Full text: Hessenland (49.1938)

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Die besondere Form des Schmuckwerkes an dem Hause 
Nr. 45 in Amönau, nämlich mit genau dem Kettenband 
der Türe Abb. 40, gerahmt von Zwei Reihen scharf ge 
schnittener, rot und gelb bemalter, kleine Scheiben bil 
dender Kreise (je zwei ineinander), hat diesem Hause den 
Namen „Dukatenhaus" eingetragen. Die Erzählung der 
Geschichte dieses Hauses durch einen Nachbarn ist ein 
Gegenstück zu der früher erwähnten Ausspinnung von 
der Fertigung der Zimmertüre in Aßmannsmühle in 
Gönnern (Abb. 31): 
zur Erinnerung seien die unheilvollen Dukaten an die 
Balken geschnitzt worden. 
Man sieht auch hier wiederum, wie künstlerische For 
men die Phantasie der Landlcute in Bewegung setzen — 
oder sollte das Ornament auf eine tatsächliche Bege 
benheit Bezug nehmen? Jedenfalls macht die Überein 
stimmung des „Kettenbandes" auf den Balken mit dem 
gleichen Motiv der Türe Abb. 40 wahrscheinlich, daß 
unser Meister diese Balken geschnitzt hat. Danach wären 
dann nicht die Zimmerleute, sondern die Schreiner die 
Abb. 39 Schrank aus Dernbach. Museum der Universität 
Das Haus sei in alter Zeit Wirtshaus gewesen, als 
eines Abends zwei aus dem Kriege kommende wilde 
Soldaten dort eingekehrt und sich von Speise und Trank 
das Beste bestellt hätten. Dabei hätten sie nun durch das 
Klappern und Klingeln von Dukaten in ihren Taschen 
die Geldgier der Wirtin so gewaltig gereizt, daß diese 
beschloß, die beiden Gesellen umzubringen, um sich ihres 
Geldes zu bemächtigen. Sie habe ihnen siedendes Ol in 
den Hals gegossen. Dann aber habe sie plötzlich den einen 
der Toten als ihren seit Jahren im Kriege verschollenen 
Sohn erkannt und sich in Verzweiflung in den Brunnen 
gestürzt. Ihr Mann habe sich in der benachbarten 
Scheune, dort, wo jetzt sein, des Erzählers, Haus stehe, 
erhängt. Seitdem heiße das Haus „Dukatenhaus" und 
Hersteller des Balkenschmuckes an Fachwerkhäusern. Wir 
werden später noch öfters Gelegenheit haben, auf diese 
Fragen zurückzukommen. 
Oer hier vorgelegte Ausbau der Arbeiten des Mei 
sters der Schränke erschöpft gewiß bei weitem noch nicht 
dessen Lebenswerk. Es lassen sich z. B. noch ein Schrank 
in Wolfgruben bei Biedenkopf, der die Zugehörigkeit zu 
der Truhe Abb. 16 unterstreicht, und vor allem noch eine 
reichgebildete Treppe in Eckelshausen, ein Gegenstück zu 
der Treppe Abb. 18, ein Wandschränkchen in Eckels 
hausen und weiter ebendort zwei mit eingeschnittener 
Schrift und Nitzornament ausgestattete Stalltüren als 
ihm nahestehend nachweisen. Unser Begriff über die 
Spannweite der Phantasie dieses Meisters hat aber doch
	        
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