Full text: Die Landesbibliothek Kassel 1580 - 1930

Herm. Schmincke, der ihn wie auf die Kasseler Glossen auch auf diese Handschrift auf- 
merksam machte. Da er den ersten Teil in besonderer Art nachbilden ließ, wird er sie 
wohl selbst in Augenschein genommen haben. Mit neuhochdeutscher Übersetzung und den 
nötigen Erklärungen druckte dann W. Fr. H. Reinwald (allerdings ohne sich zu nennen) 
den Text 1808 im „Neuen Literarischen Anzeiger" (nach Eckhart) ab. Eigentliche Bahn- 
brecher waren die Brüder Grimm, die an dem Liede den Stabreim entdeckten und dies 
bereits 1811 im „Museum für altdeutsche Literatur und Kunst" (2, 313 f.) bekannt gaben. 
1812 wurde es dann zum ersten Male in seinem ursprünglichen Metrum der wissenschaft- 
lichen Welt dargeboten. 1814 nahm es bereits auch ein Franzose Gerard Gley mit fran- 
zösischer Übersetzung in seine „Langue et litterature des anciens Francs" mit auf. In 
den „Altdeutschen Wäldern" gaben Jakob und Wilhelm Grimm eine Reihe weiterer Bei- 
träge dazu; mehr belustigt als verärgert werden sie gewesen sein durch eine Kritik, die 
sie von einem Landsmann Wilhelm Mohr erfuhren ein einer merkwürdigen Broschüre 1836: 
„Das Lied von Hiltibraht und Hadubrand  erläutert im Gegensatz der Grimm'schen Er- 
klärung" (Marburg bei Elwert). Damals waren schon die für die Forschung höchst bedeut- 
same Faksimile-Ausgabe Wilh. Grimms (1830) und Lachmanns wichtige Abhandlung ge- 
nügend bekannt, mit denen die Grundlage gegeben war für die Lösung all der Probleme, 
die den Gelehrtenfleiß eines Jahrhunderts ausmacht und die scharfsinnige germanistische 
Forscher gewiß auch in Zukunft noch genügend beschäftigen wird. Im übrigen muß ich 
mich mit einem Hinweis auf die angegebenen Literaturnachweise bescheiden. 
Die Veränderungen der Hildebrandslied-Handschrift: 
Wohl selten hat eine Handschrift so stark unter dem Wissensdurst der Forscher- 
hände gelitten wie die einzige Niederschrift des ältesten poetischen deutschen Denkmals, 
die heute eine Reihe von unschönen Flecken (neben den alten Löchern und Falten) auf- 
weist, die leider von allzu eifrigen Benutzern des 19. Jahrhunderts verschuldet sind. Schon 
Wilhelm Grimm gab 1830 in den „Gött. geLAnzeigen" zu, daß das Reagens an zwei Stel- 
len angewandt wurde, allerdings noch nicht unmittelbar im Liedtext. Schlimm wurde es 
dann, als der bekannte Anglist Christian Wilhelm Michael Grein, der 1857 bis 1859 Prakti- 
kant an der Landesbibliothek war, sich von den damaligen Bibliothekaren die Erlaubnis 
erteilen ließ, auch mangelhaft leserliche Textstellen mit einem Reagens von Galläpfeltink- 
tur behandeln zu dürfen. Er hatte dieses Reagens an den halbvermoderten Urkunden zu 
Bückeburg öfter erprobt, beim Hildebrandslied aber hat er die betr. Stellen, die kurze Zeit 
nach der ätzenden Behandlung deutlicher hervorgetreten sein mögen, für alle Zeiten 
rettungslos zerstört. Seit dem hat die Handschrift die notwendige Schonung erfahren, zu- 
mal eine erleichterte Vergleichung des Originals beim Studium durch eine ganze Reihe von 
Faksimile-Ausgaben [vgl bei Literatur] ermöglicht wird. (Danielowski, S. 39 ff.) 
Herkunft des Codex: 
Die Herkunft des Codex aus der alten Fuldaer Benediktiner-KlosterBibliothek ist 
unbestritten. Schon Eckhart sagte 1729 (I, S.867) „codex  olim Fuldensis Monasterii 
fuit". Die Brüder Grimm machten 1812 bereits auf die Signatur XXXVII ord. 10, die sich 
auf dem Leder des vorderen blind gepreßten Holzdeckels unter dem Pergamentstreifen mit 
der Aufschrift „Liber Sapientie" befindet, aufmerksam. Da sich auch auf andern Kasseler 
Codices in ähnlicher Weise Kennzeichnungen feststellen ließen, vertrösteten sie auf etwaige 
Verzeichnisse. Ein solches gab Kindlinger noch im gleichen Jahre 1812 anonym heraus und 
auf S. 50 ward tatsächlich der Codex aufgeführt. Ebenso enthält ihn dann die Liste bei 
Grein 1858 (S. 14), Ruland 1859 (5.311 f.), Groß 1880 (8.164) und abschließend die Falk- 
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