Full text: Die Landesbibliothek Kassel 1580 - 1930

5. Geographie, Ethnographie und wissenschaftliche Reisebeschreibungen; 6. Naturwissen- 
schaften; 7. Nationalökonomie und Statistik, Landwirtschaftliche und forstwirtschaftliche 
Literatur m). 
Dieser Bibliotheks-Ordnung folgte am 29. Dezember 1888 eine Dienstanweisung 
für die Beamten, die am 1.Januar 1889 in Kraft trat und den Bibliothekaren insofern 
entgegenkam, als sie ihre Dienststunden auf vormittags 10-1 Uhr beschränkte; am Nach- 
mittag hatten während der Öffnungsstunden des Lesesaals der Sekretär und der Assistent 
anwesend zu sein. Neu und begrüßenswert war die Einführung der jährlichen Revision, 
die auf Schubarts Betreiben wohl schon seit Jahren vorgenommen wurde, aber nicht als 
Pflicht festgelegt war. Daß sie nun regelmäßig durchgeführt werden mußte, war ein 
bedeutsamer Vorteil für die Bibliothek wie für ihre Beamten - denn „nur dadurch erlangt 
man die Gewißheit über die Integrität der Bibliothek, und, was ich fast noch höher an- 
schlage, es ist das beste Mittel, mit den Büchern selbst Bekanntschaft zu machen" (Schu- 
bart)163). Die Anschaffungen waren nun auf Grund gemeinsamer Beratung der beiden 
Bibliothekare vorzunehmen; ergaben sich dabei nicht auszugleichende Meinungsverschie- 
denheiten, so war der Landes-Direktor zur Entscheidung berufen. 
Die Leitung der Bibliothek wies diese Dienstanweisung der „Direktion" zu, der die 
beiden Bibliothekare angehörte-n und zu der der Sekretär zur Führung der Sekretariats- 
geschäfte mit beratender Stimme hinzutrat. Die Geschäftsführung der Direktion war Sache 
des 1. Bibliothekars, der gegebenen Falls durch den 2. Bibliothekar vertreten wurde 1'"). 
In dieser Bestimmung lag eine einschneidende Änderung. Wenn auch die bisherige 
Ordnung von einer „Direktion" sprach, so wurde diese aber stets „dem 1. Bibliothekar über- 
tragen", der also bisher selbständig zu handeln befugt, nun aber in jedem Fall an die 
Zustimmung seines Amtsgenossen gebunden war. Die damit ausgesprochene Teilung der 
Leitung war schon einmal, von 1875 bis 1881, geltendes Recht gewesen; mit Ausnahme 
dieser wenigen Jahre war die Bibliothek stets von ein e m verantwortlichen Bibliothekar 
geleitet worden. Daß Schubart 1851 zum „Mitglied der Direktion" ernannt wurde, hatte 
in den besonderen Verhältnissen jener Zeit seinen Grund: die Oberleitung hatte als Direk- 
tor im Nebenamt Rommel; Bernhardi war durch seine parlamentarische Tätigkeit monate- 
lang behindert, und so hatte man, um dieiGeschäftsführun-g sicherzustellen, zu diesem Aus- 
hilfsmittel gegriffen. Nach Bernhardis Tod war die tatsächliche Leitung der Bibliothek, 
da Schubart in hohem Grad schwerhörig war, dem neuernannten Bibliothekar Groß 
zugefallen, und es war allein die Rücksicht auf den im Amte bewährten und ergrauten 
Schubart, die diese Teilung der Direktion bis zu Schubarts Rücktritt fortbestehen ließ. 
Am 2. November 1881 hatte dann der Landesaussehuß die Direktion wieder ausschließlich 
dem 1. Bibliothekar übertragen. Durch die nun festgelegte Neuordnung wurde diesem die 
selbsttätige und verantwortliche Leitung genommen; es kam dadurch eine höchst bedenk- 
liche Schwerfälligkeit in die Führung der Geschäfte, da der 1.Bibliothekar bei mangeln- 
der Zustimmung des 2. nicht handeln konnte, sondern den Landes-Direktor um Entschei- 
dung angehen mußte. Es war also durchaus berechtigt, daß der dz. 1. Bibliothekar Loh- 
meyer am 30. Januar 1889 die Aufhebung dieser Bestimmung beantragte 165); Erfolg hat 
er damit nicht gehabt - die aus den beiden Bibliothekaren bestehende Direktion blieb für 
die nächsten 21k Jahrzehnte in Kraft und hat sich - im ganzen gesehen - tatsächlich 
als eine Hemmung für eine gedeihliche Führung der Geschäfte erwiesen. 
162) A. L. B. Die Bibliotheks-Ordnung. I, 2. 
163) A. L. B. II, 17. 
164) A. L. B. A 1. XIII. 
165) A. L. B. A 1 XIV. 
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