Full text: Casselische Polizey- und Commerzien-Zeitung (1810, [2])

N° 12 ' 
Kassel, 
Feuilleton 
d e s W e st p h ä l i s ch e n 
Sonnabend den Oktober iZio. 
oder Supplement 
Moniteurs. 
Kassel. 
Lager, das anderthalb Stunden non Kassel, 
auf den in der Nähe des großen Forstes gelegenenHö- 
hen, von den westphälischen Truppen, mehrere Wochen 
lang hindurch bezogen worden mar,, ist nun aufgeho 
ben und die Regimenter, nämlich das erste, ztc u. 6te 
der Lii.icn-Infatilcrie marfchiren zu einer andern Be 
stimmung. Die schönste Ordnung herrschte in diesem 
Lager, welches das erste der Art war, das die Be 
wohner der Residenz sahen. Die Truppen brauchten 
keine Zelle, wie man sonst bei solchen Gelegenheiten 
aufzupflanzen pflegte: D'e Soldaten mußten sich selbst 
ihr Nachtlager, ihre Hütten aus Holz, Rasen, Stroh 
und Erde verfertigen und sich dadurch an den Dienst 
im Felde, bei der gegenwärtigen Methode Krieg zu 
führin, gewöhnen. Die Hütten waren in langen un 
absehbaren Reihen neben ui.b hintereinander aufgcr 
ncheet und hinter dem Lager hatte eine andere Reihe 
von Buden und Zelten ihren Platz e wo alleArren von 
Erfrischungen, Speisen und Gerränke bei Restaura 
teurs, Gast - und Schenkewirtyen und Marketendern 
m Uebcrfluß ;u haben waren. Die Preise, für die 
Drvd, Bier und der Brandtewein verkauft werden 
rruißlcn,' waren öffentlich angeschlagen und keiner 
durfte über den festgesetzten Preist verkaufen. Vor 
dem Lager waren Kanonen aufgepflanzt und die Jä 
ger-Karabiniers hatten die äußersten Vorposten zu be 
setzen. Die Sor.ntagc besondere war das Lager ein 
allgemeiner Schauplatz der Fröhlichkeit. Die Wege 
von Kassel bis zu demselben waren dann unaufhörlich 
mit Menschen bedeckt und alle Buden und Plätze vor 
denselben mir ihnen angefüllt. Es war ein neues Fest 
für die Bewohner der Hauptstadt, und die ununter 
brochen schöne Herbstwitterung trug nicht wenig zur 
Vollkommenheit dieses Vergnügens bei. Während' der 
ganzen Zeit, daß das Lager bei Kassel statt hatte, 
wurde der Himmel auch nicht ein einzigesmal getrübt 
und jeglichen Tag schien dre Eom e am heitern Firma 
ment mit erneuerter Kraft zu strahlen. 
Fortsetzung und Beschluß 
der im vorigen Stück abgebrochenen Rede: Ueber den 
Einfluß der weiblichen Bildung :c. 
Die gebildete Mutter wählt Ueber den Mittelweg. 
Eie kennt den Gang der Narur; sie weiß das Wesent- 
liche von dem Außerwesentlichen zu unterscheiden. 
Sie folgt den Gefühlen ihres sanften Mutterhcrzens, 
hört aber auch ihre Vernunft. Sie zieht durch ihre 
Güte unwiderstehlich an, flößt aber auch durch ihre 
Festigkeit Ehrfurcht ein. Fangen manche Unarten sich 
zu zeigen an, ihrem Scharfblicke entgehen sie und de 
ren Folgen nicht; sie beugt ihnen durch die ernsthaf 
teste Aufmerksamkeit vor. Manche Kleinigkeiten, wel 
che oft bloße Convcuilnzen sind und in den Augen der 
UnZkbildeten^fthr oft die höchste Wichtigkeit haben, 
überläßt sie der Zeit. Sie behandelt ihr Kind, wie 
es behandelt werden muß; sie unterdrückt sein Freir 
heitegefühl nicht, reitzt es aber auch nicht zu sehr. 
Die Ungebildete erzieht auf gut Glück und nach Lau 
nen. Die Gebildete verfährt nach Grundsätzen, wel 
che sie sich aus den Anlagen des Kindes entwirft. 
Wenn auch die Knospen schöner Gefühle, edler Ge 
sinnungen und Thaten nur noch leise sich zeigen: ihr 
wcitsehcndcs Mutterauge sieht schon in der Ferne die 
duftenden Blüthen in ihrer vollen Pracht. Dieß darf 
sie auch. Denn sie legt ja selbst einen festen Grund 
in dem Kinde zu einem guten, geschickten 
und nützlichen Bürger des Staats. So 
wie von dem Grunde die Haltbarkeit eines Gebäudes 
abhängt und das ganze Gebäude niedergerissen wer 
den muß, wenn das Fundament nichts taugt: so 
kommt auch bei der Erziehung auf die Grundlage Al 
les an. Daß .so viele Mütter ihre Kinder grade so 
erziehen, wre sie erzogen sind, oder wie sie es bei An 
dern sehen, daß Andere dem bloßen Zufalle folgen; 
braucht man dia Ursache hiervon weit zu suchen? Ist 
ihnen ferner das zarte Kind so ehrwürdig, daß sie 
Alles zu vermeiden streben, was einen fchädl'chen Ein 
druck auf seine empfänglichen Sinne machen kann, 
daß sie Alles herbeizuführen sich bemühen, was wohl 
thätig auf das jugendliche Gemüth wirken muß ? Wie 
will eine Mutter den Verstand eines Andern cnttvik- 
keln, wem: in ihrem eigenen Finsterniß herrscht? Wie 
will sie einem Andern Kenntnisse beibringen, wenn sie 
selbst arm daran ist? Wie will sie die vielen Fragen 
ihrer Kleinen beantworten, da sie zum Denken nicht 
gewöhnt ist und sich von keiner Sache den Grund, ih 
re Beschaffenheit, ihren Zweck anzugeben gelernt hat? 
Wie will sie das Erste lehren, was zum höchsten Adel 
unsrer Natur gehört , die Sprache, wenn sie selbst sie 
nicht versteht? Bei allen diesen Stücken überstrahlt 
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