Full text: Gesamthochschule Kassel 1971 - 1981

1. ZEHN JAHRE GESAMTHOCHSCHULE KASSEL IN DER RETRO- 
SPEKTIVE 
Norbert Kluge, Aylä Neusel, Christoph Oehler, Ulrich Teichler 
Die Geschichte einer Hochschulneugründung kann auf vielfältige Weise 
geschrieben werden: Als offizielle Selbstdarstellung, die leicht zur 
euphemistischen Erfolgsbilanz wird; als nüchterne Chronik, die alle 
wichtigen Entwicklungsstadien belegt, jedoch nur selten den Standort 
und das persönliche Engagement der Beteiligten; als nostalgisch-ent- 
täuschter Rückblick der Reformer auf das Auseinanderklaffen von ur- 
sprünglichen Zielsetzungen und ihrer Verwirklichung; als zorniger 
Abgesang auf ein Reformmodell, das man schon von Anbeginn nicht 
wollte. Die Kette der zur Auswahl stehenden Dramaturgien ließe sich 
fortsetzen. Die Partialität der jeweiligen Betrachtung ist für Wissen- 
schaftler nicht ohne weiteres ermutigend, unmittelbar beteiligte Kron- 
zeugen zum Bericht über eine junge Hochschule aufzufordern. Warum 
dann ein solcher Sammelband? - 
Diese Darstellung füllt sicher zunächst einmal eine Informationslücke. 
Zwar sind im letzten Jahrzehnt viele Fragen der Hochschulentwicklung 
ausführlich beschrieben und interpretiert worden; doch ist die Gesamt- 
hochschule Kassel - gemessen an ihren weitreichenden Reformansprü- 
chen und an der Vielfältigkeit der beschrittenen Lösungswege - in den 
Publikationen zu Hochschulfragen relativ wenig behandelt worden. 
Das zehnjährige Bestehen dieser Hochschulneugründung gab auf ver- 
schiedene Weise Anlaß, diese Informationslücke zu schließen. 1 Der 
hier vorliegende Sammelband ging dabei vor allem von zwei Vorstel- 
lungen aus. Zum einen sollte er ein Kontrastprogramm zu den sonst 
typischen Diskussionen über die Verwirklichung der Reformansprüche 
einer solchen Hochschule darstellen. Gewöhnlich wird entweder der 
ursprüngliche Reformwunsch zum alles beherrschenden Maßstab gegen- 
über der Bescheidenheit der Resultate, oder der Blick konzentriert 
sich so sehr auf die gegenwärtige Situation, daß die zugrundeliegenden 
Perspektiven und Erfahrungen im Prozeß der Umsetzung der Reform- 
ansprüche kaum noch sichtbar werden. Demgegenüber soll hier die 
kritische Retrospektive Beteiligter dazu beitragen, daß der Lernpro- 
zeß einer Institution deutlich werden kann: welche Stärken und Schwä- 
chen die Reformkonzeptionen zeigen, wie der Alltag ihrer Umsetzung
	        

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