Full text: Casselische Polizey- und Commerzien-Zeitung (1810, [2])

selben Gegenstände belegt und überladen worden 
sind, während andere, entweder gar nicht, oder 
doch nur auf eine äußerst uuvcrhältnißmäßige 
Weise herangezogen werden. 
Daher der Mangel an Gleichförmigkeit, die 
große Verschiedenheit in den SteueransaHen und 
das zerstückelte Verwaltnngsfystem, unvereinbar 
mit den Grundsätzen eines, auf die Prinzipien 
- Einheit im Handeln sich stützenden Gouverne 
ments. . ' 1 . 
Daher endlich der Grund der Befreiung der 
Geistlichkeit und des Adels von den ordinairen 
Steuern, eine Befreiung, die, wiewohl anfäng 
lich vielleicht ufurpirt, nachher durch die Konsti- 
tionen der verschiedenen Provinzen geheiligt wur 
de, welche jenen beiden Klassen der Unterthanen 
nur die Konkurrenz zu den außerordentlichen Be 
dürfnissen des Staats zur Pflicht machten, sie 
aber dagegen von allen Beitragen zu den gewöhn 
lichen lasten entbanden. 
Ueber die Verschönerung der Kirchhöfe, rr 
Den freien Plätzen um die Kirchen eine gewisse Hei 
terkeit zu geben und dem Ernsten, wozu hier ein Jeder 
unwillkührlich aufgefordert wird, ein freundliches An 
sehen zu verschaffen,' hat bekanntlich in neuerer Zeit 
manche Hand in Bewegung gesetzt. Sowohl der Bei 
fall, welchen sich fass allgemein jede- geschmackvolle 
Verschönerung jener Plätze erworben hat, wie auch die 
eigene Ueberzeugung, daß cine^ solche Verbesserung 
manche wohlthätige Früchte im Stillen tragen würde, 
bewog mich, mit dem Platze um meine Kirche folgende 
Veränderung vorzunehmen. Er war bisher zu man 
chem zum Theil höchst unangenehmen Behufe gewid 
met. Er wurde zum Bauen, Brunnenröhre auszu 
bohren, Mauerstetne zu behauen, Lehmstcine zu bak- 
ken u. f. w. gebraucht. Ich wußte anfangs nicht, 
wie ich pem hieraus für die Kirche und den Gottes 
dienst schädlichen Uebel abhelfen sollte. Es hält im 
mer schwer, auch bei dem größten Nutzen etwas der 
Art zu verändern. Auf diesem Platze waren Stellen, 
von denen sich Mauche wegen der Länge der Zeit, wo 
sie davon Gebrauch gemacht batten, als wahre Eigen 
thümer betrachteten. Dazu stand hier ein alter hohler 
kindenbaum, welcher, ungeachtet er der Ausführung 
eines jeden Planes hinderlich war, dennoch sehr viele 
freunde zu haben schien. 
Es traten bei der Erfüllung meines Wunsches soman 
te Inkonvenienzcn ein/daß ich sehr vorsichtig zu Werke 
8chen mußte, wenn ich meinen Plan nicht gescheitert 
sehen wollte. *Ich lud deswegen einige 20 der Ersten 
Weiner Gemeine höflichst ein, und legte ihnen meinen 
Plan vor. Ich suchte sihncn die Unschicklichkeit '.fühl- 
. bar zu machen, daß man diesen schönen iPlatz zur 
'Störung des Gottesdienstes so mißbrauchte, uud er 
innerte sie an das rührende Andenken, welches wir 
uns durch eine Verschönerung allch bei der spätesten 
Nachwclt^rhaltcn würden. Es gelang mir bald, Alle 
für mich zu gewinnen, und ich bat, nun auch mit ver 
einigten Kräften daran zu arbeiten, daß unsre Be- 
rathschlagung in That.übergehe. Die Linde sollte ab 
gehauen und eine neue Anlage von Pappeln gemacht 
werden, Fruchtbäume würden in der Folge man 
che Unannehmlichkeiten veranlaßt haben. Ich zog 
Pappeln den Linden vor, theils weil sie leichter in jed«m 
Boden fortkommen, theils weiisienichtso vielen Raum 
einnehmen als jene. Und eine durch eine jährliche Schur 
verkrüppelte Linde ist nurümmcr als ein Bild des Drucks 
sehr zuwider gewesen, da hingegen die schlanke, hvch- 
aufschießcnve Pappel, allein Spiegel dce menschlichen 
emporstrebenden Geistes in meinen Augen sehr viel auf 
munternde^ hat. Die ganze Gemeine war bald mit 
dem Plane zufrieden. — Ader wenn wir auch die 
nöthigen Baume bekommen konnten, womit sollten bei 
der Stockung des Handels und bei der daraus hier 
entspringenden fast allgemeinen Armuth die Kosten be 
stritten werden ? Ohne mit Sorgen dieser Art mich 
zu beunruhigen, ließ ich den Kirchhof reinigen, die 
Linde ausgraben und verkaufen, und verschrieb so 
viele Stamme, als nach dem Urtheile Sachkundiger 
nöthig waren. Nach sehr vielen Schwierigkeiten kam 
am 8tcn Marz vorigen Jahres die Anlage zu Stande. 
Fast die ganze Gemeine half pflanzen. Am Abend 
standen 75 Pappeln und b Platanus (welche letztere 
ich vor die Kirchthüren stellte) in schönen Reihen in 
der Erde. Vier steinerne Banke wurden an verschie 
denen Orten angebracht. Die Unkosten 42 Rrhlr. 
6 Gr. 3 Pf. kamen durch Subskription, wo sich Nie 
mand meiner Gemeine ausschloß, zusammen Darauf 
ließ ich noch ein Mahl den ganzen Platz ebnen und 
forderte allé Einwohner dieser Stadt, welche Pferde 
und Wagen haben, auf, denselben mit Flußgrand 
befahren zu lassen. Man erfüllte meine Bitte, in 
dem mar» 74 Fuder herbeischaffte, welche ich sogleich 
vertheilte. 
Das Ganze steht indem ich dieses schreibe, wenn auch 
schon halb entblättert, dennoch in dem schönen Grüne 
vor meinen Augen da. Keine einzige Pappel ist ausgegan 
gen oder verletzt. Mein Kirchhof tst jetzt ein freundlicher 
Garten, welcher mir und allen, die ihn sehen, schon 
manche süße Freude geschenkt hat. Möchte man aber 
überall daraufdenkcn, die Natur den Kirchen so nahe 
als möglich zu bringen! Mit dem Sinne für die reine 
Natur ist das religiöse Gefühl azifs Genaueste verschwi- 
stcrt. — Das Herz, von ihrer Schönheit 
g erührt, schwingt sich mächtig empor, und- 
betet dankbar den Unendlichen am. (C. 
Thomsons Hymnus auf die Iahrszeiten am Ende). 
Münden am iten Oktober ivio. 
S ch l ä g c
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.