Full text: Hessenland (49.1938)

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viel älter, sie ist bereits Mitte des Zweiten Jahrtausends 
v. Chr. auf einem Steinbilde in Kleinasien Zu finden 7 ). 
Das byzantinische Kaisertum führte ihn seit der Teilung 
des römischen Reiches. Von da ist er in die Ornamentik 
des alten Orients und in der Folge in die Volkskunst 
des ganzen slawischen Südens und Ostens und Europas 
bis nach Schweden übergegangen. Auf deutschem Boden 
sind Doppelvogelköpfe schon aus der BronceZeit nachweis 
bar s ). Der Doppelvogel gehört nämlich zu den 
Symbolen, den Frühformen der altarischen Völker. Karl 
von Spieß schreibt deshalb"): ..Der Doppeladler und 
die anderen ornamentalen Gruppen waren in Mittel 
europa schon seit der Hallstattzeit vorhanden und mit 
dem Denken und dem Weltbilde jener Zeit fest verwur 
zelt. Spätere Kulturwellen haben mit ihnen nichts 
Neues gebracht, höchstens das Vorhandene neu belebt 
und neu geformt". 
Eine zweite Stuhlform mit dem Doppelvogel 
motiv, diesmal aber — wie es scheint — ein rein 
hessisches Muster, und Zwar der hessischen Bauernkunst, 
bringt uns Abbildung 3 in den Stühlen mit den 
Schwänen oder Pelikanen. Vom Kreis Mar 
burg als Zentrum strahlt diese Form in das Hinterland, 
die Schwalm bis Zum Meißner 10 ) und nach Süden in 
die Wetterau aus. Nach einer Fabel des Altertums 
nährte der Pelikan in Selbstaufopferung die hungernden 
Jungen mit seinem Herzblut. Aus der altchristlichen 
Kunst, die den sich die Brust aufreißenden Vogel als 
Symbol des Opsertodes Christi verwendete, ist er über 
die kirchliche Kunst des Mittelalters in unsere deutsche 
Volkskunst eingegangen, wo er zusammentraf mit dem 
Schwanenbild. Der Schwan X1 ) als Sonnentier, als 
Bringer des Frühlings, auf Rügen und an der pommer- 
schen Küste als Bringer der kleinen Kinder^), spielt in 
der deutschen Sage, in Märchen und Überlieferung eine 
wichtige Nolle. Bei den Stuhllehnen, den Konsolen der 
Vlumenbänke J3 ), wie bei den hessischen Hoftoren, die 
7) Dr. Karl Spieß, Bauernkunst, ihre Art und ihr Sinn, 
Wien 1925, S. 242. 
8) v. Zaborsky, a. a. O. Seite 63. 
9) Dr. Karl Spieß, a. a. O. Seite 145. 
10) Abb. eines Pelikanstuhles aus Hilgeshausen am Meiß 
ner verdanke ich Herrn Dr. Paetow in Kassel. 
11) v. Zaborsky, a. a. O. Seite 67 und 172 und ff. 
12) Atlas der Deutschen Volkskunde, Tafel 20 und 21. 
13) Siehe: Karl Rumpf, Handwerkskunst am hessischen 
Bauernhaus, Marburg 1938, Verl. N. G. Elwert, Tafel 12. 
vielfach von zwei gegenständigen Schwänen gekrönt sin" 
werden wir zunächst an den Schwan denken müssen, 
ohne Anstoß daran zu nehmen, daß er den Schnabel ge 
gen die eigene Brust gerichtet hat, was als Kriterium 
für den „Pelikan" gilt. Dem Aussehen nach sind es ja 
alle Schwäne oder sogar biedere Gänse, wenn sie auch, 
bei den ersten drei Stühlen der Abbildung 3 ein Krön- 
chen tragen, wie ein Pfau oder Reiher. Die Form der 
Abbildung 3, e aus Niederkleen in der Wetterau ist die 
Vermählung des Schwanenstuhls mit einem vornehmen 
' Nokokostuhl und wie die Schwäne ihre Köpfe und sich 
selbst verlieren, zeigt wunderschön die Abfolge der Stühle 
Abbildung 3, f—k. Ein ähnliches Ausspinnen des Oop- 
pelschwanstuhls zeigt O. Schwindrazheim an einer Stuhl 
lehne, ebenfalls aus Hessen (Deutsche Bauernkunst, 
Wien 1903, Abbildung 74, 13). Städtische Vorgänger 
und Vorbilder für den hessischen Schwanenstuhl ließen 
sich nicht nachweisen. Oer Stuhl Abbildung 3, g, aus 
Kirschholz gearbeitet, ist mit schwarzen (Wassereiche) und 
weißen (Hainbuche oder Ahorn) Hölzern zierlich eingelegt. 
Die Ranken mit Blumen und die Jahreszahl in schwar 
zer Intarsia verleugnen völlig die Form- der Schreiner 
hat ganz vergessen, daß er zwei Schwäne vor sich hat. 
Die erste Hülste des 20. Jahrhunderts ist die Zeit der 
reich eingelegten und polierten Truhen, wie das 17. und 
18. Jahrhundert die Zeit der Flachschnitzerei in der 
bäuerlichen Schreinerkunst in Hessen war- so ist es er 
klärlich, daß nach 1800 Intarsienschmuck auch bei den 
Brettstühlen auftritt. Als Beispiele sehen wir einen 
Schwanenstuhl in Abbildung 4, b und in Abbildung 4, e 
einen „zerformten" Ooppeladlerstuhl, bei dem die Köpfe 
auf die Flügelgelenke gerutscht sind. Selbstverständlich 
sind bei diesen Stühlen auch die Sitze durch Intarsia 
dekoriert, entsprechend Abbildung 1. 
Zum Schluß sei erwähnt, daß die meisten Stühle, so 
weit sie nicht Intarsiaschmuck oder dekorative Bemalung 
ausweisen, nicht im Naturholzton belassen, sondern deckend 
blaugrün, englisch rot, später auch ockergelb gestrichen 
waren. Der Anstrich mit englisch Not steht vielleicht 
unter dem Einfluß der gleichzeitigen städtischen Maha 
gonimöbel "). 
14) Ein folgender Aufsatz wird Löwenftühle und die verschie 
denen Ornamentstühle aus Hessen behandeln. Den Abbildun 
gen liegen maßstäblich genaue Aufnahmezeichnungen des Ver 
fassers zu Grunde.
	        
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