Full text: Adreß- u. Einwohnerbuch der Stadt Kassel sowie sämtlicher Ortschaften des Landkreises Kassel (Jg. 92. 1928)

100 Jahre Kasseler Adreßbuch 
Es wäre möglich, darüber zu streiten, ob cs angebracht ist, den 
Jahrgang 1928 des Kasseler Adreßbuches als den Iubiläumsjahr- 
gang zu betrachten. Denn dieser Jahrgang selbst wird als der 92. 
bezeichnet, und der Berlag nannte den im Jahre 1883 erschienenen 
den fünfzigsten. Andererseits aber liegt auch noch ein älteres 
Adreßbuch vor, nämlich ein solches vom Jahre 1819, so daß man 1919 
vielleicht schon die Jubelfeier des Kasseler Adreßbuches hätte be 
gehen können. Wir dürfen aber mit einigem Rechte den Jahrgang 
1828 des Kasseler Adreßbuches als den ersten Band in der stattlichen 
Reihe dieser ansehen, auch wenn zwischen diesem und dem nächsten 
Jahrgange von 1834 eine Lücke klafft. Man hat also im Jahre 
1883 nur die seit 1834 fortlaufende Reihe gezählt, ohne zu berück 
sichtigen, daß der „1. Jahrgang 1828" auch schon zu dieser Reihe zu 
zählen sei. Denn als C h r. P r e i m e die Bearbeitung von 1834 
unter seinem Namen herausbrachte, nimmt er ausdrücklich auf jenen 
Vorgänger Bezug. 
Zunächst ein kurzes Wort über den ersten, nicht wiederholten 
Versuch vom Jahre 1819. Er wurde von amtlicher Seite unter 
nommen. Druck und Verlag lagen in der Hand der Hof- und Waisen- 
haus-Buchdruckerei, die neben dem Druck und Verlag amtlicher For 
mulare und der in allen kurhessischen Amtsstuben benützten Ka 
lender auch das Staatshandbuch herausgab. 
Der Titel des Adreßbuches von 1819 lautet: „Verzeichnis der 
Einwohner der ResidenzstadtCassel mit Bemerkung ihrer Wohnung". 
Auf 140 Seiten Klein-Oktav, die durch Spaltenlinien abgeteilt 
sind, werden die Namen der Einwohner, der bezügl. Straßen und 
der (durchlaufend gezählten) Hausnummern mitgeteilt. — Das 
Buch sollte schon im Herbst 1818 herausgegeben werden, doch kam 
es erst im Januar 1819 zu seiner Herausgabe. 
Der zweite Versuch einer Herausgabe des Kasseler Adreßbuches 
entstammte wohl der persönlichen Initiative des Polizeikommissars 
Chr. P r e i m e. Aber er ließ weder seinen Namen noch seinen 
Titel auf jener Ausgabe von 1828 hervortreten, und, um es einzu 
führen, ward es verbunden mit einer sehr guten historischen und 
topographischen Beschreibung von Kassel und Wilhelmshöhe, die wir 
wohl auch als den ersten ausgesprochenen Fremdenführer durch 
unsere Stadt ansprechen dürfen. Der volle Titel des Buches lautete: 
„Cassel u n d W i l h e l m s h ö h e / enhaltend / nützliche 
Nachweisungen / für / Einwohner und Fremde. / Mit einer / ge 
schichtlichen Einleitung und / angehängtem Adreßbuch. / 1er Jahr 
gang 1828 / (Kurhcss. Staatswappen) / Hierbei ein Plan, eine Post- 
charte und / lll lithographierte Ansichten. / Cassel / im Verlag der 
Lithographischen Anstalt / von Geeh und Rausch." 
