Full text: Casselische Polizey- und Commerzien-Zeitung (1810, [2])

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V. 
wie das Unerwartete beinahe immer das Unerwünschte. 
Ganz andere aber ist es irr unserm heutigen Bericht; 
wir können diesesmak das Unerwartete, zum wenigsten 
theilweise, das Unverhoffte nenncrri Waren wir nur 
im Stande, alles, was die jüngst verflossenen Wo 
chen entstehen sahen, dem glücklichen Zlnscheiu einer 
'Wiedergeburt des Handels anzupassen! 
Wir mochten diese Aussicht gar zu gern zum Cha 
rakter des heutigen Berichts machen, wozu auch so 
manches uns berechtigt; nur können wir, ohne Selbst 
täuschung oder der Wahrheit zu nahe zu treten, oder 
einseitig zu seyn, diese Ansicht nicht unbedingt auf, 
stellen. Wir finden im Haufe der letzten Wochen die 
Ausführung der strengsten Beschränkung mir der Aus 
sicht zur möglichst weiten Befreiung des Handels, und 
wieder mit der Betretung des dazwischen liegenden 
MütelwegS vereinigt. Den entgegengesetztesten Rich 
tungen nach, sind Verfügungen und Erklärung ge 
macht worden, und nie mar wohl der Zustand des 
Handels, im Ganzen sowohl als in seinen einzelnen 
Theilen, ungewisser als in diesem Augenblick. Zwi 
schen den äußersten beiden Enden, zwischen Freiheit 
und Verbannung, schwankt der Handel jetzt, unent 
schieden 'welches LooS von beiden ihn treffen wird- 
Das bestehende Prohibm», oder Blokqde-Sostem war 
in der Geschichte bisher beispiellos, und war, wie 
alle Anstrengungen undKrafläußcrungcn unserer Tage, 
denen der Vergangenheit überlegen. Nicht nur Ein 
fuhr und Kommunikation von und mit England waren 
gehemmt, sondern auch die Aehnlichkcit, dieMöglich- 
keir wurde unterdrückt. Alles neutralen Handels zu 
entbehren, um den mit dem Feinde zu verhüten, war 
ein Hauptgrundsatz .in diesem System; Aufopferung, 
Entbehrung und Ausdauer feine Grundpfeiler. 'Der 
ganze Kontinent mußte daher gegen alle Schiffahrt am 
Ende gesperrt werben, und er ist es beinahe schon, 
indem nun die Amerikanische, die einzig neutrale Fahrt, 
in ganz Holstein, in Preußen, in Mecklenburg u-s. w. 
verboten ist. Die Strenge mußte, wenn auch ungern, 
die letzte Spur vom Handel bewache», und daher die 
Maasregeln, weiche in Preußen, Mecklenburg u.s.w. 
Statt harren. Von dieser Seite betrachtet macht der 
jetzige Monat die letzten Augenblicke des hinsterbenden 
Händel» aus, und die Agonie ist nicht die eines ent 
kräfteten Greifes, sondern mit den Schmerzen der bre- 
chendenIugenbkraft verbunden. Sequester, Kondem« 
naiioneu, Verschließungen waren im Laufe des Augusts 
häufiger, als je vorher. Ohne Unterschied des Ur 
sprungs wurde rn Stadien und Ländern Beschlag ver 
hängt, und die Furcht ging uoch weiter als die harte 
Nothwendigkeit, und so ward schon aller Handel da 
durch allem unterbrochen. Handel mir Furcht vor 
Unsicherheit des EigenlhnmS »st unvereinbar. Aber 
auch die entgegengesetzte Ursache brachte dieselbe Wir 
kung hervor." Bevor wir aber ¿ti dieser übergeben, 
müssen wir bemerken, daß auch in einem unserm Zu 
stande in vieler Hinsicht entgegenstehenden L nde, in 
England nämlich, theils aus Denselben, t.wils auS 
andern Gründen, eine Stockung des Hände e und 
viele fatale Folgen desselben Statt hatten. Die fast 
zur Unmöglichkeit gewordene Schwierigkeit des Absatzes 
nach dem festen Lande, die Wegnahme so vieler Schiffe 
in Rußland, Preußen und Dännemark, und deren 
schädlicher Einfluß auf das Assckuranzgeschäfl und die 
Assekuradäre; die Uebertreibung in den Spekulationen 
nach Südamerika, und daö Ausbleiben der Zahlungen 
von daher; der Uebcrfluß an theuern nordischen Pro 
dukten, und der daraus rcsultircndc Schaden für die 
Unternehmer, so wie manche andere Lokal - und allge 
meine Ursachen haben einen solchen Geldmangel und 
Mißkredit in London verursacht, daß sehr viele und 
bedeutende Fallisscmente, viele Verlegenheiten und 
ein überaus großer Druck der Preise aller Dinge, die 
schlimmen Folgen davon waren, und den Handel in 
eine Krise brachte, die noch ihrem Ende nicht nahe zu 
se»n scheint. Es gehört nicht zu unserm Zweck, tiefer 
einzugehen und für die finanzielle Lage des Staats 
überhaupt zu argumentiren. Wir muffen nur die je 
tzige schlimme Lage des Englischen Handels aufstellen, 
um eines Theils die Kehrseite des letzigen Zustandes 
zu ergänzen, und dann um desto leichter die günstigere 
Seite auch mit Rücksicht auf England betrachten zu 
können. Wir haben jetzt das noch bestehende System 
der Ausschließung odecIsolirung in seiner Anwendung 
auf den Moment betrachtet. Nun wird uns plötzlich 
der Strahl der Hoffnung gegeben, einen ganz entge 
gengesetzten Zustand in einigen Monaten zu erleben. 
Gänzliche Befreiung des Handels (soweit cinSe.krieg 
sie nur erlaubO von allen in den Dekreten uno Kabi» 
netevrdern der kriegführenden Mächte gehäuften Re 
striktionen. Das Berliner Dekret, das Mailänder, 
sollen den ersten November d Z. aufgehoben seyn so, 
bald England seine Ordres vom Januar >807, die 
Fahrt von Hafen zu Hafen angehend (die vom Novem 
ber 1807 sind schon aufgehoben), und vom April 1809, 
die Blockade Frankreichs betreffend, aufhebt, das 
heißt, so bald England sein so oft gegebenes Verspre 
chen erfüllt, daß jene ais Medervcrgcltung nur ge 
nommenen Maasregeln, mit der Ursache dazu, auch 
ihre Wirkung rerlier-n sollen. Die Ursache »oll »um 
aufhören, und überlaßt man sich dem Glauben an 
politische Treue, so hört die Wirkung gleichfälle bald 
auf, und wir können Meere befahr.n, Bedürfnisse 
nach Gefallen mit Ueber fi,,ß eintauschcn, die Ind ste.e 
mit den Erzeugnissen fremder Weluh ilc beleben, kurz, 
d.n verlornen Handel wieder von neuem beginnen. 
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