Full text: Casselische Polizey- und Commerzien-Zeitung (1810, [2])

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verlegt ist, nimmt immer mehr an Blühte zu. Die 
Zahl der Schülerinnen, unter denen sich auch Auswär 
tige befinden, beläuft sich an 4 ^. Sie sind in drei 
Klassen vertheilt und werden von fünf Lehrern und zwei 
Lehrerinnen getrennt, in drei Zimmern unterrichtet. 
Nur wenige Stunden, z. B. Singen, haben alle drei 
Klassen zusammen. Die dritte ist ganz Elementarklasse, 
in der die Kinder bis zum richtigen Lesen, Schreiben 
der Wörter, Rechnen leichter Beispiele im Kopfe rc. 
gebracht werden. Ausserdem erlernen sie die ersten 
Kenntnisse der Naturgeschichte rc. wie auch Stricken, 
Zeichnen und dergl. In der zweiten Klasse wird auf 
diesem Grunde fortgebaut und es kommt noch franzö 
sisch, deutsche Sprache, Ausarbeitung schriftlicher Auf 
sätze, seineres Stricken, Nähen, Zeichnen rc. hinzu. 
Die erste Klasse wird in allen diesen.vervollkommnet 
und so viel als möglich zum Höher» geführt, ausser 
dem erhalten diese Töchter noch Unterricht in der My 
thologie und im Sticken. Der Unterricht im Singen 
Zeschtcht mit Hülfe eines Forte - Piano's. Die erste 
Rlasse hat wöchentlich 35 Stunden, die zweite 34 und 
die dritte 31. 
Ausser den drei Klassenzimmern ist noch ein kleines 
zur Aufbewahrung der Bibliothek, des Kabinets rc. 
vorhanden. 
In dem Hause des Herrn Pastors S ch l a g e r s ist 
eine Industrieschule angelegt, an welcher, ausser einer 
bestimmten Lehrerin, noch viele Damen zum Vergnügen, 
im Stricken, Nähen, Spinnen, Sockenflechten rc. un 
terrichten. Damit der Geist bei den weiblichen Arbei 
ten nicht ohne Nahrung bleibe, wird gesungen, erzählt, 
gerechnet. Sie vermehrt sich so sehr, daß der jetzige 
Raum binnen Kurzem nicht mehr hinreichen wird, 
sondern daß auch diese Schule bald in ein größeres Ge 
bäude verlegt werden muß. Kinder bemittelter Eltern 
geben jährlich 2 Rthlr. unbemittelte 4 Ggr. Der Un 
terricht fängt erst nach Endigung der gewöhnlichen. 
Schulen an; übrigens hängt diese Schule mir der hö- 
hern Mädchenschule gar nicht zusammen. 
M. 
Magdeburg, den 26ten Iunius. 
Ueber da6 Pädagogium zu Liebensranen. 
Die so sehr befürchteten Folgen des Krieges sind 
nun ohne Ruin dieser Anstalt überstanden; sie haben, 
so hart sie dieselbe auch trafen, doch nicht das Maas 
der Unerträglichkeit und die ««gemessene Fortdauer be 
halten, welche man eine Zeitlang fürchten mußte. 
Freilich gaben dre Preußischen Besitzungen jenseits der 
Elbe feit geraumer Zeit nicht den geringsten reinen Er 
trag, da das Unglück der Blokade Magdeburgs und 
eine unsäglich kostbare Einquartirung wahrend der 
Fortdauer der Okkupazivn dieser Gegend durch Kaiser!, 
französische Truppen die Nutzungen garnlich wegnah 
men. Doch Ersparungen aller Art halfen anet) durch 
dieses Zeitunglück hindurch. Die Abbezahluug der 
Kriegskontribuzion und die Realisirung enormer Re 
quisizione» erforderten Beitrage des in dem Westpha- ' 
lifchen und in dem Preußischen Antheilen der allen 
Provinz Magdeburg angesehenen Klosters, welche nur 
durch sehr bedeutende Anleihen herbeigeschafft wrrden 
konnten. Aber doch wurde noch zur rechten Zeit die 
Unmöglichkeit der Aufbringung unerschwinglicher Sum 
men durch die Vereinigung aller Theile des Königreichs 
Westphalen zu einer gemeinschaftlichen Reichsschuld, in 
die Gränzen der Möglichkeit zurückgeführt und so' 
drückend dann auch für unsere Anstalt auf eine Reihe 
von Jahren die neuentstandcne Schuldenlast werden 
und bleiben muß, so kann man cs nun doch übersehen, 
daß ohne Nachtheil für die Forterhaltung des Instituts 
ein hinlänglicher Fonds' zur Verzinsung und zurAmor- 
tisazion der entstandenen Schulden bleibt, und man 
jetzt nur die weggeschwundene Hoffnung weiterer Mer 
tlörazionen und fernerer Vervollkommnung der Schul- 
einrichtnngen aus eigenem Vermögen zu bedauern hat. 
Bei der Abmessung der Fonds unserer Anstalt darf 
man aber den jetzt fast zur Gewißheit gewordene Ge 
danken nicht aus den Augen verlieren, daß nach einiger 
Zeit die Frequenz auf unserer Schule nach Maasgabe 
dessen, was dieZeirumstäride unabänderlich herbeifüh 
ren, nothwendig abnehmen müsse, obgleich diese Fre 
quenz bis jetzt immer noch im Steigen war. Die 
Gründe sind folgende. 
Bisher studirte eine große Menge von jungen 
Leuten, um in die Kammeralistische Geschäftskarnere 
mit desto mehrerer Erwartung einzutreten und sich in 
der Maaße wie man cs wenigstens bei der Prüfung und 
ersten Ansetzung von einem Preußischen Kammeralisten 
verlangt, einige Kenntniß ane der wissenschaftlichen 
Jurisprudenz anzueignen. Die sich zu solchen Ge 
schäften vorbereitenden Jünglinge wurden daher ver 
anlaßt, weil sie sich glaubten, den Namen studirter 
Männer erwerben zu müssen, längere Zeit aus Schu 
len zu bleiben, bis^ zu dem gewöhnlichen Aller eines 
Studenten ihren Schulfleis fortzusetzen und sich das 
Zeugniß der Reife für die Universität zu verdienen, 
wodurch dann mehr Auöbildnug der Kräfte und mehr 
Gewöhnung zum Fleiß bewirkt wurde. Von der sehr 
bedeutenden Anzahl der jungen Leute, welche derselbe» 
Bestimnrung sich widmen, wird künftig vielleicht nur 
der kleinere Theil sieh durch Beendigung der Schulkar-
        

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