Full text: Hessenland (46.1935)

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HeHenlanH 
Zeitschrift für Landes- und Volkskunde,SejchichteLunstundSchriftlumSeffens 
Herausgegeben mit dem Arbeitsring für hessische Heimatforschung an der Universität Marburg von Or. C. H itz er o t h 
Enthaltend zugleich die „Mitteilungen" des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde. 
46. Salirgang. Sekt » 112 Marburg, November/Dezember 1835. 
Stand und Aufgaben der Wüstungsforfchung. 
Das Verdienst, die Wüstungen gewissermaßen 
für die Wissenschaft entdeckt zu haben, kommt dem 
hessischen Archivar Georg Landau zu. Seine 
im Jahre 1858 herausgegebene „Historisch-topo 
graphische Beschreibung der wüsten Ortschaften im 
Kurfürstentum Hessen" 1 ) ist die erste systematische 
Sammlung von Nachrichten über ausgegangene 
Siedlungen, von deren einstiger Existenz nur ur 
kundliche Ouellen und der Volksmund Zeugnis 
geben. Nach Landaus Vorbild entstanden ähn 
liche Wüstungöverzeichnisse für viele andere deut 
sche Gebiete und Landschaften. Sie ergaben die 
eigenartige Tatsache, daß ganz allgemein die heu 
tige Dichte der Siedlungen wesentlich geringer ist 
als im Hochmittelalter am Ende der Landaus- 
banperiode der deutschen Jnnenkolonisation 2 ). Die 
weitere Feststellung, daß eine große Anzahl von 
GiedlungSnamen, die die Urkunden des Mittel- 
alters nennen, zu Beginn der Neuzeit in den 
Ortsregistern des 16. Jahrhunderts nicht mehr 
aufgeführt find, zeigte das gehäufte Auftreten von 
Wüstungen in dem vom beginnenden 13. bis zum 
Anfang des 16. Jahrhunderts begrenzten Zeitab 
schnitt. Wenn auch einzelne Siedlungen zu allen 
Zeiten wieder verschwunden sind, so rückte aber 
durch diese Tatsachen das „Wüstungsphänomen 
des ausgehenden Mittelalters" in den Mittel 
punkt der wissenschaftlichen Diskussion. 
Die Literatur über diesen Gegenstand ist zahl- 
^ 1) Ztschr. d. Ver. f. Hess. Gesch. und Landeskunde, 
Suppl. VII. Kassel 1858. 
2) Vgl. S ch a r l a u , K. Grundzüge der Sied 
lungsgeschichte und Siedlungsgeographie (in: Heimat 
und Arbeit, 1934, Heft 4), Äbb. 4 und 5: Das mit 
telalterliche und heutige Siedlungsbild des Knüllge- 
bicteg. 
Von Kurt Scharlau. 
reich und für den Einzelnen kaum noch übersehbar, 
da sie in vielen Einzuarbeiten sowohl über die Fach 
literatur wie über die heimatkundliche Literatur im 
iveitesten Sinn verstreut ist. Dabei nehmen rein 
stoffliche Sammlungen deö Tatsachenrnaterialö und 
ausführliche Einzeldarstellungen den größten Raum 
ein, während dagegen Arbeiten, die diese Einzel 
forschungen für größere Gebiete zusammenfassen, 
an Zahl weitaus geringer sind und methodische 
Zielsetzungen fast ganz zurücktreten. Hieraus er 
klärt stch, daß die Bearbeitung des Tatsachen- 
inaterials nicht einheitlich nach gleichen Gesichts 
punkten erfolgt ist. Daß diese Notwendigkeit jedoch 
besteht, wird seit langem anerkannt, ohne daß steh 
aber bis heute eine einmütige Auffassung durch 
gesetzt hätte. Es ist in weiten Kreisen der heimat 
lichen Forschung wenig bekannt, daß bereits der 
Begriff Wüstung hinsichtlich feiner Begriffs- 
nmgrenzung und seines Begriffsinhaltes eine An 
zahl von Fragen in sich schließt, über die zunächst 
gesprochen werden soll. 
Die in der Literatur fast ausschließlich ver 
tretene Ansicht versteht unter Wüstung die Stelle 
einer ehemals vorhandenen und später von ihren 
Bewohnern verlassenen Siedlung. Genau genom 
men meint man aber nur den ehemaligen Wohn- 
platz einer Siedlung; Landau spricht auch folge 
richtig noch von „wüsten Ortschaften". In glei 
cher Weise wie man aber den Begriff „Sied 
lung", unter dem man die Einheit von Wohn- 
platz und Wirtschaftsfläche zu verstehen hat, nicht 
immer eindeutig anwendet und meist nur mit dem 
Wirtschaftözentrum, der Wohnstätte der die Flur 
bestellenden Bauern, gleichsetzt, ist nun die Be 
zeichnung „Wüstung" auf solche „Siedlungen" be-
        

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