Full text: Hessenland (47.1936)

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So glänzende und verführerische Aussichten 
veranlaßten endlich die fürstliche Hofkammer, daß 
sie mit vielen Kosten sogleich ein großes massives 
Faktoriehaus nebst den übrigen zu einem Eisen 
werk gehörigen Gebäuden errichten ließ. Zuerst 
wurde die Anstalt auf Kammerrechnung betrieben; 
da hierbei mit der Zeit kein Vorteil herauszukom 
men schien, so wurde sie nachher in Bestand über 
lassen; und zuletzt, nachdem alle Hoffnung eines 
Gewmnstes verschwunden war, ganz aufgegeben. 
Von der Zeit der Verwaltung erzählt man sich in 
der Gegend viele eben nicht erbauliche Anekdoten, 
und man wundert sich dann nicht mehr iiber den 
Verfall einer Anstalt, die so schöne Aussichten ge 
öffnet hatte. 
1789 wurde das schöne Faktoriehaus samt den 
eingemauerten Ofen, der Eisenhammer samt den 
Rädern, und alle dazu gehörigen Gebäude, Fel 
der und Wiesen, welche diesseits der Sinn auf der 
Seite von Oberbach liegen, dem Papiermüller 
TFilhelm Nlartin um 4000 Gulden verkauft. 
Dieser behielt die Wohnung des ehemaligen Fak 
tors, verwendete den Eisenhammer zu einer Pa 
piermühle, und hat jetzt gute Nahrung." 
Der Würzburger Fürstabt hatte sich also durch 
den Fehlschlag bei der Errichtung des „Stahl"- 
werkes nicht entmutigen lasten. Sein Eisenwerk 
mußte aber das Schicksal des fuldischen teilen. 
Die Papiermühle bestand in mehreren Ge 
schlechterfolgen l2o Jahre lang, bis sie der be 
ginnenden Industrialisierung Deutschlands wei 
chen mußte. Der Hof jedoch, auf dem das 
Eisenwerk und später die Papiermühle betrie 
ben wurden, besteht noch als Einzelhof. Er liegt 
in dem romantischen Sinntale zwischen Oberbach 
und Oberriedenberg. Alle Kurgäste von Bad 
Brückenau werden schon an ihm vorbei gewandert 
sein. Er führt heute noch den Namen Neu- 
friedrichsthal, den er zu Ehren des damaligen 
Fürstbischofs Adam Friedrich erhalten hat. 
Trotz dieser offenkundigen Mißerfolge rettete sich 
die Hoffnung, den Eisenbergbau in der Rhön be 
leben zu können, auch in die preußische Zeit her 
über. Man hat inzwischen die Rhön nach ihrer 
geologisch-mineralogischen Seite bester kennen ge 
lernt und dabei erfahren, daß sich noch an ver 
schiedenen anderen, bisher wenig beachteten Stel 
len Eisenerze finden. Diese mußten natürlich in 
der Gründerzeit, als die Anzeichen eines beginnen 
den starken Auftriebes der deutschen Industrie be 
reits sichtbar in die Erscheinung traten, dazu rei 
zen, sich diese Eisenerzvorkommen für eine vielleicht 
später möglich werdende Ausbeutung zu sichern. 
Es war Kommerzienrat B. Müller, der Vater 
unseres vor drei Jahren verstorbenen Parlamen 
tariers Richard Müller, der sich das MutungS- 
recht sicherte. 1874 erhielt B. Müller von dem 
Königl. Oberbergamt in Clausthal das Mutungs- 
recht über einen Flächenraum von nicht weniger 
als 24 000 000 qm oder 24 qkm. Bei Jo- 
hannesberg bei Fulda hatte er sich das Recht der 
Ausbeutung der dort in einer Ouelle zu Tage tre 
tenden Sole erworben. Das Recht der Ausbeu 
tung erstreckte sich ferner auf die Braunkohlenlager 
der Rhön u. z. die Lager bei Geröfeld, Hilders, 
Wüstensachsen, Tann und Rückers bei Flieden. 
Vor allem aber besaß er das Ausbeutungörecht 
auf Eisen, deren beabsichtigte Gruben bereits Na 
men erhalten hatten. Er hatte das Recht der Aus 
beutung der Eisengrube „Sandberg" in den Ge 
meinden Sandberg, Gersfeld und Mosbach, 
„Feldbach" in den Gemeinden Oberhausen, Sand 
berg und Wüstensachsen, „Südpol" in den Ge 
meinden Gersfeld und Mosbach und „Stellberg" 
in den Gemeinden Thalau, Schmalnau und Gie- 
chenbach. Aber alle diese schönen Pläne konnten 
nicht zur Wirklichkeit werden. Der Eisenbedarf 
ging infolge Deutschlands stürmischer Aufwärts 
entwickelung derart rapide in die Höhe, daß diese 
geringen Eisenerzmengen gar nicht mehr in Frage 
kommen konnten. Damit wird der ehemalige 
Eisentraum in der Rhön endgültig ausgeträumt 
sein. 
Literatur: 
I. C. W. Voigt, Mineralog. Beschreibung des 
Hochstiftes Fulda, Leipzig 178z. 
Stumpf, Topographie des fürstl.-würzburgischen 
Amtes Bischofsheim, Würzburg 1796. 
F. A. Jägers Briefe über die hohe Rhone Fran 
kens, Arnstadt und Rudolstadt i8oz. 
Jos. Schneider, Naturhistorische Beschreibung des 
diesseitigen hohen Rhöngebirges, Frankfurt 1816. 
Bücking Geologischer Führer durch die Rhön, Ber 
lin 1916. 
E. 0. Seyfried, Geognostische Beschreibung des 
Kreuzberges, Geolog. Landesanstalt XVII, 1896. 
Ausgabe der „Fuldaer Zeitung" aus dem Jahre 1874. 
Dieser Nummer des Pessenlandes liegt eine Za hl Karte bei. lvir bitten diese für Einsen 
dung des Vezugsgeldes für 1936, 4.00 ITT. (resp. 3.60 ITT.für Mitglieder des Geschichts 
vereins) zu benutzen, lvir rechnen mit dem baldigen Eingang des Vezugsgeldes für 1936. 
Zahlungen für „stessenland" sind zu leisten auf Postscheckkonto: „Dberhess. Zeitung", Marburg Konto 5015 Frkfrt./M
	        

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