Full text: Hessenland (46.1935)

beiden Abschnitte im Anhang zu der im Phaidon- 
Verlag Ende 1933 erschienenen Neuausgabe von 
Iustis Velazquez. Dort gibt sein Iceffe, Pro 
fessor Dr. Karl Iusti in (Marburg (auf Seite 
772—780) sehr lebensvolle und wertvolle Erin 
nerungen an seinen Oheim, und im Anschluß dar 
an kann man eine von Herzen kommende ein 
gehende Würdigung des großen Gelehrten ans der 
Feder von Wilhelm Waezoldt lesen, deren Schluß 
die große geistesgeschichtliche Trilogie der 3 Haupt 
werke Iustis, des Winckelmann, Velazquez und 
Michelangelo, behandelt. 
Karl und Ludwig Iusti waren unverheiratet, 
der Stamm der Familie, die Tradition des Ge 
lehrtengeschlechts, die Begebung und die Fähig 
keit der Iusti blühten weiter in Ferdinand Iustis 
Söhnen und Enkeln. Der hervorragende Arzt 
und Gelehrte Karl Iusti in Marburg, von dem, 
wie schon eben gesagt, die ausgezeichneten Erinne 
rungen an den gleichnamigen großen Oheim her 
rühren, hat seine großen naturwissenschaftlichen 
Interessen und Kenntnisse auf den Sohn, der als 
Physiker in Berlin an der Reichöanstalt wirkt, 
weitergegeben, während die Tochter, ein Sprach 
genie, auf den Spuren des Großvaters wandelt 
und ganz in ven Geheimnissen der vergleichenden 
Sprachwissenschaft aufgeht. Karls Bruder, Lud 
wig Iusti, der geistige Erbe des Oheims in 
Bonn, hat zuerst als Direktor der Städel'schen 
Galerie in Frankfurt vorgestaüden, dann viele 
Jahre lang die Nationalgalerie in Berlin betreut. 
Sein Werk über Giorgione wird immer lebendig 
und wertvoll bleiben. Seine Verdienste um das 
Kunstleben und die Entwicklung der Kunstsamm 
lungen in der Reichshauptstadt find sehr groß; es 
bedeutet einen schweren Verlust, für die deutsche 
Kunstwissenschaft wie für das Musenmöwesen, 
daß Iusti zur Zeit auf ein totes Geleis geschoben 
ist. Es ist zu hoffen und zu wünschen, daß er 
wieder in das tätige Räderwerk eingeschaltet wird. 
Ntit Fug und Recht folgt nun hier d i e hes 
sische Familie, deren Namen ganz allgemein als 
der der gelehrtesten Familie nicht nur unserer enge 
ren hessischen Heimat gilt. Der Name Grimm 
geht jetzt eben wieder iiberall durch die deutsche 
Presse. Denn am 4. Januar waren es 130 Jahre, 
daß Jacob Grimm dem deutschen Volk ge 
schenkt worden ist, und am 16. Dezember vor 
75 Jahren hat sein jüngerer Bruder W i l h e l m 
Grimm in Berlin die Augen geschlossen. Die 
Grimm haben sehr viel Gemeinsames mit den 
Iusti, es ist, wenn ich das sagen darf, das ihnen 
beiden angeborene eigentliche Hessische, das so viele 
wesensähnliche und verwandte Züge in Männern 
wie dem Brüderpaar Karl und Ferdinand Insti 
und den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm 
erkennen läßt. Die Liebe, die sich in allen ihren 
Arbeiten zeigt, die Treue und Gewissenhaftigkeit, 
der ungeheure Fleiß, die Bescheidenheit und die 
,,Andacht zum Kleinen", das fast schmerzliche Hei 
matgefühl, das jeder Hesse hat, namentlich wenn 
er in der Fremde, im „Elend", zu leben gezwun 
gen ist, sie sind auch bei den Grimm im höchsten 
Maße zu sehen, dabei aber als Grnndgefühl eine 
heiße Liebe zu Deutschland, die ihren Ausdruck in 
allem gefunden hat, was sie gesammelt, geschrieben 
und gearbeitet haben. Auf diesen Charaktereigen 
schaften beruht die unvergleichliche Volkstümlich- 
keit, eine wahre Liebe, die wie vor 100 Jahren so 
noch heute überall im deutschen Volke zu spüren 
ist, wenn die Rede auf die Brüder Grimm kommt. 
Der Gelehrte Jacob Grimm oder der Gelehrte 
Wilhelm Grimm sind nur einer verhältnismäßig 
dünnen Oberschicht des Volkes bekannt, aber die 
nicht zu trennenden Brüder Grimm, die ihrem 
Volke die Grimmschen Märchen geschenkt haben, 
die kennt jedes Kind und jeder einfache Mann. 
Diese Art, im Volke und mit dem Volke zu 
leben, zu fühlen nnd zu denken, die Volksgemein 
schaft, wie man heute sagt, ist keine neue Erfin 
dung des dritten Reiches, sondern der Führer hat 
das, was noch zur Zeit unserer Groß- und Ur 
großväter ganz selbstverständlich war, namentlich 
hier in Hessen, wieder zum Leben geweckt, nach 
dem es seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhun 
derts vielfach überwuchert und eingeschlafen war. 
— Grimms sind nun von Vaters Seite her dem 
Stamme nach eigentlich gar keine richtigen Hes 
sen, sondern Hanauer, d. h. ihre engere Heimat ist 
erst vor knapp 200 Jahren, 1736, dem hessischen 
Stammland angegliedert worden. Aber sie ge 
hörten zu einer Beamtenfamilie, die mit größter 
Anhänglichkeit und Treue am hessischen Fürsten 
hause hing nnd völlig im Hessischen aufgegangen 
war, und sie fühlten so hessisch, wie nur je ein 
Hesse fühlen konnte. Stammte doch auch ihre 
1755 in Kassel geborene Mutter aus dem Kern- 
land des alten Hessen, aus dem Knüll. Ich 
komme nachher noch einmal auf die Abstammung 
der Grimm zurück. — Die Laufbahn der beiden 
Brüder, die ihr ganzes Leben lang unzertrennlich 
von einander waren, ist allgemein bekannt, ich 
brauche ihr Leben nicht noch einmal vorzuführen 
oder kann mich wenigstens auf das Notdiirftigste 
beschränken. Jacob ist in Hanau am 4- Januar 
1783, Wilhelm am 24. Februar 1786 geboren. 
Die Kindheit verbrachten sie in Steinau, wo der 
Vater als Amtmann saß, die Jugend aber und 
überhaupt die schönste und fruchtbarste Zeit ihres 
Lebens in Kassel, wohin die Mutter mit der 
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