Full text: Hessenland (46.1935)

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Sohnes Herman, bei einer ganzen Anzahl von 
Märchen Anmerkungen wie „Dortchen im Gar 
ten", „Dortchen am Ofen im Gartenhaus" mit 
den Tagen, an denen sie erzählt worden waren, die 
ersten stammen aus dem Herbst i8n, damals war 
Dortchen 16, Wilhelm 23 Jahre alt, aber auch 
noch im Jahre 1813 hat sie ihm Märchen er 
zählt, und erst im Herbst 1814 hat Wilhelm die 
Frau Viehmann aus Zwehren kennen gelernt. 
Dortchen stammte ans der Sonnenapotheke in der 
Margast'e *), die der Grimm schen Wohnung be 
nachbart lag, sodaß zwischen den Grimmschen und 
Wild'schen Kindern ein reger Verkehr und ver 
traute Freundschaft bestand. Herman erzählt 
von seiner Mmtter, daß ihre Familie aus Bern 
stammte und sie selbst noch das Berner Bürger 
recht besaß, das den Angehörigen der vormals re 
gimentsfähigen Familien zustand (auch heute noch 
zusteht und weiter ausgeübt wird), daß er in Bern 
die Kette und Denkmünze gesehen habe, die einer 
ihrer Vorfahren nach der Schlacht von Dornach 
i499 als Auszeichnung bekommen hatte, dessen 
zweihändiges Schwert und Festkleid im historischen 
Museum in Bern aufbewahrt wird. Mit beson 
derem Stolz scheint Frau Dortchen erzählt zu 
haben, daß der Großvater ihrer Mutter Johann 
M atthias Geßner, Professor der Poesie 
und Beredsamkeit an der Universität Göttingen, 
den k1i68auru8 linguae latinae herausgegeben 
hat. 
Als Jakob und VZjlhelm in die Lage gekom 
men waren, einen Hausstand zu gründen, scheinen 
sie beide den VZunsch gehäbt zu haben, Dortchen 
zu heiraten, das kleine Lustspiel „Einer muß hei 
raten" erzählt davon. Die Frage wurde dadurch 
gelöst, daß Wilhelm Dortchen heiratete und Jacob 
mit wenigen Unterbrechungen bis zu seinem Le 
bensende mit ihnen zusammen gelebt hat. Wil 
helm war zur Zeit der Heirat 39, Dortchen 30 
Jahre alt. 
Von seiner Mutter schreibt Herman, daß sie 
eine angeborene Liebe zur Gärtnerei gehabt habe, 
vor allem aber auch ein tiefes Heimatsgefühl, das 
sie offenbar auf ihre Kinder zu übertragen ver 
standen hat. Wenn die Familie einmal im Jahr 
mit vielen Koffern von Göttingen nach Kassel fuhr, 
freuten sich alle, wenn zwischen Landwehrhagen und 
Sandershausen die Hessische Grenze, durch den 
dort aufgestellten Löwen kenntlich, überfahren 
wurde, „dann fühlten wir uns alle in der Heimat". 
Ich erinnere mich an einen Brief von Dortchen, 
1) So schreibt Herman Grimm im Vorwort zur 
Jubiläumsausgabe der Märchen 1897, er wird wohl 
von seiner Mutter die Marktgasse nie anders als 
„Margaste" haben nennen hören. 
geschrieben an eine Verwandte in Kassel, in dem 
heißt eS: „jetzt muß ich immer an den Birnbapm 
im Garten, gleich links neben der Türe, derchen, 
der blühte immer so schön. Der Jakob war recht 
erkältet, ich wollte ihn nicht ausgehen lasten, 
aber er ist doch in die Akademie und hat eine schöne 
Rede gehalten, ja der Jakob".' Die Freude an der 
Natur, die Sehnsucht nach der Heimat, die Für 
sorge für Jacob und der Stolz auf ihn, alles in 
diesen beiden Sätzen. Niemand hätte das Wesen 
dieser Frau einfacher uüd treffender kennzeichnen 
können als sie es unbewußt in diesen Sätzen getan 
hat. In einem Gedicht des jüngeren Sohnes Ru 
dolf auf Jacob habe ich die folgenden Strophen 
gefunden: 
Saht ihr ihn je? Seit langen Zeiten ruht er 
Im Grab, doch seine mächt'gen Werke leben! 
Von Jahr zu Jahre immer großgemuther 
Hat er die reichsten Schätze uns gegeben; 
Er trug in sich den echten deutschen Geist, 
Ihm, daß e i n Volk wir, danken wir zumeist, 
Durch i h n war's, daß als Volk wir uns erkannten. 
Erneut, verjüngt in srischer Macht erstanden. 
O teures Herz, so glühend, so gewaltig, 
llnd doch so zart und wie ein Kind unschuldig! 
Du lichtes Lockenhaar, ihr Wangen faltig. 
Doch mild und weich — einst trugst Du Leid geduldig. 
Wohl, seiner Jugend Lebenskampf war schwer. 
Doch still gefaßt, voll Mut schritt er einher. 
Er sorgte für den Bruder, meinen Vater, 
Er war sein Schutz, sein Tröster und Berater. 
Und Beide lebten dann, treulich verbunden. 
Umpflegt von nieincr Mutter Frauensorgen, 
Wißt, solche Dreizahl wird nicht leicht gefunden, 
Froh fühlte eins im andern sich geborgen. 
Die Mutter war ein frisches Maienkind, 
Ihr Wesen: Frühlingsatem hold und lind —, 
Saß sie beim Mahle, sorgend zwischen Beiden. 
So war'g ein Anblick wohl zum Augenweiden. 
Der Oheim lebhaft, scherzend, augenblitzend. 
Der Vater still, mit hohen Augenbogen, 
Die Mutter heiter zwischen Beiden sitzend, 
Bald hier — bald dorthin sorgend hingebogen; 
Der Bruder uud die Schwester, all vereint — 
O Zeit, da hell des Glückes Sonne scheint! 
Die Sonne sank — kurz war die Zeit gemessen. 
Doch lebt sie treu im Herzen, nie vergessen. 
Aus diesen ^Dorten spricht deutlich die dankbare 
Verehrung, die die Kinder für diese „Dreizahl", 
man möchte sagen für diesen „Dreiklang" empfun 
den haben, dessen Harmonie in den vielen Jahren 
des Zusammenlebens keine Störung erfahren hat. 
Außer den drei hier erwähnten Kindern hatten 
Wilhelm und Dortchen noch eins, „das Jaköb- 
chen". Das war das älteste, es starb im Alter von 
vier Jahren und liegt auf dem alten Kasseler 
Friedhof neben der Mutter der Brüder, das Grab
        

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