Full text: Hessenland (47.1936)

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Ein Zivilprozeß des Klosters Kappel gegen Treysaer Bürger. 
Von Dr. jur. E w o l d t , Landsberg a. d. W. 
Bei der Untersuchung der Tätigkeit der archi- 
diakonalen Officiale (geistliche Richter i. Instanz) 
in Hessen fanden sich sechs interessante Urkunden 
aus der Zeit kurz vor der Reformation, die hinein 
leuchten in den Kampf der weltlichen Gerichte ge 
gen die geistlichen. Nach dem Schiedsspruch Diet 
rich von 2 )senburgs (1424) zwischen dem Land 
grafen von Hessen und dem Erzbischof von Mainz 
sollte die Geistlichkeit in der Propstei Fritzlar ihre 
Zinszahler, nach dem Ausbleiben der Zinsen, mah 
nen dürfen. Geschähe die Bezahlung dann nicht 
binnen 14 Tagen, so dürften sie ihre Zinsen und 
Einkünfte geistlich (durch den geistlichen Richter 
oder einen für den besonderen Fall beauftragten 
Geistlichen) einfordern. 
Am 15. November i499 befiehlt in einer Ur 
kunde des Klosters Kappel (Spießkappel) Wigand 
Goßwin, der Dekan des Kollegiatstiftes zu Fritzlar, 
als Richter und Erhalter des Klosters Kappel, daß 
Henne Merren von Treysa nach Fritzlar geladen 
werden solle. 
Am 27. November desselben Jahres hat der 
päpstliche Beauftragte, Wigand Goßwin, Dekan 
des St. Peteröstiftes zu Fritzlar, den Pfarrern in 
Treysa, Erxdorf, Nassenerfurth, Wasenberg, 
Hundshausen, Dorheim, Gombeth und Großen 
Englis befohlen, die im Schreiben angegebenen Per 
sonen zur Bezahlung der dem Mönchskloster 
Kappel schuldig gebliebenen Zinsen anzuhalten. 
Einer Urkunde vom 27. Marz 1501 zu Folge 
ist der Treysaer Bürger Henne Merren vom 
Richter in Fritzlar durch geistlichen Rechtöspruch 
znr Zahlung verurteilt worden und legt bei der 
höchsten geistlichen Instanz, beim Papste, Berufung 
ein, um zunächst für ein Jahr die Rechtskraft des 
Urteils und die drohende Excommunication hinaus 
zu schieben. Für die Berufung an eine höhere In 
stanz mußte aber der Verurteilte von seinem geist 
lichen Richter einen Apostel erbitten, ein den zn 
übersendenden Akten beigefügtes Entlassungsschrei 
ben. Der Wortlaut dieses Berufungsschreibens, 
welches von einem öffentlichen Nuotar verfaßt ist, 
der noch in demselben Jahre als Bürgermeister von 
Treysa erwähnt wird, ist folgender: 
Im Namen Gottes. Amen. Im Jahre seiner 
Menschwerdung 1501, in der IV Indictio der 
Amtszeit und im 9. Jahre unseres, in Christo, 
Vaters und Herrn, Herrn Alexander VI, von 
Gottes Gnaden Papstes, am 27. März in der 
dritten Stunde (etwa 8 —9 Uhr) in der zur 
Mainzer Diöcsse gehörenden Stadt Treysa. In 
meinem, des unterschriebenen öffentlichen Notars 
Wohnhause und in Gegenwart der unten ge 
nannten Zeugen und des persönlich bestellten, be 
glaubigten Anwalts des ehrsamen Mannes Henne 
Merren erscheint der Bürger von Treysa mit 
einem Papierstreifen in der Hand, der die unten 
verzeichnete Berufung enthält, er hinterlegte dort 
die Berufung und ließ sie mit lauter, vernehm 
licher und volltönender Stimme verlesen, legte nach 
Form und Inhalt des Berufungsschreibens Beru 
fung ein und verlangte die Aposteln (Entlassungs 
schreiben des bisherigen Richters). Er tat das 
Übrige, wie es im TOortlaut dieser Berufung 
Wort für TLort steht. Und so stand er vor Euch, 
Herr Richter. Ich als beglaubigter Anwalt des 
Henne Merren, Bürgers zu Treysa, behaupte, 
als Vertreter des Beklagten, in der Absicht Beru 
fung einzulegen, und erkläre, daß Ihr in dem Pro 
zeß, welcher zwischen dem ehrwürdigen Vater, dem 
Abt des Klosters in Kappel, als Kläger, einerseits 
und Henne Murren, als Angeklagten, über den 
Streitgegenstand — Schuld — auf der anderen 
Seite, im Gericht vor Euch geführt wurde, das 
Endurteil gegen mich und für meinen Gegner ge 
fällt habt. Ich lehne Euer angebliches Urteil, 
wenn es den Namen eines Urteils verdient, als un 
gerecht ab, weil es meinem Gegner zu Gute ge 
kommen ist. Deshalb lege ich gegen dieses angeb 
liche Urteil als unbillig und ungerecht, unbeschadet 
seiner Nichtigkeit, in diesem Schreiben Berufung 
ein an den apostolischen Stuhl und den heiligen 
Vater in Christo unsern Herrn, den Herrn 
Alexander, von Gottes Gnaden VI. Papst, und 
bitte, zum ersten, zweiten und dritten Mal, mir 
mit der dringenden Bitte um Rechtsschutz Aposteln 
zu geben. Ich vertraue genannten Beklagten 
Henne der Gunst und dem Schutz unseres ge 
nannten heiligen Herrn und seines heiligen 
Stuhls an. 
Ich erkläre, daß ich die Berufung verbessern, 
ändern, erneuern, etwas einfügen und ausführen 
will gegen dieses Urteil, wie es mir gut scheint, so 
weit es recht und üblich sein wird und ist, sowohl 
gegen Alles als auch Einzelnes. 
Der oben erwähnte Anwalt hat mich, öffent 
lichen Notar, inständig gebeten ihm ein oder 
mehrere öffentliche Schriftstücke anzufertigen. 
Dies ist verhandelt im Jahr, in der Indiction, 
am Monatstag, zur Stunde und am Ort, wie 
oben erwähnt, in Gegenwart der sehr geehrten 
Männer, Henne Fischer, Henne Kanngießer, die 
besonders geladen und gebeten waren.
	        

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