Full text: Hessenland (46.1935)

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zogen worden. Selbst wenn man diese Definition 
des Wüstungsbegriffes zunächst gelten läßt, find 
eine weitere Anzahl von Schwierigkeiten zu be 
heben. Es entsteht die Frage, wieweit man den 
Wüstungsbegriff auf einstmals bewohnte mensch 
liche Niederlassungen ausdehnen soll. Daß hier 
unter alle ehemaligen Dörfer gehören, steht außer 
Zweifel. Die Meinungen gehen aber sofort aus 
einander, wenn die Berücksichtigung von wüst- 
gewordenen Einzelfiedlungen, z. 23. von Gehöften, 
(Mühlen, Burgen, Klöstern, ehemaligen Glas 
hütten und bergmännischen Betrieböniederlafsun- 
gen usw., zur Diskussion gestellt wird. Darüber 
hinaus find in verschiedenen WüstungSverzeichms- 
sen sogar sämtliche Zeugnisse ehemaliger Sied- 
lnngstätigkeit des (Menschen im weitesten Sinn, 
wie alte Gerichtsstätten, Wegekrenze, Heiligen 
bilder, Wallfahrtskapellen usw., aufgenommen 
worden 3 ). Diese Mehrdeutigkeit in der Auf 
fassung des Wüstungsbegriffes zeigt die Notwen- 
digkeit einer eindeutigen Begriffsumgrenzung. 
Bon dem methodischen Gesichtspunkt ans, die 
gegenwärtig bestehenden und die in früheren Zeiten 
verschwundenen Siedlungen mit dem gleichen wis 
senschaftlichen (Maßstab zu messen, forderte Otto 
Schlüter die Beschränkung des Wüstungsbe 
griffes auf diejenigen heute nicht mehr vorhande 
nen menschlichen Niederlassungen, „bei denen es 
einigermaßen ausgemacht ist, daß fie wirklich auf 
ein altes Dorf und nicht bloß auf ein einzelnes 
Haus, eine Burg oder eine Rodung ohne Nieder 
lassung zurückgehen" 4 * * * ). 
Beschorner 3 ) betonte einer solchen 1km- 
grenzung des Wüstungsbegriffes gegenüber die 
Schwierigkeiten, die damit für die Deutung der 
geschichtlichen Quellen entstehen. Bei dem Man 
gel an Angaben irgendwelcher Art über die Größe 
der Niederlassungen und der für diese Zwecke ge 
ringen Zuverlässigkeit der urkundlichen Siedlungs- 
bezeichnnngen ist eine scharfe Grenzziehung zwi- 
3) Z. 23 . von Wintzingeroda-Knorr, v. 
Die Wüstungen des Eichsfeldes. Gefchichtsqu. d. Prov. 
Sachsen u. angrenz. Geb. 23 d. 4 «. Halle 1903. 
4 ) Schlüter, O. Oie Siedelungen im nordöstli 
chen Thüringen, 23 erlin 7903. 
3) 23 e s ch 0 r n e r , H. Das Wüstungsverzeichnis 
(in: Denkschrift über die Herstellung eines Historischen 
Ortsverzeichnisses für das Königreich Sachsen, S. 73 
bis 23. Dresden 1903). — — Wüstungsoerzeichniste. 
Otsch. Geschichtsbl. VI (1903) S. 1—15. 23 esch 0 r - 
ner hatte diese Fragen bereits früher, jedoch an wenig 
zugänglicher Stelle (Oie Wüstungen und ihre Ent 
stehung: Monatsbeilage d. Dresdener Anzg. v. 16. 
Juni 190H angeschnitten und dort betont, daß eine 
eigentliche Definition des Begriffes Wüstung bis dahin 
kaum gegeben worden war. 
scheu kleinen Dörfern und Einzelfiedlungen, also 
eine Trennung nach Siedlungsgrößen im Sinne 
unserer gegenwärtigen Vorstellungen, garnicht 
immer möglich. Die Vernachlässigung wüster Ein- 
zelstedlungen ergibt aber auch ein unvollständiges 
Bild, das durch die Tatsache, daß in einem Gebiet 
vielleicht einmal mehr Einzelfiedlungen als Dörfer 
eingegangen find, sogar zu völlig falschen Vor 
stellungen über die Siedlungsverhältnifse einer 
Landschaft für einen früheren Zeitraum führen 
muß. Beschorner glaubte diese Unstimmigkei 
ten durch eine begriffliche Trennung in „Wüstun 
gen im engeren Sinn", zu denen er übereinstim 
mend mit Schlüter nur die ehemaligen Dör 
fer rechnete, und in „Wüstungen im weiteren 
Srnn", die die eingegangenen Einzelfiedlungen um 
fassen sollten, überbrücken zu können 3 ). Be 
schorner erkannte jedoch selbst die Kompromiß- 
natur einer solchen begrifflichen Trennung nach 
rein äußerlichen Gesichtspunkten, die nicht iiber die 
Unklarheiten hinweghelfen können, die in der 
(Mannigfaltigkeit der Wüstungserscheinungen 
selbst begründet find, und wie sie dem entgegen 
treten, der die (Wüstungsfrage nicht von den 
Gegenwartsverhältniffen aus lösen sondern die ur 
kundlichen Quellen für die Rekonstruktion eines 
früheren Siedlungsbildes ausschöpfen will. 
Denn noch weniger als die Beschränkung des 
Wüstungsbegriffes auf ehemalige Dörfer ist bei 
einer Auswertung des Quellenmaterials die Forde 
rung zu erfüllen, nur völlig „vom-Erdboden-vec- 
schwundene" dörfliche Wohnpläße als Wüstungen 
zu zählen. Daß dieses Kennzeichen, das man ge 
radezu als das charakteristische Merkmal der 
Wüstung aufgestellt hat, in vielen Fällen nicht 
gegeben war, wo die geschichtlichen Wmstrmgs- 
belege aber einwandfrei vorliegen, zeigt die Un 
haltbarkeit der bisherigen (Wüstungsdefinition am 
deutlichsten. Oft stand und steht noch heute eine 
(Mühle oder ein Gehöft auf der alten Dorfstätte; 
man mußte, wenn auch von dem inneren Wider 
sinn überzeugt, diesen bestehenden Wohnplatz als 
Wüstung bezeichnen. Verschwand dann auch diese 
Rest- oder Zeugenfiedlung, vielleicht erst nach Jahr 
hunderten, so war die Frage, ob man nun von zwei 
Wüstungen sprechen müsse. Oder ging die Ent 
wicklung andere Wege, und die Restfiedlnng wuchs 
durch den Neubau von Siedlern wieder zu einem 
6) Grundsätzliche Einwendungen gegen den Wüstungs- 
begriff im Sinne von Schlüter und Beschorner 
erhebt Weber, D. Die Wüstungen in Württem 
berg, Stuttgart 1927, wo sich Weber besonders ge 
gen die Vernachlässigung und bisherige Bewertung der 
wüsten Einzelsiedlungen wendet.
        

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