Volltext: Manuscripta musica

. EINLEITUNG 
„Die Musikgeschichte der Stadt Kassel ist im wesentlichen ziemlich lückenlos er- 
forscht. . f" Das konnte Christiane Bernsdorf-Engelbrecht schon 1960 mit gewissem Recht 
und mit gewissem Stolz schreiben, war sie es doch, die mit ihrer vorzüglichen Dissertationz 
und weiteren grundlegenden Aufsätzen an dieser Erforschung entscheidenden Anteil 
hatte. „Aber doch bleibt auch hier," so fährt die Autorin fort, „immer noch Neuland zu 
entdecken." Und sie beschreibt auch sofort den Weg, den sie im Blick auf weitere For- 
schungen für vielversprechend hält, die Forschungen an den archivalischen Quellen. 
Heute, über 30 Jahre danach, ist die Berechtigung ihrer Anregung noch nicht abgeklungen. 
Nicht wenige Musikwissenschaftler vertrauen mehr ihrer Fantasie als den mühseligen Re- 
cherchen in einem Archiv. Es sei zugegeben, daß wissenschaftliche Arbeit ohne Fantasie 
schlecht möglich ist, wenn denn Fantasie die assoziative Kraft ist, weit voneinander ent- 
fernte Einzelheiten zu einem sinnvollen Ganzen zu verbinden. Um ein Beispiel für eine 
solcherweise archivalisch verzahnte Arbeit zu geben, sei die Handschrift (Hs) 20 6 heran- 
gezogen, der dritte Teil der Motettensammlung von Valentin Geuck. Von Anfang an war 
unstrittig, daß Moritz von Hessen, wie im Titel der Hs vermerkt, das Opus nach dem uner- 
wartet frühen Tod des Komponisten vollendet hat. Dagegen bereiteten die Texte der ver- 
tonten Sonntags-Evangelien Schwierigkeiten: Wortwahl und Diktion deuteten auf eine 
späthumanistische Bearbeitung. Der Marburger Archivar Ewald Gutbier fand eines Tages 
einen Brief von Moritz an seinen Onkel, Landgraf Ludwig in Marburg, worin sich die Auf- 
klärung des mysteriösen Tatbestandes fand: „. .. dahero wir dann vor etzlichen Jahren die 
evangelia dominicalia kürzlich carminice reddiret und ein jedes in ein tetrastichon ge- 
bracht. . 93 Moritz selbst ist es also gewesen, der die Sonntags-Evangelien in Verse gesetzt 
hatte. Es ist deshalb, um es zu generalisieren, nicht auszuschließen, daß sich das eine oder 
andere offengebliebene Problem dieses Kataloges auf ähnliche Weise, über die archivali- 
sche Recherche nämlich, wird lösen lassen. 
CHRISTIANE ENGELBRECHT, Miszellen zur frühen Musikgeschichte Kassels. Hess. Jahrbuch für Landesge- 
schichte 10 (1960) 229 
Dies., Die Kasseler Hofkapelle im 17. Jahrhundert und ihre anonymen Musikhss. aus der Kasseler Landesbi- 
bliothek. Kassel 1958 
EWALD GUTBIER, Valentin Geuck und Landgraf Momrz vor: HESSEN, die Verfasser einer Musiklehre. Hessi- 
sches Jahrbuch für Landesgeschichte 10 (1960) 212-228, bes. 219 
XVII
	        

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