Full text: Adreß- u. Einwohnerbuch der Stadt Kassel sowie sämtlicher Ortschaften des Landkreises Kassel (Jg. 93.1929)

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Kassel als Industrie- und Handelsplatz 
1. Teil 
Unentbehrlichkeit deutscher Industriearbeit immer mehr durchrang. 
Auch auf dem Gebiet der O p t i*f weist Kassel beachtenswerte Be- 
triebe, die sich mit dem Vertrieb von galiläischen Gläsern, 
Feldstechern, Mikroskopen usw. befassen, auf. 
Bon großer Bedeutung ist für Kassel die Textil 
industrie, die sich vor allem durch die Herstellung von 
„Schwergewebe n" einen Namen gemacht hat. Die hier in 
Betracht kommenden 4 Kasseler Werke befassen sich vorzugsweise 
mit der Herstellung von schweren Leinenqualitäten für Segel 
tuche aller Art, wie Schiffahrtssegeltuchen, Segeltuchen für 
Zelte tauch fertige Zelte, Faltboote usw.), Wagen- und Waggon- 
decken, technischen Geweben (Preß- und Filterstoffe für die Farben-, 
chemische, keramische und Zuckerindustrie), Schuh- und Koffersegel- 
tuche», Kunstleder, Einlegestoffe» für Auto- und Fahrradreifen, 
Arbciterbekleidung usw. Die Betriebe sind mit modernsten Fär 
berei- und Imprägnieranstalten ausgerüstet. Die Kasseler Segel 
tuchindustrie gehört zu den einheimischen Industriezweigen, die 
für den Perlust großer und zahlungskräftiger Abnehmerkreise 
(Heer und Marine) nach dem unglücklichen Ausgang des Krieges 
durch Aufnahme neuer einschlägiger Fabrikationsartikel einen Aus- 
gleich gesucht und wohl auch gefunden haben. Im Jahre 1883 
entstand eine I u t e s p i n n e r e i und -Weberei, die sich in 
den letzten Jahrzehnten besonders entwickelt hat. Größter Wert- 
schätzung der Fachwelt erfreut sich auch der „K a s s e l e r B l a u - 
d r u ck", der von einem Unternehmen hergestellt wird, das sich 
seit dem 18. Jahrhundert in Kassel befindet. Schließlich hat man 
in Kassel auch der Wollwäscherei von jeher großes Interesse 
entgegengebracht. 
Besondere Beachtung verdienen auch die Erzeugnisse, die in 
gewissem Sinne als „Kasseler Spezialitäte n" ange- 
sprachen werden können. Dies ist der Fall für die Industrie, die 
sich mit der Herstellung von pharmazeutischen Bedarfs- 
nrtifclu befaßt, die Apotheken und Drogengeschäfte mit allen 
von ihnen benötigten Gebrauchsgegenständen — mit Ausnahme 
der Medikamente selbst — versorgt. Diese Industrie besteht schon 
über 120 Jahre in Kassel. Großer Wertschätzung erfreut sich Kassel 
auf dem Gebiet der Herstellung von Instrumenten aus 
Glas und Hartgummi für chirurgische und s a n i - 
täre Zwecke. Gewinnung und Verarbeitung von Farben 
(Kasseler Braun und andere Erdfarben) und Lacken sind alte ein- 
heimische Industriezweige. In der deutschen Iündwaren- 
i n d u st r i e ist unsere Stadt schon seit vielen Jahrzehnten be 
kannt; zu bedauern ist nur, daß die wirtschaftlich bedeutendste 
Gruppe der deutschen Zündholzindustrie, die bisher ihren Sitz in 
Kassel hatte, diesen aus technischen und wirtschaftlichen Gründen 
nach auswärts verlegt hat. Bekannt und beliebt sind ferner die 
Erzeugnisse der Kasseler Papier- und Papierwaren- 
i n d u st r i e , wie Buntpapier, Düten, Faltschachteln, Umhüllun- 
gen, Reklame- und Plakatdrucke, Kartonnagen usw., der Leder- 
und Lederwaren in du st rie (Unter- und Oberleder, Schuhe, 
Treibriemen, feine Lederwaren usw.) und der Tapisserie 
und Stickereiindustrie. Berühmt und geschätzt sind die 
Instrumente der P i a n o f o r t e i n d u st r i e , deren Erzeugnisse 
die Anerkennung großer Meister gefunden haben. Auch auf dem 
Gebiet der Holzindustrie hat sich Kassel einen Namen gemacht; 
wir erwähnen: die Faß-, Stock- und P f e i f e n f a b r i - 
k a t i o n. Die R a h r u n g s- und G e n u ß m i t t e l i n d u st r i e 
ist durch Herstellung von Nährmitteln (Hohenlohe), Keks, Biskuits, 
durch Mühlen, Brauereien und die Tabak- und Zigarrenfabrikation 
vertreten. 
