Volltext: Adreß- u. Einwohnerbuch der Stadt Cassel (Jg. 90.1926)

1. Teil 
Cassels Verkehrs- und wirtschaftspolitische Bedeutung 
Von Stadtrat W 
Das Einwohner- oder Adreßbuch einer Stadt stellt nicht nur 
ein unentbehrliches Nachschlagewerk dar; wer darin zu lesen ver- 
steht, dem spiegelt sich die gesamte Städtekultur und Stadtwirtschaft 
mit ihren vielseitigen Reflexen wieder. Im Nachstehenden soll ver- 
sucht werden, diese insoweit aufzufangen, als sie das Verkehrs- 
und Wirtschaftsleben unserer Stadt in seiner wcchselvollen Ent 
wicklungsgeschichte und nach seinem heutigen Stand im Zusammen- 
hang beleuchten sollen. 
Das tausendjährige Cassel war schon zu Zeiten seiner erst- 
maligen Erwähnung Knotenpunkt wichtiger Landstraßen vom 
Rhein über Frankfurt nach Norddeutschland und von Westfalen 
nach Thüringen. Die ersten beglaubigten Nachrichten von einem 
Casseler Schiffsverkehr stammen aus der Zeit, in der Hessen 
von Thüringen sich loslöste. Damit trennte sich auch handelspolitisch 
das am Zusammenfluß der Werra und Fulda gelegene Münden, 
indem es ein Stapelrecht gegen Cassel geltend machte, das erst 
durch die Weser-Schiffahrtsakte von 1823 aus der Welt geschafft 
wurde. Namentlich Landgraf Karl, der den Ehrennamen eines 
praktischen Volkswirtes verdient, strebte danach, die lästigen Zoll- 
plagereien mit Münden durch die Anlage eines Hafens (Karls- 
Hafen) am Zusammenfluß der Weser und Diemel, zu vereiteln. 
Ein Kanal sollte von da über Cassel nach der Lahn und damit 
zum Rhein führen. Die Ausführung dieses großzügigen Projektes 
ist damals und leider auch in der Folge wegen der technischen 
Schwierigkeiten unterblieben. Fuldawellen umspülten das erste 
Dampfschiff, erbaut von Karls technischem Berater Denis Papin, 
der damit den Weg zeigte zu der späteren Verwendung der Dampf- 
kraft in der Verkehrstechnik. Die Bestrebungen, von Eaflel aus 
eine Verbindung mit den Nordsechäfen, namentlich Bremen, zu 
schaffen, sind in der Folgezeit immer wieder aufgenommen und 
von Eaffel aus mit besonderem Nachdruck verfolgt worden. Ihren 
vorläufigen Abschluß fanden sie 1895 mit der Fuldakanalisierung, 
die die Binnenschiffahrt mit den Weserhäfen und nach Vollendung 
des Mittellandkanals mit dem Industriegebiet und Mitteldeutsch 
land ermöglichte. Wasserwirtschaftliche Aufgaben im größten Aus- 
maß, die für die weitere handelspolitische Entwicklung unserer 
Stadt von entscheidender Bedeutung sind, harren jedoch noch der 
Erledigung. Diese Pläne haben neuerdings einen starken Impuls 
bekommen durch die Möglichkeit der Ausnutzung der Wasierkräfte 
im Fuldagebiet, die in Verbindung mit den Braunkohlenvorräten 
die Wirtschaftlichkeit der künftigen Großwasserstraße gewährleisten 
soll. Die in Vorbereitung befindlichen wasserwirtschaftlichen Pläne 
bedingen eine allen Anforderungen des künftigen Großschiffahrts 
weges gerechtwerdende Ausgestaltung der Casseler Hafenanlagen, 
die wiederum das Feld für die Ansiedlung neuer Industrie- und 
Handelsunternehmungen ebnen soll. Schließlich soll durch die 
Fuldaregulierung die mit der Anlage des neuen Walzenwehrs 
beabsichtigte Beseitigung der Hochwassergefahr zum völligen Ab 
schluß gebracht werden. 
