Full text: Einwohnerbuch (Adreßbuch) der Stadt Cassel sowie der Ortschaften Harleshausen, Ihringshausen, Niedervellmar, Niederzwehren, Oberzwehren, Sandershausen, Waldau, Wilhelmshöhe, Wolfsanger, Gartenstadt Brasselsberg (Jg. 89.1925)

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slhaftliche und soziale Struktur unserer Tage hat in nie geahntem Umfang neben den Be- 
bfrden und Selbstverwaltungskörpern eine große Zahl von Körperschaften aller Art entstehen 
^hsen. die in Cassel ihren Hauptverwaltungssitz oder doch wenigstens Bezirks- bezw. Orts- 
xwaltungen unterhalten. Die Zahl und Bedeutung der im Adreßbuch an verschiedenen 
lollen aufgeführten Berufs- und Fachverbände beweist schon, daß das Cassel von heute mit 
Jnem Wirtschaftsgebiet bei der Ordnung der deutschen Wirtschaftsverfassung eine seiner 
i enart und Selbständigkeit entsprechende Behandlung zu fordern berechtigt ist. 
Es kann nicht Aufgabe dieses einführenden Aufsatzes sein, Aufzählungen der In 
dustrien, kleingewerblichen und Handelsunternehmungen zu bringen, die sich in den ent 
sprechenden Abschnitten des Nachschlagewerkes wiederholen würden. In diesem Zusainmen- 
f,j Hg können vielmehr nur Streiflichter geworfen werden auf Unternehmungen und Zusammen 
schlüsse, die dem Casseler Wirtschaftsleben eine besondere Note geben. Nur bei der 
Kkomotivfabrik H ens c hei & Sohn ist mit Rücksicht auf die überragende Bedeutung 
d eses Betriebes für die Entwicklung unseres Gemeinwesens eine Ausnahme wohl zulässig. 
Der Ursprung des Werkes geht bis zum Anfang des vorigen Jahrhunderts zurück und stützt 
sich auf Glockengießerei und Stückgußherstellung. Nach und nach wurde die Bearbeitung 
von Schwermetall und der Maschinenbau aufgenommen, bis sich die Anlage zu der ersten 
Spezialfabrik des Kontinents für Lokomotivbau der verschiedensten Typen entwickelte. Im 
Herbst 1928 konnte die 20 000. Lokomitive das Werk verlassen. Das Casseler Unternehmen 
hat mit seinen auswärtigen eigenen oder in Interessengemeinschaft mit ihm verbundenen 
W. rken und Gruben auch bei den Zusammenschlußbestrebungen ’ in den deutschen Montan- 
|d Eisenkartellen sich maßgebenden Einfluß zu sichern verstanden. Infolge der Kohlennot 
die Braunkohle des Casseler Beckens, die von Industrie und Hausbrand vor dem Kriege 
irk vernachlässigt war, wieder so zu Ehren gekommen, daß sie jetzt das Rückgrad der 
Irsorgung bildet. Namentlich gewerbliche Heizungsanlagen sind auf den Verbrauch von 
^heimischen Kohlen umgestellt worden. Da auch aus dem übrigen Deutschland die Nach- 
nach diesem Brennstoff infolge des Rückgangs in der Steinkohlenbelieferung ständig 
ist die Leistungsfähigkeit der Zechen unseres Reviers um das Vielfache der Friedens- 
(derung gesteigert worden. In Verbindung mit den Wasserkräften der Edertalsperre und 
Ausbau befindlichen Fuldastauanlagen ward das reiche Braunkohlenvorkommen der 
Clsseler. Umgegend die elektrische Stromversorgung eines großen Teils von Mittel 
deutschland demnächst sicherstellen. Die wirtschaftlichen Zweckverbände für die Gewinnung 
und Verteilung der Braunkohle und der elektrischen Energie haben in Cassel naturgemäß 
ihrju Verwaltungssitz genommen. Als weitere wichtige Bodenschätze, die im Casseler Wirt 
schaftsgebiet gewonnen werden, sind zu nennen: Farberde (Abart der Braunkohle), Ton 
schwerspat und Basaltsteine, die an Ort und Stelle verarbeitet und zum Teil sogar übter das 
Meer versandt werden. Dieses gilt besonders von einem für die landwirtschaftliche Produk- 
tio ns! örderung unentbehrlichen Bodenprodukt, dem Kali. Sind dessen Gewinnungsstätten 
zwar etwas abseits gelegen, so hat doch Cassels günstige Lage den größten deutschen Kali- 
kon^jprn zur Niederlassung veranlaßt. 
I Neben dem Lokomotivbau hat sich in Cassel die Herstellung anderer Verkehrs- 
jnd Transportmittel in bemerkenswerter Spezialisierung entwickelt. Die Unter 
nehmungen zum Bau von Eisenbahnwagen, Feldbahngleisen, Transportwagen, Krananlagen 
und Klebezeugen seien in diesem Zusammenhang genannt. Müllereimaschinen und Schlacht- 
hufejnrichtungen sind als weitere Sonderfabrikate unserer Metallindustrie ebenso erwähnens 
wert wie die Verarbeitung von Eisen und Stahl zu Federstahl, Metallschläuchen und land- 
rtschaftlichen Maschinen. Die älteste, noch heute blühende Industrie Cassels, die ihre 
AnBgungen aus den naturwissenschaftlichen Studien der hessischen Landgrafen gewonnen 
hat, befaßt sich mit der Herstellung von wissenschaftlichen Instrumenten für chemische 
undl physikalische Zwecke. Eigene Wege ging die Casseler Industrie, die in ihrem 
Wfain als verarbeitende angesehen werden" muß, auch in der Erzeugung pharma 
zeutischer und medizinischer Bedarfsartikel, die bis in die entfenitesten Erd 
teile versandt werden. Die Verarbeitung von Farberde bildet die Grundlage der Farben- 
n ■ Lackfabrikation, ebenso wie das reiche Holzvorkommen die Voraussetzung für 
ochentwickelte und stark spezialisierte Holzverarbeitung geschaffen hat. Casseler 
^Ite und Pfeifen sind weltbekannte Exportartikel; die deutsche Zündholzindustrie wird 
im wesentlichen durch die hier bestehenden großen Fabrikationsunternehmungen und deren 
Kartelle beherrscht. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts hat sich an der Fulda 
besonders ein Industriezweig eingebürgert, der eine überragende Bedeutung erlangt hat, die 
Herstellung von Segeltuchen aller Art für technische und militärische Zwecke. Die 
* n fassei gegründeten Unternehmungen haben nicht nur in der näheren Umgebung, sondern 
auch im übrigen Deutschland zahlreiche Niederlassungen ins Leben gerufen. Die Textil- 
ve l a rbeitung hat verschiedene Sonderzweige in Cassel herausgebildet wie Wollwäscherei 
und -Färberei. Nennenswert ist auch die Verarbeitung von Leder zu den verschiedensten 
Gelrauchsgegenständen. Das industrielle Gesamtbild unserer Stadt wäre unvollkommen, würde 
mar nicht wenigstens noch auf die Betriebe der Nährmittelindustrie, Papier Ver 
arbeitung, sowie Buch- und Steindruckerei verweisen. Für alle diese privat-
	        

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