Auch als Handelsplatz verdient Kassel besondere Be- 
achtung. Als einzige größere zentral gelegene Stadt innerhalb 
eines räumlich ausgedehnten Bezirks bietet sic zunächst dem Groß- 
Handel eine wesentliche Vorbedingung für die Anknüpfung 
weitreichender geschäftlicher Beziehungen. Für einzelne Geschäfts 
zweige erstrecken sich diese Beziehungen sogar über die Grenzen 
unseres Vaterlandes hinaus, beispielsweise für den Groß 
handel mit Gummiwaren für medizinische und 
sanitäre Zwecke, mit chirurgischen I n st r u m e n t e n 
und Bedarfsartikeln der verschiedensten Art. Einige Großhandels- 
zweige haben zur Förderung der geschäftlichen Beziehungen börsen- 
ähnliche Einrichtungen geschaffen, so der G e t r e i d e h a n d e l 
durch den „Getreide-, Futter- und Düngermarkt", der Handel mit 
N o h h ä u t e n und Leder durch Veranstaltung großer Häute- 
auktionen, verbunden mit einer Lederbörse, und schließlich der 
Holzhandel durch die neuerdings wieder ins Leben gerufene 
Holzbörse. Unter den im Kasseler Großhandel vertretenen Ge- 
schästszweigen sind ferner l ervorzul)eben: Baum woll- und 
Manufakturwaren, Kolonialwaren, Felle, 
Wolle, Eisen, Schrott, Papier, Lumpen usw. Der 
E i n z e l h a n d e l hat in Kassel dieselbe Entwicklung wie anders 
wo durchgemacht. Aus dem älteren Gemischtwarengeschäft haben 
sich durch Differenzierung und Spezialisierung Geschäfte heraus 
gebildet, die durch besondere Aufmachung und Führring guter 
Qualitätswaren auch den verwöhntesten Ansprüchen genügen. 
Auch die Zusammenfassung der verschiedensten Warenzweige in der 
Form des Warenhauses ist vertreten. 
Hand in Hand mit dem Aufblühen vci? Industrie und Handel 
geht die Ausdehnung des Bankgewerbes. Neben alteinge- 
sessenen, bewährten Privatbanken ist Kassel im Lauf der Zeit der 
Sitz von Zweigniederlassungen größter Aktienbanken geworden. 
Wenn auch durch den Rückgang des bankgeschäftlichen Verkehrs 
unter der Auswirkung der Stabilisierung unserer Währung die 
von den Kasseler Banken eingerichteten Filialen und Depositen- 
kasscn, wie anderwärts, eine erhebliche Einschränkung erfahren 
haben, so läßt doch die Entwicklung des deutschen Geldmarktes 
in den letzten Jahren den Schluß zu, daß es auch mit den Banken 
wieder aufwärts geht. 
