Full text: Casselische Polizey- und Commerzien-Zeitung (1812)

N° iz 
Kassel, 
Mittwoch den 12. Februar itzi2. 
Feuilleton 
d e s Westphälischrn 
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Miszelle«. 
Ist die Kolonialwaareusucht der Deutschen eine alte, 
oder ist sie eine neue Krankheit? 
Wie schädlich, wie schmachvoll diese Krankheit sey, 
das haben schon andere zur Gnüge dargcthan Auch 
springt der Schaden und die Schmach jedem Sehende» 
stracks in die Augen. — Das Geld, welches zur Be, 
streitung der nothwendigsten Bedürfnisse; und, sind 
diese befriedigt, zur Anlage und Gründung löblicher 
Anstalten, zur Vollführung großer Unternehmungen, 
zum Flor der K ünste, zur Unterstützung der Armen, zur 
Pflege verletzter Va:erlandever'heidiger, und zu noch 
hundert andern rühmlichen Zwecken angewandt werden 
sollte von verständigen und gutgesinnten Staatsbürgern, 
dieses Geld wegschleudern fürschnödeUeppigkeitsnah- 
rung, es wegschleudern an eine Schaar jenseits der 
Wellen lauernder, aufgeblasener Kaufleute, die, neben 
den Waarenbaüen uns ihre tiefste Verachtung als Zu 
gabe mitschicken, mit unserer zügellosen Lcckerhaftigkeit 
und Ueppigkeit Spott treiben, auf unsere Enthaltsam 
keit mit hohnlachendem Trotz rechnen und pochen, und 
sich selbst für um soviel besser halten, als so vielmehr 
von unserm Gelde sie in ihre Taschen herüber locken, 
als so viel ausgebeutelter sie uns am Ufer stehen lassen, 
welches, zum Uebermaaß unserer Schmach, sie mit den 
selben Schiffen belagern und bedrohen, die von unserm 
Geldcerbauet, gerüstet, unterhaltrnwerden, — oder 
Schmach und des Schadens! Aber wo ist Ge 
sicht für Schmach und für Schaden, wenn die Ueppig 
keit dermaßen herrscht, daß die Befriedigung derselben 
weit über alles andere emporgesetzt wird? — Wenn 
Hunderte so tief sinken, daß sie um einerHandvoll Gol 
des, um eines Kahnes voll Kaffee, um einer Kiste voll 
Musselin oder Nankin willen, die Ehre und das Heil 
des Vaterlandes, ihrer eigenen Perlon, ihrer Familie, 
Wahnsinnigen gleich, auf das gefährlichste Spiel zu 
setzen, sich auch nicht einen Augenblick bedenken? — 
Aber wir kommen zu der Beantwortung der oben 
aufgeworfenen Frage zurück: 
„Ist die K o l o ni a l w a a r e n su ch t der Deutschen 
eine alte, oder ist sie eine neue Krankheit? 
Sie ist wenigstens über dreihundert Jahre alt. 
Den Beweis giebt Ulrich von Hutten, jener herr 
liche Ritter von der fränkischen Stecklenbergsbnrg. In 
seinen mit Unrecht von diesem Zeitalter vernachläßigten, 
geistreiche«, witzigen, beredten, patriotische»Schriften 
treffen wlr in seinem Büchlein „<1e Griaiaci med»cma 
1519 “ (deutsch durch Thomas Mürnce: vom Holz 
der Gesundheit, Srraßburg i5i>. 4 «) im 2c)ten, vor, 
züglich lesenswerthen Kapitel ycontra luxmn; parsi- 
moniae laus;.“ auf folgende Stelle: 
„Wir schwelgen in den Hingen, welche jenseit 
des Meeres herkommen. Sie sind uns ein solches 
Bedürfniß worden, daß alle Familienväter, wie durch 
ein Landeögefttz dazu angehalten, dasjenige verkaufen, 
was der eigene Boden hervorbringt, um jenes Icnseit, 
meerische mit unsäglichem Verluste einzukaufen. Das 
machr denn die Verkäufer desselben dermaßen reich, 
daß, während wir Unsern Körper letzen, sie allein Gel- 
haben und im Ueberfiuß prunken, und daß diesen Die 
nern unserer Ueppigkeit so ungeheures Vermögen zu, 
wächst, daß selbst unsere Fürsten, mit ihnen verglichen, 
arme Leute genannt werden müssen. So weit geht un 
sere Verblendung, so sehr entfremden wir uns selbst, 
bis zu einem solchen Grade sind wir blind gegen das, 
was Deutschland auszehrt. 
Wie wenig der Klugen find übrig geblieben, welche 
jenen Lockungen, jener Quelle der Schwäche und der 
Krankheiten, mit willigem Herzen entsagen; welche 
mit den Erzeugnissen des eignen, lieben, vaterländi, 
schcn Bodens ihre Speisen würzen, und stark und ge, 
fund bleiben, während jene, welche naH Zimmer und 
Gewürznäglein duften und im weichen Spinngeweben 
einherprangen, ein Heer von Krankheiten, als Gefolge/ 
hinter sich drein ziehen. 
O der Verblendung! — dieser Boden bringt Alles 
hervor, was zum Leben nöthig ist: Dennoch, als wenn 
hier die Natur für nichts gesorgt hätte, fliehen wir zu 
dem Ausländischen, sey es Kleidung, oder Speise, 
oder Arznei; wir jagen hinterdrein von den Säulen 
des Herkules bis zu den Küsten der Insel Ceylon und 
bis zu den Ufern des Ganges und bis zu dem fernen 
Ursprünge des Nils. Selbst auf die schon Verstorbenen 
müssen dieGötter noch zürnen, welche dieses Unheil zu, 
erst in Deutschland eingeführt haben: denn sie haben 
etwas der deutschen Einfachheit und des deutschen 
Ernstes unwürdiges verübt. Nein! so waren unsere 
Vorfahren nicht. Schmach den Enkeln! — 
Mcin höchster Wunsch nun ist dieser : daß Podagra, 
und Wassersucht, und Verzehrung, und jede Krankheit, 
die man sich scheut zu nennen, nimmer scheiden mögen 
von denen, welche nicht scheiden können von den Ge, 
würzen und von den Flittern, und daß der Fremde^ 
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