Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 2 (6)

Rathaus der Unterneustadt. 
Das Siegel der Unterneustadt bezeugt die Selbständigkeit auch dieses Stadtteils. Lange kann die 
Selbstverwaltung allerdings nicht gedauert haben. Die Gründung der Neustadt fällt in das letzte Viertel des 
13. Jahrhunderts unter Landgraf Heinrich 1.1; die Vereinigung mit der Altstadt erfolgte 1378 unter Landgraf 
Hermann gleichzeitig mit der Einverleibung der Freiheit. Mit dem Bau der neuen Fuldabrücke und der 
Erweiterung der Neustädter Pfarrkirche kurz vor der Mitte des 14. Jahrhunderts war, wie es scheint, auch 
der Zeitpunkt für die Selbstverwaltung der neuen Stadt gekommen. Am 6. Dezember 1351 siegelte man zum 
ersten Male mit dem neuen Siegel) Da die Siegelberechtigung, welche die Stadt in die Reihe der selbst- 
ständigen Stände der Fürsten, Ritter und geistlichen Körperschaften stellte, mit der Ausübung eigener Gerichts- 
barkeit verbunden war, wird man annehmen müssen, daß für die Sitzungen des Schöffengerichtes wie für die 
Beratung der städtischen Angelegenheiten überhaupt ein eigenes Haus um diese Zeit vorhanden war. Näheres 
über die Entstehung dieses Gebäudes, des Rathauses, ist nicht bekannt. Daß die Unterneustadt indessen 
tatsächlich ihr eigenes Verwaltungsgebäude besaß, ergibt die Mitteilung der hessischen Congeries zum Jahre 1376, 
wonach „zu dieser Zeit die bürgerliche Regierung zu Cassel in drey Theile getheilet" war und „jede Stadt 
ihr eigen Siegel und Rathaus" besaß." 
Nach der Vereinigung der Stadtteile hat das Rathaus auch weiterhin noch für Gerichtsverhandlungen 
gedient. Berichtet wird, daß nach 1378 der Rat der Stadt abwechselnd Gericht hielt in der alten, in der 
neuen Stadt und auf der Freiheit, so am 21. Februar 1398 auf der Freiheit, am 22. Januar 1403 in der Altstadt 
und am 8. Februar 1406 in der Neustadt} 1403 wurde am Gericht „in der Nuwenstad ztu Cassel" vor Bürger- 
meister und Schöffen in Sachen des Martinsstiftes und 1407 wegen des Verkaufes der Herwigsmühle bei Betten- 
hausen verhandelt? Den Namen Rathaus behielt das Gebäude bei. Zum Jahre 1472 berichtet die hessische 
Congeriesß daß „uf St. Thomastag die Fulda so flutig und groß" ward, daß sie in der neuen Stadt an die- 
Rost des Kirchhoffs und die Treppen an dem Rathauß gangen ist." Von Bauarbeiten ist vereinzelt die 
Rede. 1471 benötigte man ad pretorium nouae civitatis einen limes Calkes und drei Fuder Leimenß 1513, 
heißt es, daß „in der Nuenstat am Rothause gecleibet" wurdeß Bis ins 16. Jahrhundert scheint demnach 
das Gebäude für Beratungen benutzt zu sein. Darauf diente es als Schule. lm 17. Jahrhundert bewohnte das 
Haus auch ein Stadtknecht. Später befand sich außer der Schule noch die Wohnung des Opfermanns in ihm? 
Die Lage des Gebäudes ist bekannt." Nach dem Häuserverzeichnis vom Jahre 1605" stand „der 
Stadt Cassell Hauß, welches vor alters ein Rahthauß", in dem Häuserquartier, das den Kirchhof nach der 
Mühlengasse abschloß. ln einem Plane der Unterneustadt vom Jahre 1766 1' ist es, "als _„Stadt-Schulhaus" 
bezeichnet, als letztes Haus am Südende dieses schmalen Häuserblocks eingetragen, sodaß es seine Stirnseite- 
l Vgl. S. 5. 
2 Kiich, Siegel S. 254: „Mit Namen werden uns allerdings schon einmal am 28. Mai 131 chs SchölTen der Neustadt neben 
den zwölf Altstädter Schöffen genannt und auch 1339 finden wir ,burgermeistere unde scheffen ald und nuwe zu Cassele, beyde in der aldene 
stad und in der nuwen ober der V0lde', aber allein urkunden sie niemals und stets bedienen sie sich eines Siegels mit der Altstadt, deren. 
Schöffen sich auch sonst stets als die Schölien der Stadt Kassel bezeichnen. Es hat fast den Anschein, als 0b nur vorübergehend und nur 
für gewisse Zwecke eine Sonderverwaltung für die Neustadt eingerichtet worden sei. Jedenfalls kommen Schollen und Neustädter Siegel erst 
seit 1351 regelmäßiger in den Urkunden vor." 
' Nebelthau, Congeries S. 828. 
4 Urk. Staatsarchiv Marburg. 
5 Landau, Excerpte. Landesbibliothek Cassel. 
' Nebelthau, Congeries S. 344. 
" Stölzel, Stadtrechnungen S. 51 Nr. 48 u. S. 53 Nr. 51. 
- 8 Stölzel, Stadtrechnungen S. 159 Nr. 97. 
9 Brunner, Rathäuser S. 4 f. 
l" Nebelthau, Denkwürdiglteiten I S. 278. Neuber, Rathäuser S. 144. Zöllner, Rathäuser S. 12. Heidelbach, Rathäuser S. 5. 
ll Handschrift. Stadtarchiv Cassel. 
" Stadtplan (Unterneustadt) v. Krug 1766. 
 
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