Full text: Hessenland (49.1938)

251 
die im Ohmtal eine starke Ausbuchtung Zeigt, trennt 
ogse von o e s e■). Nicht alle Orte im o es e - Gebiet 
haben diese Form, es kommen auch usse, osse 
u. a. vor, die jedoch nicht bezeichnet sind, da es hier nur 
auf den konsonantischen Unterschied ankommen soll. 
Diese wenigen besprochenen Grenzen sind nur Bei 
spiele für hundert andere. Es gibt nicht viel Wörter, die 
in der Marburger Landschaft keine lautgeographischen 
Grenzen ergeben würden. Oft sind es so feine laut 
liche Differenzen, daß sie nur das Ohr dessen, der mit 
der Mundart gut vertraut ist, zu hören vermag. 
haben? Der Sprachatlas hat gezeigt, daß es nicht die 
alten Stammesgrenzen sind, die die Sprachlinien tragen, 
sondern vielmehr die Territorialgrenzen des Mittelalters 
und ausgehenden Mittelalters. Wo historische Grenzen 
von irgendwelchen Verwaltungsbezirken, Diözesen, Äm 
tern, Gerichtssprengeln usw. durch Jahrhunderte bestan 
den haben, da haben sie meistens Mundartgrenzen aus 
gebildet. 
Auf unserer Karte sind die Amtsgrenzen des aus 
gehenden 16. Jahrhunderts eingezeichnet, und man sieht, 
daß die Sprachgrenzen weitgehend mit ihnen zusammen- 
*t. uns— 1 —in5: Ts: ois 
Obwohl unser Sprachbild ein sehr buntes ist, gibt es 
doch eine Menge von Grenzen, die zu mehreren immer 
zwischen denselben Orten verlaufen, d. h. also, daß es 
im Gebiet nicht nur wirr durcheinanderlaufende Einzel- 
linien gibt, sondern auch Linienbündel, Linicn- 
st r a n g e, die 20, 30, 40 und sogar 50 Einzelgrenzen 
umfassen. Diese üinienbündel sind die eigentlichen Mund- 
artgrenzen. 
Auf Karte 5 habe ich die Sprachlinienbündel unseres 
Gebietes — es sind solche mit 20 bis über 50 Grenzen 
— schematisch dargestellt. Man sieht, daß sich kleinere 
und größere sprachliche Kerngebiete herauskristallisieren. 
Nun drangt sich natürlich sofort die Frage aus: Wie 
kommt es, daß es so große Sprachunterschiede, so starke 
Grenzen innerhalb eines so kleinen Gebietes gibt? Wa 
rum spricht man hier so und dort so? Welche Kräfte sind 
hier am Werke gewesen, die diese Scheiden geschaffen 
4) Das o ist das auf der Karte mit Häkchen versehene, 
offene, dem a nahekommende o. oe ist ein Diphthong, den das 
Hochdeutsche nicht hat. 
OcliLen ogsa: oesa 
laufen. Im Westen schließt sich das Amt Blankenstein 
an, nördlich davon beginnt das Amt Biedenkopf, daran 
östlich schließt sich das Amt Wetter. Das Amt Marburg 
ist in seinem nördlichen Teil unausgeglichen. Trefflich 
hebt sich das katholische, ehemals mainzische Amt Amö 
neburg ab. In ihm liegt das Amt Kirchhain, das trotz 
des konfessionellen Unterschiedes mundartlich größtenteils 
in der Umgebung ausgegangen ist. Vor allem zeigt es 
sich im Süden, daß die alten Amtsgrenzen die Mund 
artgrenzen tragen. Jene sind stärker als die Landes- 
grcnze zwischen Hessen-Nassau und Oberhessen, denn wo 
diese von der Grenze des Amtes Marburg abweicht, 
bleibt die Sprachgrenze zurück- sie folgt der Amtsgrenze. 
Sehr auffallend ist, daß die Ämtergrenzen in dem Hessen - 
darmstädtischen Gebietsteil frei von Sprachscheiden sind. 
Ob dies auch weiter südlich der Fall ist und warum das 
hier so ist, kann erst entschieden werden, wenn das südlich 
anstoßende Gebiet untersucht ist. 
Nicht immer aber sind die Amtsgrenzen die Träger
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.