Full text: Adreß- u. Einwohnerbuch der Stadt Cassel (Jg. 90.1926)

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Cassels Verkehrs- und wirtschastspolitische Bedeutung 
1. Teil 
bruch erlitten hat. Wenn auch die Casseler Stadtverwaltung 
größte Anstrengungen macht, durch Neu- und Ausbauten der der 
zeitigen Wohnungsnot zu steuern, so wird eine planmäßige und 
großzügige Ansiedelungspolitik doch erst dann wieder Erfolg ver 
sprechen, wenn der Wohnungs- und Raumbedarf der fchou an 
sässigen Bürger und Gewerbetreibenden einigermaßen befriedigt 
sein wird. Mit der Schaffung neuer Wohnungen allein ist dieses 
schwierige Problem aber nicht zu lösen. Die Sanierung der Alt 
stadtwohnungen, die besonders dringlich bald nach dem Kriege ein 
geleitet worden ist, muß weiter fortgesetzt werden, wenn die finan 
zielle Lage sich gebessert hat. Ihrer früheren Steuerrechte beraubt, 
sind die deutschen Stadtverwaltungen in eine unerträgliche Hörig 
keit zum Reich gekommen, das seinerseits nicht in der Lage ist, 
die zwangsläufigen Aufgaben der Gemeinden zu übernehmen. 
Die Casseler Stadtverwaltung möchte aber über die ihr zugewie 
senen gesetzlichen Aufgaben hinaus in Gemeinschaft mit dem rast 
los schaffenden Fleiß und dem Gemeinsinn der Bürger Raum und 
Vorbedingungen schaffen für eine gedeihliche neuzeitliche Fort 
entwicklung des Gemeinwesens, getreu dem Leitspruch: „Dem 
Bürger Freude an seiner Stadt zu erwecken und zu erhalten, ist 
vornehmste Aufgabe ihrer Verwaltung". 
Cassel als Stadt der Arbeit tritt im Adreßbuch 
spiegel weit mehr in die Erscheinung als in Fremdenführern und 
den Anleitungen zum Besuch unserer Stadt. Schon beim flüchtigen 
Durchlesen der Abschnitte über die Gliederung unserer Bevölkerung 
in der Richtung des geistigen und körperlichen Schaffens, in dem 
Abschnitt über das Vereinswesen, besonders aber beim sogen. 
Branchenregister wird das oft gehörte Urteil „Cassel ist nur eine 
vornehme Rentnerstadt" als einseitig erkannt werden. Ebenso un 
zutreffend ist das Urteil, wenn Cassel kurz als „Beamtenstadt" 
abgetan wird. Als Hauptstadt der Provinz Hessen-Nassau ist 
unsere Stadt naturgemäß Verwaltungssitz verschiedener Reichs-, 
Landes-, Kommunal-, Kultus- und Militärbehörden. Diese be- 
einfluffen aber den Einwohner-Durchschnitt nicht mehr in dem 
gleichen Maße wie zu Zeiten des Residenzcharakters der Stadt. 
Die politische, wirtschaftliche und soziale Struktur unserer Tage 
hat in nie geahntem Umfang neben den Behörden und Selbst 
verwaltungskörpern eine große Zahl von Körperschaften aller Art 
entstehen lassen, die in Cassel ihren Hauptverwaltungssitz oder 
doch wenigstens Bezirks- bezw. Ortsverwaltungen unterhalten. 
Die Zahl und Bedeutung der im Adreßbuch an verschiedenen 
Stellen aufgeführten Berufs- und Fachverbände beweist schon, 
daß das Cassel von heute mit seinem Wirtschaftsgebiet bei der 
Ordnung der deutschen Wirtschaftsverfaffung eine seiner Eigenart 
und Selbständigkeit entsprechende Behandlung zu fordern be 
rechtigt ist. 
