Full text: Einwohnerbuch (Adreßbuch) der Stadt Cassel sowie der Ortschaften Harleshausen, Ihringshausen, Niedervellmar, Niederzwehren, Oberzwehren, Sandershausen, Waldau, Wilhelmshöhe, Wolfsanger, Gartenstadt Brasselsberg (Jg. 89.1925)

4 Sehenswürdigkeiten, Theater, Konzerte. Teil I. 
wirtschaftlichen Unternehmungen liefert die Stadtverwaltungaus eigenen Werken Gas, elek 
trischen Strom und Wasser; diese Anlagen werden stets den neuzeitlichen technischen 
und wirtschaftlichen Forderungen angepaßt. 
Mit der Industrie ist das Casseler Handwerk aufs engste verknüpft. Die Geschichte 
der Stadt wird zu allen Zeiten stark beeinflußt durch Gilden und Zünfte, die teilweise auf eine 
mehr als 500jährige Vergangenheit zurückblicken können. Auf die mittelalterliche Blüte 
folgten, wie allgemein in Deutschland, Zeiten schwerster Daseinskämpfe, als die Maschine 
der Handarbeit das Feld strittig machte. Dem Handwerk und Kleingewerbe unserer Stadt, 
das mehr als 3000 Betriebe umfaßt, muß nachgerühmt werden, daß es durch verständnisvolle 
Umstellung auf die veränderten Lebensbedingungen sich zu behaupten versteht. Wenn auch 
in anderer Form, so hat sich das Handwerk doch stoßkräftige Vertretungen zu schaffen ver 
standen, die an der Weiterentwicklung in neuzeitlichem Sinne zu arbeiten bemüht sind. 
Namentlich die ständig wiederkehrenden Ausstellungen von Lehrlingsarbeiten und die ge 
legentlichen Fachausstellungen gewerblicher Erzeugnisse lassen erkennen, daß in unserer 
Stadt Qualitätsarbeit in bestem Sinne geleistet wird. 
Nach diesem Überblick über die Casseler groß- und kleingewerblichen Unternehmungen 
wenden wir uns der Bedeutung Cassels als Handelsplatz zu. Schon aus der andeutungs 
weisen Behandlung der Fabrikationsbetriebe läßt sich erkennen, daß der Absatz der hier 
gefertigten Erzeugnisse ausgedehnte Handelsorganisationen voraussetzt. Neben diesem 
Exporthandel hat sich dank der günstigen Verkehrslage nach und nach ein ausgedehnter 
Großhandel in den wichtigsten Bodenschätzen und Bedarfsgegenständen entwickelt. Besonders 
sind zu nennen: Holz, Kohle, Getreide, Häute und Felle, Kolonial- und Manufakturwaren 
Düngemittel, Eisen, Papier und Lumpen. 
Dem Einzelhandel fällt naturgemäß in einer Stadt von der Größe Cassels, die in 
weitem Umkreis nur von mittleren und kleinen Landstädten und Dörfern umgeben ist, eine 
besondere Bedeutung zu. Schon in der Landgrafen- und Kurfürstenzeit bildete trotz der 
politischen Zerklüftung in Mitteldeutschland Cassel einen Haupthandelsplatz für den Bedarf 
in sogenannten Spezereiwaren, die hauptsächlich auf dem Schiffswege über Bremen eingeführt 
wurden. Innerhalb des Einzelhandels ist zunächst das allgemeine Bedarfsgeschäft zu unter 
scheiden, daneben das Spezialgeschäft und das Warenhaus. Außerdem haben sich Organisationen 
herausgebildet, die nach genossenschaftlichen Grundsätzen den Warenumsatz an ihre Mitglieder 
vermitteln. Besonders auffällig ist die Entwicklung der Geldinstitute in den letzten Jahren 
in unserer Stadt gewesen, die schon in den monumentalen Verwaltungsgebäuden Ausdruck 
findet. Schon vorhandene Banken haben an fast allen in Frage kommenden Plätzen des 
Casseler Wirtschaftsgebietes Zweigniederlassungen errichtet, während anderseits auswärtig« 
Großbanken ihre Geschäfte auf Cassel ausgedehnt haben. 
Cassels Verkehrs- und wirtschaftspolitische Stellung wurzelt so tief, daß auch heftige 
Stürme den tausendjährigen Baum nicht entwurzeln konnten. Nie sind die Belastungsproben 
aber stärker gewesen als in dieser Zeit erdrückendster deutscher Verkehrs- und Wirtschaftsnot 
Da gilt es vor allem, durch festen Zusammenschluß aller Glieder der Gemeinde und zähe 
Ausdauer den Baum zu stützen und ihm zu weiterer Blüte zu verhelfen zum Nutzen jedes 
Einzelnen und damit zum Besten der Allgemeinheit. 
Sehenswürdigkeiten, Theater, Ronzerte. 
Gemälde-Galerie, an der Schönen Aussicht, gehört ihrem Wert nach zu den bedeutendsten 
Sammlungen Europas. Geöffnet im Sommer: Sonntags von lO'/s—1 Uhr, Wochentags 
von 9—I Uhr, Montags, Mittwochs und Donnerstags 3—5 Uhr. Im Winter: Sonntags 
von 11 — 1 ühr, Wochentags von 9 l / 2 — 1V 2 Uhr. Außerdem zugänglich durch den 
Kastellan. Erbaut 1871—77. Direktor. Geh. Reg.-Rat Dr. Boehlau. 
Der kostbarste Schatz Cassels, die Gemälde-Galerie, ist eine Schöpfung des 18. Jahr 
hunderts. Wenn auch schon früher am Casseler Hof planmäßig Gemälde gesammelt 
wurden und Landgraf Karl 1730 eine beträchtliche Sammlung von Gemälden hinter 
ließ, so wurde die jetzige Galerie doch im wesentlichen durch Landgraf Wilhelm VIII- 
(t 1760) geschaffen. Dieser kunstliebende Fürst, der sich einst als Gouverneur von 
Breda und Maastricht zu einem tüchtigen Kenner der niederländischen Malerei aus 
gebildet hatte, kaufte in wenigen Jahren fast alle Meisterstücke der jetzigen Galerie 
an. Ihm also dankt sie ihren Ruf, wenn auch in späteren Jahren noch mancherlei 
Neuerwerbungen hinzutraten. Einen äußerst empfindlichen Verlust erlitt die Galerie, 
als im Jahre 1806 ihre besten Stücke als Kriegsbeute nach Paris entführt wurden. 
Wenn sie auch neun Jahre später zum größten Teil wieder zurückkamen, so blieben 
doch überaus wertvolle Gemälde für immer verloren. Napoleon hatte sie der Kaiserin 
Josephine für Schloß Malmaison geschenkt, und später verkaufte sie die Familie 
Beauharnais an den Kaiser von Rußland. Noch heute gehören diese Gemälde, unter
        

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