Full text: Die Landesbibliothek Kassel 1580 - 1930

1. Begründung und Anfänge. 
Das Testament Landgraf Philipps des Großmütigen vom 6. April 1562, das die 
Teilung des Landes unter seine Söhne festlegte, führt die Universität Marburg unter den- 
jenigen Einrichtungen auf, die dem bisherigen Gesamt-Hessen gemeinsam bleiben, also von 
vier Einzelterritorien gemeinsam betreut und erhalten werden sollen. ä VI des Testaments 
zeichnet noch einmal die Richtlinien, die bei der Verwaltung der Universität maßgebend sein 
sollen, und weist in erster Linie Wilhelm IV. von Niederhessen und Ludwig IV. von Ober- 
hessen die Sorge für die Fortführung der Universität im Sinne ihres Stifters zu. Besonders 
Wilhelm IV. hat sich dieser Aufgabe mit größter Hingebung angenommen - war er doch 
schon während der beiden letzten Jahrzehnte der Regierung seines Vaters mit der Erledi- 
gung der Universitätsangelegenheiten vertraut geworden. 
Das Testament spricht nur von den Pflichten, die den Söhnen Philipps der Universi- 
tät gegenüber obliegen; die sich daraus ergebenden Rechte, vor allem auch die Benutzung 
der Universitätsbibliothek für persönliche Wünsche und für die Aufgaben der Landesverwal- 
tun-g, bedurften, weil ohne weiteres gegeben, keiner besonderen Erwähnung. Wilhelm, der 
sich selbst mit wissenschaftlichen Problemen beschäftigte und mit zahlreichen Gelehrten in 
Verbindung stand, hat auch von der Möglichkeit, die für seine Studien benötigten Werke 
aus Marburg zu beziehen, Gebrauch gemacht, wobei ihn die äußerst knappen Bestände der 
Marburger Bibliothek vor allem in Medizin und Mathematik manchmal enttäuscht haben 
mögen. Seine Interessen erschöpften sich aber keineswegs in diesen Wissensgebieten; es 
waren nicht zuletzt auch die theologischen Streitfragen seiner Zeit, denen er seine 
volle Aufmerksamkeit schenkte, und für die ihm die Universitätsbibliothek wohl an 
Hand zu gehen vermochte - so meldet der Marburger Bibliothekar Theophilus Lonieerus 
am 25. Januar 1579 dem Landgrafen die Übersendung einiger von ihm gewünschter theo- 
logischer Werke. 
Diese Möglichkeit zur Befriedigung seiner wissenschaftlieh-literarischen Bedürfnisse 
kann den Landgrafen schon wegen der bei den gegebenen Verkehrsverhältnissen jeweils 
aufzuwendenden Zeit auf die Dauer nicht befriedigt haben. Seine Residenz barg eine 
Bibliothek in ihren Mauern, die von seinem Vater begründet nicht ganz unbedeutend und 
der Marburger gleichwertig gewesen zu sein scheint. Jedenfalls sagt der Marburger Pro- 
fessor der Geschichte und Beredsamkeit Konrad Matthäus, der gleichzeitig Universitäts- 
Syndikus war, in seiner Leichenrede beim Ableben des Landgrafen Philipp: „Bibliothecasque 
omnigenis libris refertas, cum hie [i. e. Marpurgi] in Collegio Pomoerii, tum Cassellis in 
templo libertatis summa cura aparari fecit". Diese von Philipp gegründete und gepflegte, 
in der Kirche der Freiheit -- der St. Martinskirche - untergebrachte Bibliothek, die
        

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