Dies Titelblatt ist künstlerisch sehr nett ausgeführt, das ganze 
Bändchen in Halbleder gebunden mit einem Goldtitel. Das Format 
war ein Klein-Oktav, der Textteil umfaßte 128 Seiten. Die Be 
schreibung und die geschichtliche Darstellung sind recht eingehend 
und geben zugleich Mitteilungen über die damals in Kassel tätigen 
wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Institute und Vereinigungen 
usw. Für den Fremden werden die zu beachtenden Polizcivorschrif- 
ten mitgeteilt, ebenso über den Verkehr und die Post sowie über 
Münze, Maaß und Gewicht. — Das eigentliche Adreßbuch gibt im 
Sperrdruck an der Spitze, einer jeden Zeile den Familiennamen, 
am Zeilenschlusse die bezügl. Hausnummer, dazwischen Vornamen, 
Titel oder Beruf und Straße. D;m eigentlichen, 200 Seiten um 
fassenden Einwohnervcrzeichnis ist eine „Übersicht über Privat 
geschäfte und Gewerbe" angehängt. Wir begegnen in diesem Ver 
zeichnis und in dem der späteren Tage nunmehr längst ausgestorbe- 
nen Berufszweigcn, so 1828 noch den Sänftenträgern, 1839 einer 
Blutcgelgroßhandlung und im gleichen Jahre noch Federschmückern. 
Die nächste Ausgabe des Adreßbuches, das nun schon ohne bei- 
gegebenen Textteil erscheinen konnte, erfolgte 1834. Nun wurde als 
sein Herausgeber ausdrücklich der Polizeikommissar Chr. P r e i m e 
genannt. Aus der Vorrede des Buches, in der er sagt, man sei an 
ihn mit der Bitte herangetreten, daß das Adreßbuch alljährlich er 
scheinen möge, erhellt deutlich, daß er sich auch schon mit der 
Herausgabe des Jahrganges 1828 befaßt hatte. Nun erfolgte die 
Veröffentlichung auf Ausschreibung, und diese erscheint auch gleich 
auf die nächsten Jahrgänge ausgedehnt gewesen zu sein. Der Druck 
erfolgte in der Estienlre'schcn Buchdruckerei. Ein Verleger wird 
nicht weiter genannt; aber es ist klar, daß das Buch rn Prcimcs 
Selbstverlag herauskam. — Eine Neuerung war es, daß eine ta 
bellarische Übersicht beigegebcn war, aus der eine Verteilung der 
Hausnummern auf die Straßcnzüge ersichtlich war. Hierbei waren 
zugleich die Parallelbezeichnungen der Straßennamen angegeben. 
soweit der populäre ältere Name von dem in den Tagen des L a n d- 
grafe n Friedrich ll. gegebenen, bis 1807 offiziellen Straßen 
namen abwich. Geblieben sind nur wenige der friderizianischeu 
Straßennamen: die Christophstraße, der alte „Ziegenstall", die 
Hohentorstraße statt der „Filzlaus", die Kreuzstratze statt der 
„Lumbsgaffe". Kassel zählte 1835 29 970 Einwohner. 
Vom Jahre 1839 an besorgte die Firma DöllLSchäffer 
den Druck, auch ward von diesem Jahre an wieder das Verzeichnis 
der einzelnen Gewerbetreibenden aufgenommen. 
Der Jahrgang 1859 ist der letzte des Unternehmens, den der 
Begründer, P r e i in e , selbst besorgte. Er hatte auch noch selbst 
in den letzten Jahren einen kleinen Inseratenteil dem Buche an 
fügen können, der mit der wachsenden Einwohnerziffer auch an Um 
fang zunahm. — Vom Jahre 1800 zeichnen als die Herausgeber die 
„Hinterbliebenen des verst. Polizei-Commiffars Preime". 
Wie schon im Jahre 1840 die Postkurse, die in Kassel aus- und 
eingingen, in das Adreßbuch Aufnahme gefunden hatten, fo wurden 
nun auch die Botenleute aus dem Lande rings, mit Angabe der 
Häuser, wo sie logierten, genannt, was für die Geschäftswelt bei der 
damaligen Bedeutung des Botenwesens äußerst wertvoll war. 
