Full text: Die Landesbibliothek Kassel 1580 - 1930

- am 10. September 1816 teilte der Wilhelmshöher Bibliothekar Gottsched - ein Neffe 
Johann Christoph Gottscheds - Völkel mit, der Kurfürst habe befohlen, daß alsbald 
„sämtliche Schriften, Werke, Broschüren pp., ohne einige Ausnahme, aus allen Rubriken 
des Katalogs, welche das sogenannte Königreich Westphalen, die Regierung, Geschichte, 
Person pp. des Hieronymus, der damaligen Staatsverwaltung, Diener pp. betreffen und 
Bezug auf die Usurpation Hessens haben", alsbald mit einem Verzeichnis abgeliefert 
werden sollten 115). Die schon am nächsten Tag abgegangene Sendung wurde einer ge- 
nauen Prüfung unterworfen, die schon am 12.September zu einer Reklamation führte: 
es fehlten der Moniteur Westphalien und die Schmähschrift: Hessen vor dem 1. November 
1806 und ihre Widerlegung. Da die Schmähschrift selbst nicht vorhanden war, konnte 
nur die Gegenschrift abgeliefert werden, der noch eine Ausgabe des Code Napoleon folgen 
mußte. Am 14.September gab Völkel auf Verlangen die Erklärung ab, daß nun keine 
Westphalica mehr in der Museums-Bibliothek vorhanden seien, und am 15.September 
meldete Gottsched: „Außer den, auf allerhöchsten Befehl Sr. Königl. Hoheit des Kur- 
fürsten, abgelieferten und verzeichneten Büchern und Schriften befinden sich nunmehr, 
soweit der von mir nachgesehene Catalog solches zu beurtheilen gestattet, keine Bücher 
und Schriften mehr in der Kf. Bibliothek zu Wilhelmshöhe, welche als Westphalica odiosa 
aus der Usurpationszeit anzusehen sind." 
Die Geschäftsführung der Bibliothek hatte sich bisher in der Weise abgewickelt, 
daß der  Bibliothekar die für den Ankauf von Büchern ausgeworfenen Summen un- 
mittelbar in Empfang nahm, die Abrechnung mit den Buchhändlern und Buchbindern er- 
ledigte und alljährlich der Finanzkammer einen Rechenschaftsbericht vorlegte. Durch die 
von Kurfürst Wilhelm II. befohlene Verwaltungsreform vom 29. Juni 1821 wurde die Biblio- 
thek dem Oberhofmarschallamt unterstellt, ihr Rechnungswesen von der Finanzkammer 
zur Hofkasse überführt. Im Oberhofmarschallamt herrschte vor allem durch den Einfluß 
des Hofkammerrats Hoffmann, ein stark bürokratischer Geist, der alles nach einer Form 
zu gestalten sich hemühte und für gegebene Besonderheiten oder Überlieferungen keinerlei 
Verständnis zeigte. So wurde auch für das Rechnungswesen der Bibliothek angeordnet, 
daß die Rechnungen mit der Bescheinigung über Lieferung und Preis der Hofkasse ein- 
gereicht und von ihr beglichen werden sollten. Diese Maßnahme wurde den besonderen 
Verhältnissen der Bibliothek insofern nicht gerecht, als sie einen außerordentlich schwer- 
fälligen Geschäftsgang bedingte, durch den die Bibliothek gehindert werden mußte, von 
plötzlich auftretenden Ankaufsmöglichkeiten, Versteigerungen u. dergl.m., die damals eine 
bedeutsame Rolle spielten, den vollen Gebrauch zu machen. Die Akten geben keine Aus- 
kunft darüber, ob Völkel den Versuch gemacht hat, dem Oberhofmarschallamt die Schwie- 
ligkeiten, die sich für die Bibliothek ergeben mußten, rechtzeitig darzustellen. Auffallend 
ist, daß das Oberhofmarschallamt am 20. Oktober 1823116) Völkels Antrag genehmigt, „daß 
die Rechnung über die Bibliothek-Gelder vom Bibliothekar Grimm abgelegt und gegen 
dessen Quittung dieselben aus der Hofcasse ausbezahlt werden". Es wurde daran die Be- 
dingung geknüpft, daß die Anschaffungen für die Bibliothek durch den damit beauftrag- 
ten Bibliothekar Jakob Grimm unter Mitwissen Völkels vorgenommen, die Rechnungen 
mit der Bescheinigung Grimms über die Richtigkeit der Lieferung und Preise und dem 
Visum Völkels dem Oberhofmarschallamt eingereicht werden sollten. 
Diese Regelung ist höchst merkwürdig und eigentlich nur verständlich, wenn man 
annimmt, daß Völkel - der bis dahin die Anschaffungen und Rechnungslegung allein be- 
11a) A. L. B. v1, 4. 
11a) A. 1.. B. 11,2. 
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