Full text: Hessenland (46.1935)

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zwei von ihm herausgegebenen Sammlungen, den 
„hessischen Denkwürdigkeiten" in fünf Bänden 
und dem Jahrbuch ,,die Vorzeit" in neun Bän 
den. Ein großes Verdienst erwarb er sich mit der 
Herausgabe der letzten Bände (i6u. 19) von 
Strieders Hessischer Gelehrtengeschichte. 
Zu seiner Charakteristik, die hier nicht weiter 
ausgesponnen werden kann, mag nur noch hinzu 
gefügt werden, daß er keineswegs orthodox unduld 
sam war, wenn er auch leider, was dem zu wider 
sprechen scheint, die sich vor wenig mehr als 100 
Jahren anbahnende Vereinigung der beiden evan 
gelischen Konfessionen durch seinen Einspruch ver 
hindert hat, — ferner, daß er zeitlebens ein leiden 
schaftlicher deutscher Patriot und damit ein er 
bitterter Feind Napoleons und der Franzosen ge 
wesen ist. Wir besitzen eine ausführliche Selbst 
biographie von ihm, dazu eine Lebensbeschreibung 
ans der Feder seines Enkels Ferdinand Justi. 
Aus diesen beiden Schriften kann man sich an der 
Hand der vielen erhaltenen Zeugnisse seiner Tätig 
keit ein gutes Bild von ihm machen, das wohl zu 
dem in der Familie Justi erhaltenen Dlgemälde 
stimmt. „Gesättigt von dem feinen, freien und 
großen Geiste des 16. Jahrhunderts lebte er allem, 
was den Nkenschen erhebt und befreit." Diese 
Charakteristik v. Sybels in wenigen Werten 
kennzeichnet ihn aufs Treffendste. 
Karl VUlhelms Sohn LDilhelm (1801 bis 
1876), der eigentlich die Forstlaufbahn hatte ein 
schlagen wollen, mußte nach dem Willen des Va 
ters wieder Geistlicher werden und hat als Pfar 
rer an der lutherischen Pfarrkirche seiner Heimat 
stadt in schlichter Pflichterfüllung sein Leben ver 
bracht. Ans seiner Ehe mit Friederike Ruppers- 
berg aus einer geistig hochstehenden alten Mmr- 
burger Familie erwuchsen außer einer Tochter drei 
Söhne, die jeder in seiner Art weit über dem 
Durchschnitt standen, am wenigsten noch der 
jüngste, Ludwig, der als vielbeschäftigter Arzt in 
hohem Alter 1920 in Marburg gestorben ist und 
dessen mit Witz und genauester Beobachtungsgabe 
gepaartes Zeichentalent und Zeichenfreudigkeit uns 
in seinen Skizzenbüchern ein unvergleichliches Bild 
der Kultur des Spießertums wie des akademischen 
Lebens einer hessischen Universitätsstadt der zweiten 
Hälfte des 19. Jahrhunderts hinterlassen hat. 
Der mittlere Bruder Ferdinand Justi 
(1837 —1907), eigentlich Germanist, dann ein 
Hanptvertreter der vergleichenden Sprachwissen 
schaft, seit 1863 außerordentlicher, seit 1869 
ordentlicher Professor der vergleichenden Gramma 
tik und germanischen Philologie, ein Gelehrter 
allerersten Ranges, dazu von deutscher Bescheiden 
heit und einer anheimelnden Freundlichkeit und 
Liebenswürdigkeit gegen Alt und Jung, gegen die 
Volksgenossen auf dem Dorfe, die ihn alle ver 
ehrten, vielleicht noch mehr als gegen die in der 
Stadt, bei denen er, namentlich in den Kreisen 
der Universität, doch so manches Menschliche fand, 
das ihm nicht lag, war das Urbild des deutschen 
Professors hessischer Färbung, der keinem Ruf an 
eine andere Universitätsstadt folgte, weil er eben 
bodenständig war und aus dem ihm so vertrauten 
heimatlichen Boden immer neue Kraft zog. Seine 
außergewöhnlichen Leistungen auf dem Gebiete von 
Sprache, Geschichte, Kunst und Kultur der orien 
talischen Völker kann ich hier nur streifen. Bak- 
trisch, Iranisch, Indisch, Altmedisch, Alt- und 
Neupersisch, Sanskrit waren seine Hauptvor- 
lesungen, daneben las er über vergleichende Gram 
matik der indogermanischen Sprachen, alle Zweige 
der Germanistik, Geschichte der orientalischen Völ 
ker. LDenn sein Andenken in der internationalen 
Gelehrtenwelt wegen seiner großartigen wissen 
schaftlichen Leistungen nicht erlöschen wird, so 
bleibt die Erinnerung an den liebenswürdigen fei 
nen Menschen in seiner hessischen Heimat viel 
leicht noch länger durch sein völliges Verwachsen 
sein mit dem Hefsenland, von dem und seinen Be 
wohnern sein kunstreicher Zeichenstift uns Hun 
derte von sehr reizvollen und schönen Bildern ge 
schenkt hat. Seine Trachtenbilder, denen er einen 
ganz ausgezeichneten Text beigab, find eine der 
wertvollsten und wichtigsten Duellen für die Ge 
schichte der Tracht in Hessen, die in den letzten 
30 Jahren mehr und mehr abbröckelt und ver 
wässert wird, sodaß man mit ihrem völligen Ab 
sterben in absehbarer Zeit zu rechnen hat. 
Und nun der älteste Bruder, Karl Justi 
(1832—1912). Sein Ruf ist weit erklungen. 
Sein Name wird in Hessen und in Deutschland 
nicht verklingen, wie er auch in Spanien und 
Italien und in der ganzen wissenschaftlichen Welt 
immer lebendig bleiben muß. Er hat Theologie 
studiert, habilitierte sich 1860 für Philosophie, kam 
von da zur Archäologie und Kunstgeschichte, wofür 
er 1867 eine außerordentliche, 1869 eine ordent 
liche Professur erhielt, war von 1871 —1872 als 
Professor der Philosophie in Kiel tätig und dann 
von 1872 ab bis zu seiner Emeritierung 1901 
ordentlicher Professor der neueren Kunstgeschichte 
an der Universität Bonn. Dort ist er 1912 ge 
storben, seine sterblichen Reste ruhen hier in Mar- 
burg neben Eltern und Geschwistern. VKr eine 
kurze Übersicht über sein Leben und eine Würdi 
gung sowohl seiner Persönlichkeit wie seiner Be 
deutung als Gelehrter haben will, lese die Charak 
teristik in der Rede, die Professor Marx in Bonn 
1912 bei der Tranerfeier gehalten hat, oder die
        

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