Es kann nicht Aufgabe dieses einführenden Aufsatzes sein, 
Aufzählungen der Industrien, kleingewerblichen und Handels 
unternehmungen zu bringen, die sich in den entsprechenden Ab 
schnitten des Nachschlagewerks wiederholen würden. In diesem 
Zusammenhang können vielmehr nur Streiflichter geworfen werden 
auf Unternehmungen und Zusammenschlüffe, die dem Caffeler 
Wirtschaftsleben eine besondere Note geben. Nur bei der Loko- 
motivfabrik von H e n s ch e l L Sohn ist mit Rücksicht auf die 
überragende Bedeutung dieses Betriebes für die Entwicklung 
unseres Gemeinwesens eine Ausnahme wohl zulässig. Der Ur 
sprung des Werkes geht bis zum Anfang des vorigen Jahrhunderts 
zurück und stützt sich auf Glockengießerei und Stückgußherstellung. 
Nach und nach wurde die Bearbeitung von Schwermetall und der 
Maschinenbau aufgenommen, bis sich die Anlage zu der ersten 
Spezialfabrik des Kontinents für Lokomotivbau der verschiedensten 
Typen entwickelte. Das Caffeler Unternehmen hat mit seinen aus 
wärtigen eigenen oder in Interessengemeinschaft mit ihm verbun 
denen Werken und Gruben auch bei den Zusammenschluß-Be 
strebungen in den deutschen Montan- und Eisenkartellen sich maß 
gebenden Einfluß zu sichern verstanden. Neuerdings ist auch der 
Bau von Kraftwagen verschiedener Verwendungsart aufgenommen 
worden. Die Braunkohle des Caffeler Beckens, die von In 
dustrie und Hausbrand vor dem Kriege stark vernachlässigt war, 
ist wieder so zu Ehren gekommen, daß sie jetzt das Rückgrat der 
Versorgung bildet. Namentlich gewerbliche Heizungsanlagen sind 
auf den Verbrauch einheimischer Kohlen umgestellt worden. Da auch 
aus dem übrigen Deutschland die Nachfrage nach diesem Brenn 
stoff ständig zunimmt, ist die Leistungsfähigkeit der Zechen unseres 
Reviers um das Vielfache der Friedensförderung gesteigert worden. 
In Verbindung mit den Wasserkräften der Edertalsperre und den 
im Ausbau befindlichen Fuldastauanlagen wird durch das reiche 
Braunkohlenvorkommen der Caffeler Umgegend die elektrische 
Stromversorgung eines großen Teils von Mitteldeutsch 
land sichergestellt. Die wirtschaftlichen Zweckverbände für die Ge 
winnung und Verteilung der Braunkohle und der elektrischen 
Energie haben in Cassel naturgemäß ihren Berwaltungssitz ge 
nommen. Als weitere wichtige Bodenschätze, die im Casseler Wirt 
schaftsgebiet gewonnen werden, sind zu nennen: Farberde (Abart 
der Braukohle), Tonschwerspat und Basaltsteine, die an Ort und 
Stelle verarbeitet und zum Teil sogar über das Meer versandt 
werden. Dieses gilt besonders von einem für die landwirtschaft 
liche Produktionsförderung unentbehrlichen Bodenprodukt, dem 
Kali. Sind dessen Gewinnungsstätten zwar etwas abseits ge 
legen, so hat doch Cassels günstige Lage den größten deutschen 
Kalikonzern zur Niederlassung veranlaßt. 