Unsere Skizze „Kassel als Industrie- und Handelsplatz" würde 
unvollständig sein, wollten wir des belebenden Faktors im Wirt 
schaftsleben — des Verkehrs — nicht gedenken. Verkehr 
vermittelt Anregungen, fördert Erzeugung und Verbrauch. Ohne 
Verkehr keine wirtschaftlichen Höchstleistungen. Kassel, das von 
jeher auf Grund seiner landschaftlichen Schönheiten eine starke An 
ziehungskraft ausgeübt hat, hat alle Veranlassung, den Verkehr 
sorgsam zu pflegen. Dank der Bemühungen der an der Berkehrs 
entwicklung interessierten Kreise, nicht zuletzt der Stadtverwaltung, 
ist Kassel auf dem besten Weg, „die" Stadt d e s F r e m d e n - 
Verkehrs und der Kongresse zu werden. Hotel- 
und Ga st wirtsgewerbe tun ihr Möglichstes für die Unter- 
bringnng und Verpflegung der Fremden. Ziehen wir aus der zen- 
tralen Lage unserer Stadt die Konsequenzen durch intensivste 
Förderung der modernsten Perkehrseinrichtungen! Die Zug- 
Verbindungen nach und ab Kassel müssen besser, viel besser 
werden. Der Kraftwagen verkehr ist in erfreulicher Zu- 
nähme begriffen. Für den großen Durchgangsverkehr müssen die 
Landstraßen, die sich z. Zt. zum Teil in einem geradezu be- 
jammcrnswerten Zustand befinden, verbessert werden. Ob der 
Plan, besondere Automobilstraßen zu bauen, in absehbarer 
Zeit verwirklicht werden wird, wissen wir heute noch nicht; 
es muß anerkannt werden, daß bei allen in Betracht 
kommenden Kasseler Stellen die Ansicht vertreten wird, 
daß man sich auch an der Förderung solcher Pläne aktiv 
beteiligen muß. Unabsehbar sind die Entwicklungsmöglich 
keiten des Luftverkehrs. Seit Jahren besitzt Kassel eine 
F l u g z e u g i n d u st r i e, die sich der Herstellung bewährter 
Sport- und Kleinflugzeuge widmet. Die Einbeziehung Kassels in 
den internationalen Flugverkehr ist durch den von der Deutschen 
Lufthansa A.-G. eingerichteten Flugdienst, wenn auch vorerst nur 
teilweise, gelungen. Erfreulicherweise hat der Luftverkehr über, 
nach und ab Kassel in den vergangenen Jahren gute Fortschritte 
gemacht. Die Einbeziehung Kassels in den internationalen Flug 
verkehr erfordert finanzielle Opfer, die jedoch getragen werden 
müssen. Bei der großen Zukunft, die menschlicher Voraussicht 
nach der Flugverkehr haben wird, und immer eingedenk dessen, 
was früher hinsichtlich der Eisenbahnlinienführung versäumt 
worden ist, kann kein verantwortungsbewußter Bürger unserer 
Stadt dafür eintreten, daß sich Kassel gegenüber der Linienführung 
im Flugverkehr passiv verhält. 
Ein letztes Wort der W a s s e r st r a ß e. Durch die im Jahre 
1895 vollendete Kanalisierung der Fulda zwischen Kassel und 
Münden ist Kassel binnenländischer Endpunkt der Weserschiffahrt 
geworden. Es ist oberhalb Bremen die einzige Großstadt an der 
Wescr-Fulda-Wasserstraße und dazu berufen, ein wichtiger 
Binnen Umschlagsplatz zu werden, sobald die nunmehr 
hoffentlich bevorstehende Kanalisierung der Weser sowie die durch 
das Preußische Gesetz vom 20. April 1922 angeordnete Neukanali- 
sicrung der Fulda von Münden bis Kassel vollendet fein werden. 
Jetzt können auf der Fulda Schiffe mit Ladungen bis zu 450 
Tonnen verkehren, auf der oberen Weser reichen die Wasserstände 
zeitweise nicht einmal dafür aus. Rach vollendeter Kanalisierung 
wird eine zu jeder Jahreszeit gleichmäßig für das 1000-Tonnen- 
Schiff befahrbare Wasserstraße von der Wesermündung bis Kassel 
mit Anschluß an den Mittellandkanal, die kanalisierte Werra und 
später den Hansakanal geschaffen sein. Kassel wird dann durch ein
        

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