Full text: Manuscripta musica

Patentochter der Königin von England, hatte ohne Zweifel vom Vater die Liebe zur Musik 
und die Begabung für Sprachen geerbt. S0 verfaßte sie u. a. zwei Bände italienische Madri- 
gale (40 Ms. Poet. 13), von denen Georg Schimmelpfennig 1615 elf Texte vertonte (Anh. 6). 
Schimmelpfennig eiferte darin italienischen Monodisten wie Caccini nach, was mich veran- 
laßte, ihn als einzigen Avantgardisten bei Hofe zu bezeichnen24. Das hat wiederum Claudia 
Knispel veranlaßt, ihn unter die Italienfahrer einzureihen25. Auch hier ist Weiterarbeit an- 
gezeigt dahingehend, diese Hypothese zu verifizieren oder zu widerlegen. - Moritz hat 
übrigens ebenfalls Madrigale komponiert und dabei Texte von Petrarca als Vorlage ge- 
nommen (20 45.46). Deutlich von Dowland beeinflußt ist seine Sammlung fünfstimmiger 
Pavanen (40 72), eine Art Album amicorum. Fast jede dieser 86 Pavanen ist einer Person 
seiner näheren oder weiteren Umgebung gewidmet. Auffällig, daß die Sammlung mit ei- 
nem Corpus englischer Pavanen schließt, was wiederum den Blick auf Dowland oder, wie 
Paul E. Mueller20 vermutet, auf Richard Machin lenkt, der um 1602 ebenfalls in Kassel 
weilte. Allerdings wird man, um die ganze Vielgestaltigkeit des damaligen Kasseler Musik- 
lebens ermessen zu können, auch den Bestand an zeitgenössischen Drucken als komple- 
mentäre Informationsquelle zu Rate ziehen müssen. 
Ein ähnlicher musikalischer Paradigmawechsel wie zu Zeiten von Moritz von Hessen voll- 
zog sich nach dem Regierungsantritt von Wilhelm VI. (1649). Michael Hartmann, einst 
Kasseler Kapellknabe und Mauritianer, leitete seit 1647 den Wiederaufbau der Kapelle. 
Dabei griff er, wie aus den hinzugefügten Basso-continuo-Stimmen ersichtlich, zunächst 
auf das Vorkriegsrepertoire zurück. Der Krieg hatte nicht nur Verluste, sondern auch Zu- 
wächse gebracht, z. B. durch die 1632-33 erfolgte Plünderung der Fuldaer Bibliothek (20 
62 i). Als entscheidend für Wilhelms Geschmackswandel erwies sich dessen Teilnahme am 
Regensburger Reichstag. Schon auf dem Weg dorthin (1651) widmete ihm Johann Philipp 
von Schönborn, Fürstbischof von Würzburg, die Aufführung eines Jesuitendramas (40 
139). In Regensburg selbst lernte er, vor allem durch die Aufführungen der kaiserlichen 
Kapelle, die neue Musik kennen. Bereits in Regensburg ließ er sich einiges kopieren, ande- 
res wurde ihm später von Wien aus übersandt. So gelangte die Musik der Giovanni Valenti- 
ni200 (20 51 n.o. 60 n.r. 61 k0), Antonio Bertali (20 60 f), Giovanni Felice Sances (20 57 d.e.m.), 
Giovanni Rovetta (20 51 v.s.t. 52 n. 571. 58 i), Wolfgang Ebner (20 53 m.60 v), Johann Kaspar 
Kerll (20 58h) und Georg Nuub (20 60x. 61 k0) in breitem Strom nach Kassel. Ergänzt 
wurde dieses Repertoire durch Werke deutscher Komponisten, etwa durch David Pohles 
Arien (40 82) und Sonaten (20 38. 60 g.k.m1'2. S12) und Gerhard Diessener (20 60 w.y). Fer- 
Entdecken und Erinnern. Programmbuch Kasseler Musiktage 1993. Hrsg. von MAREN MATTHES und ANGE- 
LIKA HORSTMANN. 1993, 140-141 
CLAUDIA KNISPEL. Georg Schimmelpfennig, ein Schulfreund von SCHÜTZ. Concerto 11 (1994) Heft 10, 24- 
29. Heft 11, 22-24 
26 PAUL E. MUELLER, The lnfluence and the Activities of English Musicians on the Continent during the late 
sixteenth and early seventeenth Centuries. Diss. Band 1.2. Indiana 1954 
26a STEVEN SAUNDERS, Giovanni Valentinfs „In te domine speravi" and the demise of the Viola bastarda. Jour- 
nal of the Viola da Gamba Societa of America XXVIII (1991) 1-20 
XXII
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.