Neben dem Lokomotivbau hat sich in Cassel die Herstellung 
anderer Verkehrs- und Transportmittel in be 
merkenswerter Spezialisierung entwickelt. Die Unternehmungen 
zum Bau von Eisenbahnwagen, Feldbahngleisen, Transportwagen, 
Krananlagen und Hebezeugen feien in diesem Zusammenhange 
genannt. Müllereimaschinen und Schlachthofeinrichtungen sind 
als weitere Sonderfabrikate unserer Metallindustrie ebenso er- 
wähnenswert wie die Verarbeitung von Eisen und Stahl zu Feder 
stahl, Metallschläuchen und landwirtschaftlichen Maschinen. Die 
älteste, noch heute blühende Industrie Cassels, die ihre Anregungen 
aus den naturwissenschaftlichen Studien der hessischen Landgrafen 
gewonnen hat, befaßt sich mit der Herstellung von wissenschaftlichen 
Instrumenten für chemische und physikalische 
Zwecke. Eigene Wege ging die Casseler Industrie, die in ihrem 
Wesen als verarbeitende angesehen werden muß, auch in der Er 
zeugung pharmazeutischer und medizinischer 
Bedarfsartikel, die bis in die entferntesten Erdteile ver 
sandt werden. Die Verarbeitung der Farberde bildet die Grund 
lage der Farben - und Lackfabrikation, ebenso wie 
das reiche Holzvorkommen die Voraussetzung für die hochentwickelte 
und stark spezialisierte Holzverarbeitung geschaffen hat. 
Casseler Stöcke und Pfeifen sind weltbekannte Exportartikel; die 
deutsche Züudholzindustrie wird im wesentlichen durch die 
hier bestehenden großen Fabrikationsunternehmungen und deren 
Kartelle beherrscht. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahr 
hunderts hat sich an der Fulda besonders ein Industriezweig ein 
gebürgert, der eine überragende Bedeutung erlangt hat, die 
Herstellung von Segeltuchen aller Art für technische 
und militärische Zwecke. Die in Cassel gegründeten Unter 
nehmungen haben nicht nur in der näheren Umgebung, sondern 
auch im übrigen Deutschland zahlreiche Niederlassungen ins Leben 
gerufen. Die Textilverarbeitung hat verschiedene Son 
derzweige in Cassel herausgebildet wie Wollwäscherei u. -Färberei. 
Nennenswert ist auch die Verarbeitung von Leder zu den ver 
schiedensten Gebrauchsgegenständen. Das industrielle Gesamtbild 
unserer Stadt wäre unvollkommen, würde man nicht wenigstens 
noch auf' die Betriebe der N ä h r m i t t e l i n d u st r i e, der 
Papierverarbeitung, sowie Buch - und Stein- 
druckerei verweisen. Für alle diese privatwirtschaftlichen 
Unternehmungen liefert die Stadtverwaltung aus eigenen Werken 
Gas, elektrischen Strom und Wasser; diese Anlagen 
werden stets den neuzeitlichen technischen und wirtschaftlichen For 
derungen angepaßt. 
Mit der Industrie ist das Casseler Handwerk aufs 
engste verknüpft. Die Geschichte der Stadt wird zu allen Zeiten 
stark beeinflußt durch Gilden und Zünfte, die teilweise auf eine 
mehr als 500jährige Vergangenheit zurückblicken können. Auf die 
mittelalterliche Blüte folgten, wie allgemein in Deutschland, Zeiten 
schwerster Daseinskämpfe, als die Maschine der Handarbeit das 
Feld strittig machte. Dem Handwerk und Kleingewerbe unserer 
Stadt, das mehr als 3000 Betriebe umfaßt, muß nachgerühmt 
werden, daß es durch verständnisvolle Umstellung auf die ver 
änderten Lebensbedingungen sich zu behaupten versteht. Wenn 
auch in anderer Form, so hat sich das Handwerk doch stoßkräftige 
Vertretungen zu schaffen verstanden, die an der Weiterentwicklung 
im neuzeitlichen Sinne zu arbeiten bemüht sind. Namentlich die 
ständig wiederkehrenden Ausstellungen von Lehrlingsarbeiten und 
die gelegentlichen Fachausstellungen gewerblicher Erzeugnisse lassen 
erkennen, daß in unserer Stadt Qualitätsarbeit in bestem Sinne 
geleistet wird. 
Nach diesem überblick über die Casseler groß- und kleingewerb 
lichen Unternehmungen wenden wir uns der Bedeutung Cassels 
als Handelsplatz zu. Schon aus der andeutungsweisen Be 
handlung der Fabrikationsbetriebe läßt sich erkennen, daß der Ab 
satz der hier gefertigten Erzeugnisse ausgedehnte Handelsorgani-
	        

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