Full text: Die Landesbibliothek Kassel 1580 - 1930

führt der Entwurf des Hof- und Kanzley-Staats für 1621l22 ein seiner Witwe zu zahlendes 
Gnadengehalt von jährlich 47 fl. 20 alb. auf S). 
Wann sein Nachfolger Jacobus Thysius zur Leitung der Bibliothek berufen wurde, 
läßt sich nicht mit Sicherheit feststellen. Wilhelm Dilich berichtet 4), daß Thysius, der 1555 
in Antwerpen geboren, um seines Glaubens w-illen aus der Heimat vertrieben und vom 
Landgrafen Moritz aufgenommen worden war, 1615 als Professor der Geschichte und Poetik 
nach Marburg berufen worden ist; vorher war er „per annos viginti partim in munere 
Bibliothecario partim in linguarum exoticarum interpretatione" tätig gewesen. 1595 ist er 
demnach nach Hessen gekommen; in Gelegenheitsgedichten wird er als „Licentiatus juris" 
(um die Wende des 16. und 17. Jahrhunderts, 1600 und 1605) bezeichnet; Goclenius nennt 
ihn in einem in dieselbe Zeit gehörenden Brief Geheimsekretär. „J. N. L. Poeta egregius" 
und „Biblioth. CasseLpraefectus" ist die Anrede, mit der Bartolomäus Bilovius in einem 
iedicht Thysius begrüßt. Dieses Gedicht ist undatiert, gehört aber - wie Scherer glaubhaft 
nachgewiesen hat 5) - ins Jahr 1611: damit ist das einzige sichere Zeugnis gegeben. Die 
Landesbibliothek besitzt einen Brief von Thysius d. d. 5. Februar 1605 6) an einen nicht ge- 
nannten Freund, durch den dieser an die Rückgabe zweier Bücher gemahnt wird, die der 
Marburger Professor Kirchner ihm übergeben habe. Da die beiden hier genannten Werke 
noch heute in der Landesbibliothek vorhanden sind, darf wohl angenommen werden, daß 
die zurückverlangten Bücher nicht Privateigentum des Thysius, sondern der fürstlichen 
Bibliothek entnommen waren. Damit ist Thysius auch für 1605 als Bibliothekar nach- 
gewiesen. Es dürfte aber wohl kaum ernsten Bedenken begegnen, wenn man im Zusammen- 
hang mit der Bemerkung Dilichs annimmt, daß Thysius, für den zu sorgen der Landgraf 
übernommen hatte, sogleich nach dem Abgang des Rodingus zum Bibliothekar ernannt 
worden ist. Rommel, der in seiner „Geschichte von Hessen" (Bd. VI, S. 503) das Jahr 1600 
als den Beginn der bibliothekarischen Tätigkeit des Thysius aufführt, gibt leider keinen 
Beleg dafür. Wenn Rommel an früherer Stelle (Bd. VI, S. 313, Anm. 25) ein Epithalamium 
vom 14. März 1598 als von „des Landgrafen Bibliothekar" Jakob Thysius geschrieben er- 
wähnt, so bleibt er auch hier den Nachweis seiner Quelle schuldig. Offenbar ist diese Amts- 
bezeichnung ein willkürlicher Zusatz Rommels, der sich aus der späteren Stellung des 
Thysius erklärt. Man wird also die Amtszeit des Jacobus Thysius als fürstlicher Bibliothe- 
kar auf die Jahre 1600-1615 festlegen dürfen. Seine Marburger Professur hat er nur fünf 
Jahre innegehabt; 1620 kehrte er als Lehrer der ausländischen Sprachen nach Kassel an 
das Collegium Adelphicum zurück 7) - die Leitung der Bibliothek hat er aber nicht wieder 
übernommen. Diese blieb fast zwei Jahrzehnte, von 1615-1633, verwaist: der Entwurf des 
Hof- und Kanzley-Staats für 1621122 weiß nichts von einem Bibliothekar zu melden -- die 
Stelle war also unbesetzt und zwar, wie sich aus dem Fehlen jeder anderweitigen Nach- 
richt ergibt, schon seit 1615. Landgraf Moritz brachte der Bibliothek nicht das Interesse 
entgegen, das sein Vater allzeit für sie bewiesen hatte; seine wissenschaftlichen Neigungen 
betätigten sich in mancherlei anderen Richtungen, bis die Not der Zeit ihn vollkommen 
entmutigte und schließlich zum Verzicht auf die Regierung veranlaßte. Aus seiner Regie- 
rungszeit wird dann auch nur zweimal von Ankäufen für die Bibliothek berichet - es ist 
 
3) Über Rodingus vergl. im einzelnen: Scherer, Carl, Die Kasseler Bibliothek im 1. Jahrhundert ihres 
Bestehens, in Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde 27 (N. F. 17), 1892, S. 225 tf. 
4) Wilhelm Dilich, De urbe et academia Marpurgensi, ed.Caesar (Indices lectionum). Marburg, 
1863. P. IV. 8.36. 
5) a. a. O. Zeitschr. f. hess. Gesch.27 (1892), S. 232[3. 
6) Msslitteraria fol.4 unter Thysius. 
7) Über Thysius vergl. im einzelnen Scherer a. a. O. S. 230 ff.
        

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