Das Häuserverzeichtzis hatte seit 1856 noch Chr. Preime selbst 
zweispaltig mit allen Einwohnern der Häuser erscheinen lassen, 
was der wachsenden Bedeutung des Mietwesens entsprach, denn der 
Wandel in der Wirtschaftsstruktur der Stadt wirkte sich auch in 
dieser Richtung aus. — Im Jahrgange 1808 werden zuerst wieder 
die alten volkstümlichen Namen verwandt, durch deren Wieder 
herstellung sich die neue Landesherrschaft selbst populär zu machen 
suchte. — Das Jahr 1883 brachte auch eine neue Herausgeber- 
bezeichnung, indem nunmehr als Herausgeber PreimesErben 
und C. Boppenhausen auftreten; 1888 werden als Heraus 
geber C. Boppenhausen und E. Preime genannt. Auch 
die Druckerei hatte schon länger ihre Firma gewechselt und hieß 
nunmehr L. D ö l l. Die Autorennotiz aber lautet von 1892 bis 
1900 wie folgt: „Herausgegeben mit Unterstützung des König!. 
Polizei-Meldeamts von Chr. Preimes Erben". 
Ein neuer Wandel trat 1901 wieder ein, als nunmehr die 
letzte Erinnerung an den Begründer Preime schwindet und auf dem 
Titelblatt P h i l i p p D ö l l's E r b e n als Herausgeber hervor 
treten. Ter Buchdrucker L. Döll aber firmiert nun auch als Ver 
leger lind Drucker, bis im Jahre 1905 der ganze Betrieb in die 
Hände der Gebr. Schön Hove n überging. — Während längerer 
Zeit hatte mau das Buch schon in Groß-Oktav erscheinen lassen und 
die Lateinschrift verwandt. Auch der neue Berlag blieb bei der ge 
wohnten Form, bis 1920 Quartformat gewählt und auch der Titel in 
Kasseler Adreß - u. Einwohnerbuch geändert wurde. 
Zu gleicher Zeit griff man wieder auf die sog. Deutsche Schrift 
(Frakturschrift) zurück und fügte als weitere Verbesserung den 
aufgeführten Straßen eine Lageskizze bei. 
Es ist leider hier nicht möglich, die Fülle von Einzelheiten, 
die die Geschichte des Adreßbuches bietet, darzustellen. 
Aber die Schwierigkeiten, über die schon bei dem ersten, zu 
nächst nicht wiederholten Versuch der Herausgabe des Adreßbuches 
die Kasseler Polizei klagte, mußten sich trotz der nunmehr ein 
Jahrhundert alten Praxis bei dem Wachstum der Stadt vermehren. 
Man denke allein nur daran, welche Fülle von Arbeit durch die all 
jährlichen Änderungen in Wohnung und Titeln entsteht, ganz zu 
schweigen von den ungenauen Angaben Mindergebildeter. 
An der Neubearbeitung eines Jahrganges sind jetzt während 
des ganzen Jahres 6 Personen und in den letzten vier Monaten 
ca. 30 Personen beschäftigt. Zur Erfassung von rund 60 000 Haus 
haltungen, Firmen oder Einzelpersonen werden alljährlich ca. 9000 
Häuserlisten ausgegeben; für die verschiedenen Teile des Buches 
find alljährlich etwa 1000 Umfragen bei Behörden, Vereinen usw. 
notwendig. — Es ergibt sich dabei, daß mit Schluß eines jeden 
Jahres ein Einwohnerbuch durch die vielen, im Laufe des Jahres 
eingetretenen Veränderungen völlig veraltet ist. Die Be 
schaffung des Materials für die Neuauflage erfordert jetzt jährlich 
allein einen Portoaufwand von über 2000 Reichsmark. 
Hundert Jahre Kasseler Adreßbuch! Auch 
wenn die Reihe der Jahrgänge seitdem nicht völlig geschlossen vor 
liegt, so darf doch der Verlag nicht ohne Stolz auf die Geschichte 
eines Werkes blicken, das zu den besten seiner Art in Deutschland 
zählt und, was es wurde, der fleißigen Arbeit von Generationen 
verdankt. Doch für immer wird Chr. Preime's Name mit dem 
Kasseler Adreß- u. Einwohnerbuch verbunden bleiben! Br. Jacob.
	        

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