Full text: Einwohnerbuch (Adreßbuch) der Stadt Cassel sowie der Ortschaften Harleshausen, Ihringshausen, Niedervellmar, Niederzwehren, Oberzwehren, Sandershausen, Waldau, Wilhelmshöhe, Wolfsanger, Gartenstadt Brasselsberg (Jg. 89.1925)

2 
Cassels Verkehrs- und wirtschaftspolitische Bedeutung. Teil I, 
Straßenbahn führt die 335 Meter ansteigende Herkulesbahn zum Wilhelmshöher Bergpark hinauf , i 
sie erschließt die landschaftlichen Schönheiten dem Fremdenverkehr und dient wirtschaft 
lichen Zwecken in der Beföwlerung der im Habichtswald gewonnenen Braunkohlen und Basalt 
steine. Als weiteres Verkehrsmittel ist der Kraftwagen zur Geltung gekommen, besonders 
als Zubringer zur Eisenbahn und zum Verteilen der Güter innerhalb der Stadt. Der Fuhr 
werksbetrieb mit Pferden zur Personen- und Güterbeförderung geht immer mehr zurück.! 
Eine Stadt, die Anspruch darauf macht, als Verkehrsstadt gewertet zu werden, wird auch ani 
dem neuesten Zweig des weitverästelten Verkehrswesens, dem Flugverkehr, nicht achtlos 
vorübergehen dürfen. Wenn festgestellt werden konnte, daß die natürlichen Voraussetzungen 
für den Schiffs- und Eisenbahnverkehr gerade in unserer Stadt günstig liegen, so ist von 
Fachleuten hinsichtlich der für die Anlage eines Flughafens in Betracht kommenden Umstände 
dasselbe bestätigt worden. Cassel wird deshalb sich bemühen müssen, an den Luftverkehrs- 
linien angeschlossen zu werden, die unser Vaterland durchziehen und Glieder des internationalen 
Flugverkehrs in hoffentlich naher Zukunft werden sollen. Jahrelange Bestrebungen nach 
dioser Richtung sind aussichtsreicher geworden, nachdem unlängst in Cassel eine Flugzeug ! 
fabrik und eine Luftverkehrsgesellschaft gegründet worden sind. 
Cassels besondere Eigenart als einer Stadt, die weltberühmte landschaftliche Schönheiten 
mit weltbekannten Kulturwerten in seltener Harmonie vereinigt, übt auf den Fremden 
verkehr ihre Anziehungskraft immer aufs neue aus. An die Stelle kunstsinniger fürstlicherl 
Patrone, die auf natürlichen Vorbedingungen verständnisvoll aufbauten, sind die Stadtver-I 
waltung, der Staat und der Gemeinsinn der Bürger getreten, alle bestrebt, das überlieferte! 
Erbe treu zu hüten und in neuzeitlichem Sinne auszugestalten. Sinnfälligen Ausdruck haben! 
diese Bemühungen vor allem in Bauwerken gefunden, die um die Jahrtausendwende der Stadt! 
errichtet wurden: im Rathaus, einem Wahrzeichen des erstarkten Bürgersinns, der Stadthallü,! 
einem Mittelpunkt des musikalischen, sportlichen und gesellschaftlichen Lebens, im Landes-1 
museum, der Hüterin der hessischen Heimatkunde und nicht zuletzt im Staatstheater, derl 
Pflegestätte der Kunst in mancherlei Ausdrucksformen. Es darf nicht Wunder nehmen, daßI 
eine durch derartige Vorzüge ausgestattete und so den Durchschnitt der Provinzstädte weitl 
überragende Stadt die verschiedensten Antriebe des Fremdenverkehrs auslöst. Nicht nur zul 
Erholungs- und Belehrungszwecken wird Cassel aufgesucht, namentlich nach Errichtung derl 
Stadthalle hat sich Cassel zu einer Ausstellungs- und Kongreßstadt entwickelt, die iral 
Jahre 1924 etwa GO derartige Veranstaltungen aufnehmen durfte. Nach allen Richtungen die 4 
Verkehr sförderung weiter zu entwickeln, ist eine der vielen Aufgaben des Stadtverkehrsamtesl 
und des gemeinnützigen Casseler Verkehrsvereins; den zahlreichen Casseler Ortsvereinen undjj 
den Berufs- und Fachverbänden stellen sich die beiden genannten Organe bei der VorbereitungI 
und Durchführung von Kongressen und Ausstellungen zur Verfügung. Die Vorteile eines! 
regen Fremdenverkehrs ergießen sich in fast alle Kanäle des städtischen Wirtschaftslebens.! 
