Objekt: Hessenland (24.1910)

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Das Kasseler 
Ein Gemälde im 
Als das neue Kasseler Rathaus im Juni vorigen 
Jahres eingeweiht wurde, hatten die hessischen 
Fürstenbilder und viele andere Werke alter Meister 
aus städtischem Besitze bereits ihren Platz erhalten. 
Dazu hatten sich Ansichten aus dem älteren und 
ältesten Kassel in erklecklicher Anzahl gesellt, doch 
fehlte hie und da in einzelnen Räumen noch der 
Bilderschmuck, den die Liste der Stiftungen ver 
hieß. Paul Scheffers „Kasseler Bürgertypen aus 
der Gegenwart", ein figurenreicher Fries für den 
Magistratssitzungssaal, war damals noch im Ent 
stehen begriffen, und erst geraume Zeit nach der 
Einweihung erhielt auch der braungetäfelte Sitzungs 
saal des Kaufmannsgerichtes seinen Schmuck von 
Künstlerhand, ein großes Gemälde, das der Kafleler 
Kaufmännische Verein gestiftet hat. Der Lehrer 
an der Kunstgewerbeschule, G. Wittich, der durch 
das Wandgemälde „Die Auferweckung des Jüng 
lings zu Rain" (in der Kaffeler Christuskirche) 
die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte, wurde 
von dem genannten Verein beauftragt, für den 
Saal des Kaufmannsgerichtes ein Historienbild 
zu malen. Daß es eine Historie sein mußte 
— diese Bedingung erhöhte die Schwierigkeit des 
Auftrages beträchtlich. Einfacher wäre es sicher 
gewesen, durch ein symbolisches Motiv die Be 
stimmung des Raumes zu kennzeichnen; wo aber 
einen geschichtlichen Vorgang finden, der nur 
einigermaßen Bezug auf das Kaufmannsgericht, 
Marktgericht. 
Kasseler Rathaus. 
eine der allerjüngsten Einrichtungen neuzeitlicher 
Rechtspflege, haben konnte? Indessen — Ben Akiba 
behielt wieder einmal Recht: es ist alles schon 
dagewesen. Nicht ganz genau dasselbe freilich, aber 
doch wenigstens etwas dem modernen Kaufmanns 
gericht in einiger Hinsicht Vergleichbares hat es 
bereits einmal gegeben, und zwar zu einer Zeit, 
da die deutschen Städte ihre eigene Gerichtsbarkeit 
besaßen. Es war das Marktgericht. Auch Kassel 
hatte im 16., 17. und 18. Jahrhundert sein 
Marktgericht, das auf dem heutigen Altmarkte 
abgehalten wurde. Das Gericht, das man auch 
„Das Handelsgericht auf dem Markte" nannte, 
war eingesetzt zur sofortigen Erledigung von Markt 
streitigkeiten, namentlich auch zur Schlichtung von 
Differenzen zwischen Handelsleuten und ihren 
Arbeitnehmern. Die Mitglieder des Marktgerichtes 
waren landgräfliche Beamte: der Bürgermeister, 
Schultheißen, Schöffen und Ratsschreiber. Sie 
tagten unter freiem Himmel auf einer Estrade 
vor dem altstädtischen Rathause, deffen Bild im 
vorigen Jahre gelegentlich der Einweihung des 
neuen Rathauses in zahlreichen Reproduktionen 
nach alten Darstellungen wieder aufgelebt ist. 
Das hier reproduzierte Wittichsche Gemälde gibt 
eine recht lebendige Vorstellung davon, wie sich 
das alte Handelsgericht auf dem Markte aus 
genommen haben mag. Rechts haben wir die 
am Tische sitzende Gruppe der Gerichtspersonen,
	        
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