Full text: Casselische Polizey- und Commerzien-Zeitung (1810, [2])

( 1175 ) 
Vernunft anpassen und die Religion wieder zu einer 
größeren Einfachheit zurückzuführen versuchen: so dür 
fen wir nicht allein eine höhere Bildung unserer Ge 
nossen, sondern auch mit Zuversicht einen Vortheil er 
warten, auf welchen ich schon oben hinwies, und zu 
dem ich erst nach dieser Abschweifung wieder zurück 
kehren kann: daß diese Vervollkommnung zugleich das 
herrlichste Mittel seyn wird, uns unsern christlichen 
Glaubens-Nachbare» zu nähern. Nur der gemein 
schaftliche Fortschritt zum Besseren, zum letzten Ziele 
der Vernunft wird zwei verschieden denkende Parlhei- 
en — wenn auch nicht zur Gemeinschaft, aber doch 
zum Naherseyn leiten; nur die Vernunft mit ihren 
ewigen Grundsätzen ist das Einzige, worin zuletzt die 
abweichendsten Partheien, die ungläubigsten Sekten, 
die weit entlegensten Völker übercinlreffen müssen. Eine 
reinere Gottesverchruug also, entfernt gehalten von 
jeder leidenschaftlichen Verketzcruugssuchr, von jedem 
einschränkenden Glanbenszwange, durch Aufklärung 
und Sittenlehre empfohlen, nur in den wichtigsten 
Punkten aller besseren Gotteslehrcn, in dem Glauben 
an Gott, an seine Heiligkeit, höchste Vollkommenheit 
und vorzüglich an seine Einheit die Hauptsache eines 
religiösen Glaubens suchend, und über den Dogmen 
nicht den letzten Zweck aller Gortesverehrung, die 
praktische Veredlung der Herzen, die willigeAusübung 
der Menschenpflichren versäumend.... eine solche Rer 
ligionöübung und Religionsläuterung schien mir beson 
ders wichtig zur Förderung jener großen Absichten, jur 
Wegschaffung der alten Feindschaft zwischen beiden Sek 
ten zu seyn. Nur dieses wird neue schönercBande knüpfen 
und neue Verhältnisse einführen, wird beide Partheien 
in ihren einzelnen Gliedern nur den Menschen, nicht 
den Genoss.n einer Religion sehen lassen. Za, meine 
Freunde, daß die Bekenner eines verschiedenen Glau 
bens hier nur zu einem gemeinschaftlichen Gott'be 
ten, daß sie sich zu denselben großen Bruder-Pflichten 
verbinden, daß sie fast in allen Grundsätzen, die hier 
gelehrt, in den heiligen Liedern, die hier gesungen, in 
den Gebeten, welche von dem dollen Herzen ausge 
strömt werden, friedlich zusammenstimmen, daß sie in 
diesem einfachen, bilderlosen Heiligthnm' lernen, das 
Wesen der Gottesverehrung nicht in sinnlichen Zei 
chen, sondern in der Reinheit deS Herzens zu suchen, 
und jtch hier gemeinsam in den edlen Vorsätzen betraf, 
tigen, die uns schon Micha zuruft: „Er hat's dir ja 
schon kund gethan, o Mensch! was ihm gefällt und 
was er von dir verlangt: Gerechtigkeit üben, Liebe zur 
Tugend und bescheiden vor dem Ewigen wandeln ! 11 
dieser Zweck ist zu edel, zu rein, alS daß ich selbst den 
starrsinnigsten Eiferer für seinen Glauben darüber ein 
bedenkliches oder gar ein liebloses Achselzucken zutrauen 
sollte. Ich kenne kein höheres Ziel für den Menschen, 
als eben dieses: Duldung und sanfte Eintracht der 
Herzen; cs ist die glückliche Zeit, in welcher ein neues 
Paradies, die Morgenröthe eines besseren Eden über 
einer edleren Menschheit aufgehen wird. Hochbelebt 
und dankend der Vorsicht für ein Ercigniß, welches 
Jahrtausenden vielleicht nicht festlicher unfern zcsteeu- 
rcn Geuossen erschien, laßt uns an dem heutigen Tage 
besonders unsere höher gestimmten Herzen diesen schö 
neren Vorsätzen ergeben. Heute zum erstenmale hat 
uns die Güte des Ewigen in einen würdigern Tempel 
zur öffentlichen Andacht berufen; o heute vor allem 
laßt uns eine Gesinnung erschwingen; welche große 
Früchte für die Nachwelt, für die Ewigkeit trage. Mit 
heiliger, schauerlich-froher Erinnerung laßt uns zurück 
wandern in dir Geschichte der Vorwelt, und, was dort 
Salomos Tempel für unsere ganze Völkerschaft war, 
in einem kleinen, schwachen Nachbilde hier schauen; 
aber nicht schauen allein, sondern mit hohem, ern 
stem Gefühle laßt uns zugleich dem gekrönten Weisen 
nachrufen: „Wenn auch ein Fremder, der nicht dei 
nes Volkes Israel ist, kommt aus fernem Laude, um 
deines Namens willen, und kommt, daß er bete vor 
diesem Hause: so wollest du hören im Himmel, im 
Eitze deiner Wohnung, und thun alles, warum der 
Fremde dich anruft; damit alle Völker auf Erden dei 
nen Namen erkennen, daß auch sie dich fürchten, wie 
dein Volk Israel; und daß sie innewerden, dieses 
Haus, das ich gcbauct habe, sey nach deinem Namen 
gebauet" (i. B. der Kön. 8, 41 — 45). 
Seht hier! diese Empfindungen, diese reinen, die 
ganze^ Menschheit umfassenden Grundsätze sind nicht 
unerhört; sind unserm jüdischen Glauben nicht fremd; 
sie liegen schon in unseren heiligen Urkunden; und wir, 
die Genossen eines so aufgeklarten Jahrhunderte, soll 
ten uns beschämen lassen von dem fernen Genossen der 
grauen, längst verschwundenen Vorwelt? Nein, meine 
Brüder, Salomo soll uns auch hierin Muster seyn, 
wie er unserm ganzen Lebenswandel mit so manchem 
herrlichen Sittenspruchc vorgeht, und seine wessen, 
königlich großen Lehren sollen wieder mit diesem Tem 
pe^ aufleben. 
Zwar wohnt Gott nicht in Tempeln, von Menschen 
händen gemacht. Sein Thron ist das Weltall, fein 
Wohnsitz die ganze Natur, und jeder Winkel der Erde, 
jeder einsame Ort unsers Hauses, selbst jebe Trefe des 
Erdballes ist zur Andacht vor einem Wesen geeignet, 
das alles durchdringt, alles erkennt und durchschauet. 
Einen reinen Geist können Prachthäuser.weder ein 
schließen noch ehren; erhaben über die Leiden 
schaften irdischer Fürsten, kaun er uns solche Tcmpet 
nicht wegen seiner Bedürfnisse zu geweihclcn Sitzen 
der gemeinschaftlichen Andacht anweisen. Nur t die 
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