste von der schrift uns aufbewahrle 
deutsche rede, hätte nicht Ulfilas in sich den trieb empfunden die 
heiligen worte des neuen glaubens gothisch auszudrücken; so wäre 
es um die grundlage der geschickte unsrer spräche geschehn gewesen, 
sein unvergängliches werk hat sich nur zum geringsten theil erhalten 
und gar nicht zu berechnen ist, welch groszer schade uns durch den 
verlast des übrigen erwachsen sei; doch ein glücklicher fund fügte es 
in unsern tagen, dasz eine beträchtliche lücke ausgefüllt werden konnte, 
und fast aus jeder zeile des geretteten textes neue gewinne hervor- 
giengen. eines denkmals von gleich hohem alter und werlh kann 
sich keine andere der fortlebenden europäischen sprachen rühmen. 
Unter demselben himmelsstrich, den Ulfilas und seine Gothen be 
wohnten, hauste lange Zeiten hindurch vorher (s. 186) das volk der 
Geten. halten nun meine im neunten capitel für beider Völker gleich— 
heit gelieferten beweise stich, so hat uns vor allem zu beschäftigen, 
dasz die als merkmal aller deutschen stamme anerkannte lautverschiebung 
dem getischen abgegangen zu sein scheint (s. 216), und bedeutsamer 
weise läszt der schritt, den wir von den Geten auf die Gothen thun, 
jenes sich zuerst entfaltende verrücken stummer consonanten gewahren. 436 
Ein in der geschickte europäischer sprachen so wichtiges ereignis 
musz einmal bestimmt erfolgt sein, wenn es auch lange zugerüstet 
gleichsam im voraus angeschlagen hatte, solche anklänge fanden sich 
bereits im zend (s. 419) und auszerhalb der Urverwandtschaft bei 
Etruskern und Ungern (s. 416.) sie waren Vorboten oder nacli- 
zuckungen einer ausnahme von dem urgesetz, die sich irgendwo in 
voller breite geltend zu machen nicht ermangeln konnte. 
Dennoch nehme ich jene abwesenheit der Verschiebung bei den 
Gelen, von deren spräche uns so wenig unter äugen liegt, nur vor 
sichtig an. sie folgt aus Übereinkunft des dakischen krustane mit 
litlh. kregzdyne (s. 204), des dak. aprus mit lat. aper (s. 209), des 
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