Full text: Die Landesbibliothek Kassel 1580 - 1930

forderte nicht nur dringend deren Abstellung, sondern machte auch im einzelnen Vor- 
schläge, wie die dringend nötigen Neuanschaffungen ermöglicht werden könnten. S0 besaß 
die Bibliothek eine erhebliche Anzahl von Doppelstücken, die vertauscht und verkauft wer- 
den konnten; dadurch könnte erreicht werden, daß die zahlreichen ungebundenen Werke, 
die sonst dem Verderben ausgesetzt oder in Gefahr waren, „von den Meusen zerschnitten" 
zu werden, gebunden würden. Es geschah wohl auch nur zu seiner Sicherung, daß er 
angesichts der vielfachen Beanstandungen, die er selbst erheben mußte, schon wenige Jahre 
nach seinem Amtsantritt, jedenfalls noch zur Regierungszeit der Landgräfin Amalie Elisabeth 
die Bestellung einer Kommission anregte, die Bibliothek und Kunstkammer, die ihm auch 
unterstellt war, besichtigen sollten. Das war durch die Kammerräte Dauber und Koster 
geschehen; sie hatten über ihre Wahrnehmungen berichtet, ohne daß darauf eine Ver- 
fügung ergangen war - schuldhafte, Scholasticus zur Last fallende Mängel sind also nicht 
festgestellt worden. Und doch nimmt er Veranlassung, sich gegen die angebliche Absicht, 
ihm die Leitung der Kunstkammer abzunehmen, zu wehren, „weil solche amotion mir den 
großesten Schimpff, als ob ich etwa bey meinem Dienste nicht treulich gehandelt, oder 
denselben, wie sichs gebühret, versehen hätte" 17). Eine Entscheidung auf diese Vorstel- 
lungen ist offenbar nicht ergangen. Die Gerüchte wollten aber nicht verstummen, und 
schon ein Jahr später wendet sich Scholasticus erneut an den Landgrafen, da man ihm 
nun auch die Leitung der Bibliothek abnehmen wolle -- man hat ihm auch schon 
seinen Nachfolger, Michael Angelocrator, genannt 18). Ob die Befürchtungen, denen 
Scholasticus hier Ausdruck gibt, schon jetzt berechtigt waren, und ob sein Rechtfertigungs- 
versuch die tatsächlich geplante Entfernung hinausgeschoben hat, läßt sich nicht entschei- 
den. Jedenfalls erhielt der fürstliche Leibarzt Dr. Michael Angelocrator (Engelhard) am 
25. März 1657 die Weisung, Bibliothek und Kilnstkammer von Scholasticus zu übernehmen. 
Zum ersten Mal wird hier eine förmliche Übergabe verlangt - wie berechtigt diese Forde- 
rung war, sollte sich bald herausstellen: Scholasticus hat offenbar in seinen wirtschaft- 
liehen Verhältnissen keine Ordnung zu halten gewußt und seiner Frau bei seinem Tod 
zahlreiche Schulden hinterlassen. Er scheint dabei ihm anvertrautes Gut zu seinem Nutzen 
verwendet zu haben und hat dadurch offenbar sich und seinen Landesherrn in peinliche 
Lage gebracht. Zunächst suchte sich Scholasticus der angeordneten Übergabe zu entziehen; 
am 8. November 1658, d. h. volle anderthalb Jahre nach seinem Amtsantritt, muß Angelo- 
crator berichten, daß die befohlene Übergabe der Bibliothek und der Kunstkammer noch 
immer nicht erfolgt sei; um sich selbst zu sichern, schlägt er vor, die Übergabe durch einen 
landgräflichen Bat durchführen zu lassen. Landgraf Wilhelm scheint davon unterrichtet 
gewesen zu sein, daß diese Übergabe ein wenig erfreuliches Ergebnis zeitigen müsse; er 
wollte daher Scholasticus Zeit lassen, die Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Nur so läßt 
es sich erklären, daß er erst am 16. Juni 1659 auf den Bericht Angelocrators verfügt, daß, 
nachdem die Kataloge „gehörig collationirt" und von dem bisherigen Bibliothekar 
Scholasticus unterschrieben seien, der Land-Sekretär Eulalius als sein Beauftragter die 
Übergabe an Angelocrator vornehmen solle 19). All diese Nachsicht erwies sich aber als 
vergeblich: bei der Übergabe stellte sich heraus, daß in der Kunstkammer 36 Instrumente 
und in der Bibliothek zahlreiche Werke fehlten, von denen Scholasticus bei seinem Tode 
(4. Dezember 1669) noch nichts zurückgeliefert hatte. Am 20. Juni 1670 lieferte die Witwe 
des Scholasticus die Instrumente und den größten Teil der Bücher ab; nach einem von 
Angelocrator aufgestellten Verzeichnis fehlten immer noch 15 Werke, daneben aber auch 
17) Memorial des Scholasticus, prs. 19.Mai 1654. A. L. B. III, 2, 
18) Schreiben des Scholasticus, prs. 20. Juni 1655. A. L. B. III, 2. 
19) A. L. B. V, 1.
        

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