Full text: Einwohnerbuch der Stadt Cassel sowie der Ortschaften Harleshausen, Ihringshausen, Niedervellmar, Niederzwehren, Oberzwehren, Sandershausen, Waldau, Wilhelmshöhe, Wolfsanger, Gartenstadt Brasselsberg und Gutsbezirk Fasanenhof (Jg. 87.1921/22)

I. 
Aus der Geschichte Cassels. 
Von Paul Heidelbach. 
Cassel gehört nicht zu den alten Städten. Trotzdem Hegt seine Entstehung noch im 
Dunkel, ln die Geschichte tritt Cassel als fränkischer Königshof, in dem Konrad I. im Jahre 
918 zwei Urkunden ausstellte. Höchstwahrscheinlich hielt Kaiser Otto I. 948 an demselben 
Königshof eine feierliche Tagsitzung ab, und 1008 überschrieb Kaiser Heinrich II. diesen 
seinen Eigenhof zu Cassel dem von seiner Gemahlin Kunigunde gestifteten nahen Kloster 
Kaufungen. Die Lage dieses Hofes mit seinen Wirtschaftsgebäuden ist noch umstritten; ver 
mutlich lag er in der Gegend des jetzigen Renthofes und dessen allernächster Umgebung. 
Seinen Namen erhielt Cassel nach dem steinernen Haus (chastella) eines sächsischen Edlen, 
'as auf dem Grundstück der späteren landgräflichen Burg und des heutigen Justizpalastes 
»■elegen war. Der Klärung bedarf auch noch der Anfall Hessens und mit ihm Cassels an 
ie thüringischen Landgrafen. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts erhielt dann Cassel Stadt- 
*ccht und damit seine Mauern, unter deren Schutz sich Handel und Wohlstand der Bürger 
«ntwickeln konnten. Als dann 1247 der Mannesstamm der Landgrafen von Thüringen er 
loschen war, wurde Heinrich 1. .'US Brabanter Stamm, ein Enkel der heiligen Elisabeth, als 
irster Landgraf von Hessen anerkannt. Er machte Cassel zu seiner Residenz und legte um 
277 den Grund zu einem neuen Schloß, das fast zwei Jahrhunderte hindurch als Residenz 
iente. Die dem hl. Cyriakus geweihte älteste Kirche der kleinen Stadt lag auf dem Mar- 
täller Platz. Noch heute zeigt uns der Graben den Lauf der damaligen Stadtmauer, die 
ich vom Schloß bis oberhalb des Brinks und von da bis zum späteren Packhof hinabzog 
nd durch drei Tore, am Weißen Hof, jn der Mitte der Marktgasse und am Steinweg, unter 
rochen war. Das schon um die Mitte des 12. Jahrhunderts gegründete Ahnaberger Kloster 
nd das zu Ende des 13. Jahrhunderts errichtete Elisabethhospital lagen also noch außer 
alb der Stadt. Um dieselbe Zeit erhob sich in unmittelbarer Nähe des Schlosses eine 
iederlassung der Karmeliter, deren Siedlung stetig zunahm, wenn auch ihr Gotteshaus, die 
ilrüderkirche, erst 1376 vollendet wurde. Außer der Cyriakuskirche war auf dem rechten 
'uldaufer, wo die erste größere Ausdehnung der Stadt vor sich ging, noch unter Heinrich I. 
ine zweite Pfarrkirche entstanden. Diese in der Spätgotik umgebaute Magdalenenkirche auf 
sm jetzigen Holzmarkt, über deren Hochaltar die Wogen der. großen Wasserflut von 1842 
nweggingen, fiel erst 1788 dem Bau der neuen Fuldabrücke zum Opfer. 
Landgraf Heinrich II., der Eiserne, der auch den Grund zu der 1343 zuerst erwähnten 
Martinskirche legte, erweiterte Cassel um die sogenannte „Freiheit“. Sie umfaßte zwischen 
aben und Oberster Gasse einerseits und zwischen Steinweg und Marktgasse andererseits 
ht neue Quartiere als Obergemeincje der neuen Stadt, während die Untergemeinde noch vier 
»itere, auf Brink und Pferdemarkt stoßende Quartiere enthielt. Nun war auch das Elisabeth 
spital, in dessen Nähe jetzt das Zwehrentor gelegt wurde, in die Stadtmauer mit einbezogen, 
ssel bestand jetzt aus drei getrennten Stadtgemeinden, deren jede ihr eigenes Gotteshaus, 
thaus und Schule hatten. Aber schon bald sehen wir alle drei Städte sich zu kommunaler 
heit verbinden. Die Auflehnung der Bürger gegen das Zollrecht der Landgrafen ver- 
htete jedoch unter Landgraf Hermann dem Gelehrten die Selbständigkeit Cassels, das fortab 
landgräfliche Residenz den eigenen Willen demjenigen des Landgrafen unterzuordnen 
tte. Hermanns Nachfolger Ludwig der Friedfertige berief die Kogelherren nach Cassel, 
|nen er den Weißen Hof überließ. Dem Einfluß dieser klösterlichen Genossenschaft, an die 
ch das Steinrelief „Marien Elend“ am Eckhaus des Brink erinnert, war es zuzuschreiben, 
ß in der folgenden Zeit Cassels Bürgersöhne sich als tüchtige Geschäftsmänner und Ge- 
irte hervortaten. Von demselben Fürsten rührten das erst 1837 abgebrochene Altstädter 
thaus (1408), der Druselturm (1415) und der Stadtbau (1421) her. Die Einführung der 
Formation in Hessen durch Philipp den Großmütigen besiegelte auch das Schicksal des 
inaberger- und Karmeliterklosters, des Weißen Hofes wie der Cyriakuskirche. Die drei 
liulen der Altstadt, Neustadt (Unterneustadt) und Freiheit wurden als Pädagogium oder 
e-seler Stadtschule, die auch zum akademischen Studium vorbereitete, im jetzt ver- 
hwundenen Kreuzgang der Martinskirche vereint. Aber schon bald war eine sogenannte 
rutsche Schule“ nötig, die über dem Tor der Fuldabrücke ihren luftigen Sitz erhielt. In 
eser Zeit hat das Stadtbild starke Veränderungen erfahren. 1521 legte ein in der Müller- 
issc ausgebrochener Brand über dreihundert Häuser in Asche. Hand in Hand mit de 
lederaufbau ging eine gewaltige Befestigung der Stadt. Kaum aber war das Werk 
idet, als nach der treulosen Gefangennahme Philipps durch Karl V. die Schleife 
erke vollzogen und alle Geschütze abgeführt wurden. Fünf Jahre schmachtete 
n schmählicher Gefangenschaft zu Mecheln, und erst an einem Septembersonnte' 
552 konnte er ergrauten Hauptes wieder in seine Residenz einziehen, derer
	        

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