Aber nicht nur der vorübergehende Passantenverkehr verdient behördliche und private| 
Förderung. Wie viele flüchtige Besucher unserer Stadt mögen nicht schon von dem Wunsche! 
beseelt worden sein, in ihr dauernd ihren Beruf oder ihr Gewerbe ausüben oder sich hier! 
zur Ruhe setzen zu dürfen. So hatte Cassel schon vor dem Kriege einen in natürlichin| 
Vorbedingungen festbegründeten Ruf als Pensionopolis, der durch die Wohnungsnot unserer^ 
Tage einen bedauerlichen Abbruch erlitten hat. Wenn auch die Casseler Stadtverwaltung-^ 
größte Anstrengungen macht, durch Neu- und Ausbauten der derzeitigen Wohnungsnot zui 
steuern, so wird eine planmäßige und großzügige Ansiedlungspolitik doch erst dannl 
wieder Erfolg versprechen, wenn der Wohnungs- und Raumbedarf der schon ansässigen! 
Bürger und Gewerbetreibenden einigermaßen befriedigt sein wird. Mit der Schaffung neuerI 
Wohnungen allein ist dieses schwierige Problem aber nicht zu lösen. Die Sanierung derl 
Altstadtwohnungen, die besonders dringlich alsbald nach dem Kriege eingeleitet worden 1 
ist, muß weiter fortgesetzt werden, wenn die finanzielle Lage sich gebessert hat. Ihreri 
früheren Steuerrechte beraubt, sind die deutschen Stadtverwaltungen in eine unerträgliche! 
Hörigkeit zum Reich gekommen, das seinerseits nicht in der Lage ist, die zwangsläufigen j 
Aufgaben der Gemeinden zu übernehmen. Die Casseler Stadtverwaltung möchte aber über! 
die ihr zugewiesenen gesetzlichen Aufgaben hinaus in Gemeinschaft mit dem rastlos schaffenden! 
Fleiß und dem Gemeinsinn der Bürger Raum und Vorbedingungen schaffen für eine gedeihliche! 
neuzeitliche Fortentwicklung des Gemeinwesens, getreu dem Leitspruch: „Dem Bürger Freude 1 
an seiner Stadt zu erwecken und zu erhalten, ist vornehmste Aufgabe ihrer Verwaltung' 4 . 
Cassel als Stadt der Arbeit tritt im Adreßbuchspiegel weit mehr in die Er-! 
scheinung als in Fremdenführern und den Anleitungen zum Besuch unserer Stadt. Schon! 
beim flüchtigen Durchlesen der Abschnitte über die Gliederung unserer Bevölkerung in der! 
Richtung des geistigen und körperlichen Schaffens, in dem Abschnitt über das Vereinswesen I 
besonders aber beim sogen. Branchenregister wird das oft gehörte Urteil „Cassel ist nur! 
eine vornehme Rentnerstadt ' 4 als einseitig erkannt werden. Ebenso unzutreffend ist das Urteil ! 
wenn Cassel kurz als „Beamtenstadt“ abgetan wird. Als Hauptstadt der Provinz Hessen-! 
Nassau ist unsere Stadt naturgemäß Verwaltungssitz verschiedener Reichs-, Landes-, Kommunal- I 
Kultus- und Militärbehörden. Diese beeinflussen aber den Einwohnerdurchschnitt nicht mehr! 
in dem gleichen Maße wie zu Zeiten des Residenzc.harakters der Stadt. Die politische, wirf-!
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.