Full text: Hessenland (46.1935)

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Familie nach dem Tode des Vaters 1796 gezogen 
war. Nach der Kasseler Gymnasiasten- und Mar- 
burger Studentenzeit wurden sie in Kassel Biblio 
thekare an der Bibliothek, der heutigen Landeö- 
bibliothek, von 1829 ab folgen die sieben Jahre in 
Göttingen, dann nach der Maßregelung der Göt 
tinger Sieben durch den König von Hannover ein 
kurzer Aufenthalt in Kassel und seit 1840 oder 
1841 das Leben in Berlin, wo Wilhelm vier 
^ Jahre vor dem Bruder am 16. Dezember 1859, 
Jacob selbst am 20. September 1863 gestorben 
ist. Eine ganz wunderschöne Schilderung ihres 
Lebens gibt Herman Grimm, Wilhelms Sohn, 
in seinen Aufzeichnungen „Die Brüder Grimm 
und die Kinder- und Hausmärchen"; sie sind 1897 
in seinen „Beiträgen zur Deutschen Kulturge 
schichte" erschienen, und ich kann sie jedem aufs 
Angelegentlichste zu lesen empfehlen. Wie sehr 
die Heimat Hessen den Brüdern und der ganzen 
Familie im Blut und am Herzen lag, mag aus 
den Worten Herman Grimms herausklingen, die 
ich wörtlich hier anführe: „Ich selbst habe nur die 
wenigen Jahre in Hessen gelebt, als wir Göttin- 
gen verlassen mußten und nach Kassel zurückkehr 
ten, bis dann die Berufung nach Berlin kam, — 
nie aber ist das Gefühl in mir schwächer gewor 
den, daß ich in Hessen zu Hause sei, und nirgends 
erscheinen mir Berg und Tal und die Aussicht 
ins Weite so schön. Ich meine, eine andere Luft 
dort zu atmen. Meine Mutter sprach immer im 
hessischen Dialekt. Dieser hestische Accent hat für 
mich etwas Entzückendes. Aus den Märchen 
scheint er mir herauszuklingen, auf allem, was 
Jacob und Wilhelm schrieben, liegt er für mein 
Gefühl. Immer blieb die Fulda für uns ein Fluß 
von Bedeutung und Karl Altmiillers schönes Ge 
dicht darauf rührte meine Mutter zu Tränen." 
Die Kinder- und Hausmärchen sind 1812 zum 
ersten Male herausgekommen. Über deren Ent 
stehung und Formung gibt Herman Grimm sehr 
merkwürdige Aufschlüsse, die zeigen, „wieviel so 
wohl auswählende als zusammenfassende und redi 
gierende Arbeit nötig war, um diejenige Form der 
Märchen zu finden, in welcher die Kinder- und 
Hanömärchen heute zu einer Sammlung geworden 
sind, welche dem Geiste des deutschen Volkes fertig 
entsprungen zu sein scheint". — Bei dieser Ge 
legenheit weise ich darauf hin, daß wir in der 
neuerlich wieder herausgekommenen Ausgabe der 
UUärchen mit den Bildern Otto Ubbelohdes, die 
völlig aus dem hessischen Landschafts- und Volks 
charakter erwachsen sind nnd eine wunderbare 
gleichartige Ergänzung deö Veortes bilden, ein un 
vergleichlich volkstümliches Werk besitzen, das 
wirklich jede hessische Familie zu eigen haben 
müßte. — Den Märchen folgten 1816—18 die 
Deutschen Sagen. 1828 kamen die Deutschen 
Rechtsaltertümer, 1619—1837 aber als vollen 
detstes nnd niemals veraltendes Werk die Deutsche 
Grammatik in vier Bänden, seit 1832 erschien 
das Deutsche Wörterbuch, die großartige Arbeit, 
deren Vollendung nun endlich in absehbarer Zeit 
erwartet werden kann. Wenn Ernst Heymann 
bei der Festsitzung der Preußischen Akademie der 
Wissenschaften in Berlin am 3. Januar von 
Jacob Grimm sagte, „er habe init seinem Bruder 
den Wnndcrban deutscher Altertumskunde in eng 
ster Verbundenheit mit dem deutschen Volkstum 
errichtet und ihn zu einem Heiligtum des deut 
schen Volkes gemacht", so ist dadurch mit wenigen 
Worten die Hauptsache gesagt. — Wie die bei 
den Brüder, von denen Jacob wissenschaftlich bei 
weitem der Größere war, gemeinsam gearbeitet 
haben, was dem einen, was dem anderen in der 
Hauptsache an Arbeit und Erfolgen zufiel, kann 
hier nicht dargelegt werden. Wilhelm Scherer, 
der Jacob Grimm als den „Anfang nnd das 
Haupt der deutschen Altertumsforschung" bezeich 
net, „in Geist, Gesinnung, Leistung ein Stolz der 
dentschen Gelehrtenwelt für alle Zeiten", hat bei 
einer Rede znm 100. Geburtstag Jacobs 1883 
versucht, die beiden Briider in ihrer Zusammen 
arbeit zu schildern: „Jacob war der feurige, vor 
dringende, Wilhelm der sich Unterordnende; Jacob 
der nnermüvliche, heftig kühn vordringende, in ein 
samer Arbeit am glücklichsten, Wilhelm der glück 
lichen Geselligkeit geneigt. Jacob verband den 
feurigen Mut mit der Begierde eines genialen 
Entdeckers, Wilhelm trieb die Wissenschaft mit 
Ruhe und geduldiger Sammlung und wußte dag 
so Gewonnene wohl geordnet mitzuteilen. Jacob 
hat ein nenes Reich gegründet. Wilhelm half es 
befestigen." 
Wie sie sich ihr ganzes Leben als eine fast ein 
heitliche Persönlichkeit, menschlich und wissenschaft 
lich, gefühlt haben, so bleiben sie für Deutschland 
immer das liebenswerte Paar der Brüder Grimm. 
Wilhelms Sohn war H e r m a n Grimm, 
der sich selber wohl gelegentlich im Scherz als 
Sohn der Brüder Grimm bezeichnete. Herman 
war nun nicht nur der Sohn aus dem Hause 
Grimm, sondern auch der Sohn seiner Mutter. 
Und es reizt wohl, des großen Kunsthistorikers 
und bedeutenden Dichters, des Verfassers der be 
rühmten Werke über Michelangelo und Goethe, 
Ahnen kennen zu lernen und die Duellen aufzu 
suchen, die den wunderbaren ruhigen und breiten 
Strom eines Lebens wie das dieses außergewöhn 
lichen feinsinnigen Menschen zustande gebracht 
haben. Herman Grimm hat steh, wie Vater und
        

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