Full text: Die Landesbibliothek Kassel 1580 - 1930

werde. Daraufhin ließ das Oberhofmarschallamt einen Zettel ausschreiben, der sieben 
Reihenwerke mit insgesamt 383 Bänden verzeichnete, und behauptete, nach Völkels Be- 
rechnung habe man dazu 4 Tage 5 Minuten brauchen sollen! Die ganze Verfügung ist 
eine Häufung von Unfreundlichkeiten. S0 verwahrte man sich wohl gegen das in Grimms 
Berichten unterstellte Mißtrauen; wie wenig man aber in der Lage oder vielleicht auch 
geneigt war, die Stellung eines Bibliothekars richtig einzuschätzen, zeigt der Hinweis, die 
Bibliothekare dürften aus dem Umstand, daß von ihnen keine Kaution verlangt werde, 
nicht schließen, daß man ihnen die Bewahrung solcher Schätze nur im Vertrauen auf 
ihre Bedlichkeit überlasse. Solche Vertrauensbeweise seien wohl für einen einzelnen be- 
währten Mann, nie aber für einen ganzen Stand möglich, und man sehe von einer Kaution 
nur deshalb ab, weil bei entsprechender Einrichtung die Verwechselung einzelner Bücher 
weniger leicht möglich sei als die Vertauschung sonstiger Gegenstände bei anderen Ver- 
waltungen. Auf derselben Höhe steht die Bemerkung, das Oberhofmarschallamt empfinde 
es - ohne hier eine Änderung verfügen zu wollen - nicht als richtig, daß alle Biblio- 
theksbeamten im Besitz eines Schlüssels seien; es wäre wohl besser, wenn sie die Biblio- 
thek nur gleichzeitig betreten könnten! 
Wenn Jakob Grimm sich in seiner Antwort für das Vorhandensein eines Katalogs - 
dessen Fehlen übrigens nicht so sehr die derzeitigen als die früheren Beamten belasten 
würde - auf YVachlers Handbuch der Literatur, Frankfurt 1824, beruft, wo es im Bd. III, 
S. 74 heißt, die Casseler Bibliothek sei „durch mehrere Seltenheiten und äußerst genaue 
Verzeichnisse merkwürdig", so machte er damit ebenso wenig Eindruck, als mit dem Nach- 
weis, daß eine Nachprüfung der Bestände an Hand der Kataloge jederzeit möglich sei. 
Ebenso vergeblich war der Nachweis, daß die verlangte doppelte Bezifferung die Fortfüh- 
rung des in der Bibliothek verbleibenden Katalogs sehr erschweren müßte, „da alsdann 
die Nummern aus den vielen hunderten Unterabtheilungn unaufhörlich in einander über- 
springen müßten"; dadurch werde der gleichmäßige, von Direktor, Bibliothekar und 
Sekretär vorzunehmende Eintrag der Neuerwerbungen gestört, da keiner ohne Nachfrage 
wissen könne, wo der letzte Eintrag geschehen war. Es war nur ein Ausfluß der vorhan- 
denen Stimmung, wenn Grimm auch hier persönliches Mißtrauen argwöhnt und sich nach- 
drücklich gegen den „empörenden" Gedanken wehrt, er bedürfe einer schärferen Aufsicht 
als seine Vorgänger - dann ziehe er die schärfste Revision oder Dienstentlassung vor. 
Er hat unbedingt recht, wenn er auf das Bedenkliche derartiger Behandlung aufmerksam 
macht, wo doch gerade der Bibliothekar ruhige, freie Gemütsstimmung für das Gedeihen 
seiner Berufsarbeit braucht. Über diese kritischen Bemerkungen hinaus machte er aber 
auch einen Vorschlag, der geeignet war, bei Schonung der Beamtenehre des Bibliothekars 
die vom Amt gewünschte Nachprüfung zu ermöglichen: neben der gewöhnlichen Jahres- 
rechnung solle ein genaues, die einzelnen Titel aufführendes Verzeichnis aller im laufenden 
Jahre angeschafften oder kostenlos erworbenen (diese letzteren erschienen bisher höch- 
stens in den Buchbinder-Rechnungen) Bücher vorgelegt werden, das die Nummer der 
betreffenden wissenschaftlichen Abteilung Vermerke und die Gesamtbescheinigung von 
Sekretär, Bibliothekar und Direktor trage. 
Wäre dieser Vorschlag eines „Zugangsverzeichnisses", der als Frucht dieser so un- 
erquicklichen Auseinandersetzungen angesprochen werden kann, mehrere Monate früher 
gemacht worden, so hätte er viel unnütze Schreibearbeit und viel Verdruß ersparen können. 
Nun war es aber für sachliche Einsicht zu spät geworden - am 23. Oktober 1824 ver- 
fügte das Oberhofmarschallamt, daß es „auf vollständiger Ausführung des Plans der Auf- 
stellung des Katalogs beharren müsse"; wenn dafür mehr Zeit nötig sei, stehe nichts im 
Wege, „eine beliebige Bekanntmachung an dem Eingänge zur Bibliothek anzuheften und 
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