Da die Förderung des Güterverkehrs noch für lange Zeit in 
dem verarmten Deutschland im Vordergrund der Iukunftsauf- 
gaben zu stehen hat, muß neben den Bestrebungen zum Ausbau der 
Schiffahrtswege der Ausgestaltung des Eisenbahnverkehrs 
fortgesetzt besondere Pflege gewidmet werden. Die untere Fulda 
ebene übte auf die Planung der Schienenwege einen natürlichen 
Anreiz aus. Nachdem der erste Bahnbau von Thüringen über 
Eaffel nach Westfalen im Jahre 1845 erfolgt war, wurde unsere 
Stadt bald ein Brennpunkt des Mitteldeutschen Eisenbahnver 
kehrs. Wenn auch noch nicht alle Blütenträume der Verkehrs- 
technischen Hoffnungen im Caffeler Wirtschaftsgebiet reifen könn- 
ten, so sind doch die zuständigen Stellen bemüht, im Rahmen der 
veränderten Perhältniffe Verbesserungen herbeizuführen. Neben 
den Haupteisenbahnlinien schließen vier Neben- und Kleinbahnen 
die Hauptstadt an ihr Hinterland an, und zwar Cassel-Waldkappel, 
Eassel-Volkmarsen, Wilhelmshöhe-Naumburg und die Söhrebahn 
MBettenhausen-Wellerode. Diese Bahnen dienen insbesondere der 
e b e r - Cassel 
Beförderung der zahlreichen in der Stadt beschäftigten Arbeiter 
vom Lande und der in der näheren und weiteren Umgebung ge- 
wonnenen Bodenschätze. Den Personenverkehr im Stadt- 
innern nach den Vororten und Auflugspunkten vermittelt die 
„Große Casseler Straßenbahn A.-G." mit einer Gleislängc von 
über 150 Kilometer. Die Anfänge des Easseler Etraßenbahnver- 
kehrs reichen bis zum Jahre 1877 zurück, in welchem eine englische 
Gesellschaft vom Königsplatz nach Wilhelmshöhe eine normal- 
fpurige Dampfbahn erbauen ließ. Im Anschluß an die Casseler 
Straßenbahn führt die 335 Meter ansteigende Herkulcsbahn zum 
Wilhelmshöher Bergpark und zum Hohen Gras hinauf. Sie er- 
schließt die landschaftlichen Schönheiten dem Fremdenverkehr und 
dient wirtschaftlichen Zwecken in der Beförderung der im Habichts- 
wald gewonnenen Braunkohlen und Basaltsteine. Als weiteres 
Verkehrsmittel ist der Kraftwagen zur Geltung gekommen, 
besonders als Zubringer zur Eisenbahn und zum Verteilen der 
Güter innerhalb der Stadt. Der Fuhrwerksbetrieb mit Pferden 
zur Personen- und Güterbeförderung geht immer mehr zurück. 
Eine Stadt, die Anspruch darauf macht, als Vcrkehrsstadt gewertet 
zu werden, durfte auch an dem neuesten Zweig des weitverästelten 
Verkehrswesens, dem Flugverkehr, nicht achtlos vorüber- 
gehen. Wenn festgestellt werden konnte, daß die natürlichen Vor 
aussetzungen für den Schiffs- und Eisenbahnverkehr gerade in 
unserer Stadt günstig liegen, so ist von Fachleuten hinsichtlich der 
für die Anlage eines Flughafens in Betracht kommenden Umstände 
dasselbe bestätigt worden. Der Flughafen Eassel-Waldau ist an 
die Luftverkehrslinien angeschlossen, die unser Vaterland durch 
ziehen und Glieder des internationalen Flugverkehrs geworden 
sind. 
Cassels besondere Eigenart als einer Stadt, die weltberühmte 
landschaftliche Schönheiten mit weltbekannten Kulturwerten in 
seltener Harmonie vereinigt, übt auf den Fremdenverkehr 
ihre Anziehungskraft immer aufs neue aus. An die Stelle kunst- 
sinniger fürstlicher Patrone, die auf natürlichen Vorbedingungen 
verständnisvoll aufbauten, sind die Stadtverwaltung, der Staat 
und der Gemeinsinn der Bürger getreten, alle bestrebt, das über- 
lieferte Erbe treu zu hüten und in neuzeitlichem Sinne auszuge- 
stalten. Sinnfälligen Ausdruck haben diese Bemühungen vor allem 
in Bauwerken gefunden, die um die Iahrtausendwende der Stadt 
errichtet wurden: im Rathaus, einem Wahrzeichen des erstarkten 
Bürgersinns, der Stadthalle, einem Mittelpunkt des musikalischen, 
sportlichen und gesellschaftlichen Lebens, im Landesmuseum, der 
Hüterin der hessischen Heimatkunde, und nicht zuletzt im Etaats- 
theater, der Pflegestätte der Kunst in mancherlei Ausdrucksformen. 
Es darf nicht Wunder nehmen, daß eine durch derartige Vorzüge 
ausgestattete und so den Durchschnitt der Provinzstädte weit über 
ragende Stadt die verschiedensten Antriebe des Fremdenverkehrs 
auslöst. Nicht nur zu Erholungs- und Belehrungszwecken wird 
Cassel aufgesucht, namentlich nach Errichtung der Stadthalle hat 
sich Cassel zu einer Ausstellungs- und Kongreßstadt entwickelt, die 
im Jahre 1924 etwa 60 derartige Veranstaltungen aufnehmen 
durfte. Nach allen Richtungen die Verkehrsförderung weiter zu 
entwickeln, ist eine der vielen Aufgaben des Stadtverkehrsamtes 
und des gemeinnützigen Casseler Berkehrsvereins; den zahlreichen 
Casseler Ortsvereinen und den Berufs- und Fachverbänden stellen 
sich die beiden genannten Organe bei der Vorbereitung und Durch 
führung von Kongressen und Ausstellungen zur Verfügung. Die 
Vorteile eines regen Fremdenverkehrs ergießen sich in fast alle 
Kanäle des städtischen Wirtschaftslebens. Aber nicht nur der 
vorübergehende Passantenverkehr verdient behördliche und private 
Förderung. Wie viele flüchtige Besucher unserer Stadt mögen nicht 
schon von dem Wunsche beseelt worden sein, in ihr dauernd ihren 
Beruf oder ihr Gewerbe ausüben' oder sich hier zur Ruhe setzen 
zu dürfen. So hatte Cassel schon vor dem Kriege einen in natür 
lichen Vorbedingungen festbegründeten Ruf als Pensivnopolis, 
der durch die Wohnungsnot unserer Tage einen bedauerlichen Ab- 
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